Jedes Jahr findet am letzten Samstag im Monat April eine Motorrad-Gedenkfahrt statt, die vom ACM (Arbeitskreis Christlicher Motorradfahrer) organisiert wird.
Vorlaufzeit 8 Monate!
Vor zwei Jahren war ich Mithelferin dort. Der NDR brachte vor der Fahrt einen Bericht, und ich durfte damals "interessiert zugucken und zuhören", als Reinhard, der Pastor, über die Arbeit des ACM berichtete.
Ich durfte dann vor der Ausfahrt mit anderen Helfern zusammen das Startgeld von 1,- Euro einsammeln. Damals war ich nur Motorradfan gewesen - von Führerschein noch keine Rede!
Ich stapfte da durch die Reihen, scherzte mit den Heranfahrenden und irgendwie schaffte ich es immer, mehr als 1,- Euro einzusammeln ... vielleicht lag es an meiner Freude, die tollen Maschinen anrollen zu sehen - oder die alten Wettergesichter ehrfurchtsvoll anzustarren ... keine Ahnung.
Meine aufmerksamen Leser wissen, wie es dann weiterging KLICK ...
Im letzten Jahr (2013) lag ich mit Erkältung im Bett, und leider war der Gedenktag total verregnet gewesen. Nur 500 Teilnehmer fuhren im Gedenken an die verunfallten Biker aus der Region.
In diesem Jahr war sich der Wetterbericht nicht einig. Sonst ist Proplanta immer sehr zuverlässig, aber am 26.4.2014 waren sich die Prognotisten nicht wirklich sicher.
Trotz allem Hin- und Her beschloß ich, mit Ellie nach Salzgitter zu fahren. Ob ich die Ausfahrt mitmachen wollte oder nicht, wollte ich vor Ort entscheiden.
In der Salzgitterzeitung wurde gute Werbung gemacht KLICK HIER (vollständiger Bericht)
Stadt Salzgitter erwartet 4000 Biker zur Gedenkfahrt
Lebenstedt Der Konvoi fährt vom
Rathaus in Salzgitter aus zur Martinikirche in Braunschweig. Acht Holzkreuze
begleiten ihn.
8 Holzkreuze bedeuten, 8 verunfallte Motorradfahrer in unserem Landkreis. Dieses Event hat einen ernsten Hintergrund, der - wie seit vielen vielen Jahren - würdevoll gestaltet wurde. Berufsschüler zimmern die schlichten Holzkreuze, auf denen der Vorname und das Alter der Person steht.
In diesem Jahr war ein Junge mit 15 Jahren dabei ...
Gegen halb zehn und bei bestem Sonnenwetter schwang ich mich auf Ellie und fuhr zunächst einmal zur Tankstelle. Tanken und Luft kontrollieren.
Bei der Zapfsäule war ich nicht schnell genug, ein anderer Biker kam mir zuvor. Netterweise schob er seine Maschine direkt nach dem Tankvorgang zur Seite und winkte mich ran. Erst dann ging er bezahlen.
Dank an den Unbekannten, das fand ich klasse!
Als ich dran war, blieb ich wie immer auf dem Motorrad sitzen. Es gibt Tankstellen, da ist das mittlerweile verboten ...
Nach dem Bezahlen wollte ich freundlich sein und einen Autofahrer an die Säule lassen - das Handschuhanziehen dauert doch immer etwas und ich wollte die Säule nicht blockieren. Also setzte ich mich auf Ellie und schob sie einige Meter nach vorne. 200 Kilo mal eben schieben ... nicht grad ohne.
Der Autofahrer hinter mir aber ... zeterte und schimpfte und schüttelte mit dem Kopf in seiner Kiste.
Also schob ich noch einige Meter und landete fast im Rinnstein. Das reichte dem Typen aber immer noch nicht. Er fuhr mir sozusagen auf die Kimme ...
Erst als ich mit Ellie mitten auf der Straße parkte, war ihm das gut genug. Er wollte den Tankrüssel genau wagerecht in seine Karre stecken.
Da will man EINMAL höflich sein ...
Ich zog in aller Ruhe meine Handschuhe an, setzte mich in Position und fuhr in einem eleganten Bogen auf die Hauptstraße raus. Mir begegneten ständig andere Kumpels, alle grüßten, die Sonne lachte, der Frühling duftete ... und ich fuhr mit klopfendem Herzen über Klein Schöppenstedt auf die Stadtautobahn Richtung Salzgitter.
Überall Motorradfahrer. Nur die Autos störten irgendwie ...
Ich fuhr am Braunschweiger Kreuz vorbei, und dann das kleine Stück auf der A39, wo ich letztes Jahr noch solchen Horror vor hatte. Abfahrt Salzgitter-Lebenstedt Nord runter, mehrere Biker hinter mir im Schlepptau. Alle fuhren Richtung Rathausplatz.
Der Bereich um den Platz war wie immer abgesperrt. Ich hielt vor den rotweißen Barken an und fragte nach einem Anhaltebereich für Unentschlossene (da ich mir noch nicht sicher war, ob ich mitfahren würde).
Die beiden Ordner waren das erste Mal dabei und dementsprechend uninformiert. Jungsjungs, liest denn vorher KEINER den Stadtplan von euch?
Ich solle mich einfach "irgendwo rechts an den Rand stellen", war die vage Aussage. Da ich aber vorletztes Jahr schon mal da war, wußte ich, dass der Rand entweder als Restbehelf für Nachzügler oder als Rettungsstreifen genutzt wird.
Die beiden Kerls da in ihrem quietschegelben Outfit waren wohl noch nie dabei gewesen, schien es mir ... auch vor zwei Jahren nicht als Zuschauer ...
Gut, das ich mich auskannte. Ich wollte auf den alten Postbank-Parkplatz. In einem weiten Bogen fuhr ich also um den Rathausplatz - und fand mich auf einmal an der Stadtgrenze von Salzgitter wieder. Okay, SO einen großen Bogen zu fahren war also nicht so schlau. Also zurück. Und dann fand ich den Platz, wo ich vor zwei Jahren mit dem Auto geparkt hatte. Im Schatten, unter einem großen Baum, an einer Betonabgrenzung, neben einem dicken Mercedes-Kombi, der den Blick versperrte, war genau Platz für meine Ellie.
Als ich den Helm abnahm, hörte ich schon die Bässe und den typischen Lärmpegel für so ein Event.
Ich zog das langärmelige Wintershirt aus und knotete es um den Spiegel. Wer das klaut, hat selber schuld ... den Rest des Zeugs prummelte ich in meine Heck- und die Tanktasche hinein, klipste den Helmriemen zu, hängte mir den Helm über den Unterarm, streichelte Ellie noch einmal ... und dann stapfte ich auf den Rathausplatz.
Hunderte von Motorradfahrern waren schon da, ebenso etliche Einwohner und Touristen in Sommerkleidung, denn die Sonne hatte schon heftig zugelegt. Ich steuerte das Zelt vom ACM an. Da konnte ich den Helm, die Jacke und die Taschen loswerden. Außerdem entledigte ich mich dort im Hintergrund im Schutz der Biertische ganz unkonventionell meiner langen Unterhose. Uff, schon besser ... dann die Hosenbeine der Motorradhose hochgeschlagen, nur die Lederweste über das T-Shirt gezogen ... sehr viel besser! Jetzt noch die Sonnenbrille aufsetzen, und ich war gerüstet.
Mein Handy brummte und ich war erstaunt, wer mich JETZT störte. Der Mann war es, er war auch kurzentschlossen nach Salzgitter gefahren.
Wir trafen uns vor dem ACM Zelt, begrüßten Uli und Reinhard (die Hauptorganisatoren) und wanderten dann auf dem Platz herum.
Der Moderator vorne auf der Bühne hörte sich wohl gerne reden ... mir war das zuviel Gelaber, ich brauchte erstmal einen Kaffee!
Coole Einstellung - Daumen hoch für den Getränkestand!
Nur Kaffee war auch irgendwie zuwenig, also gab es noch eine Bratwurst (für den Mann). Für mich kam vom Stand des Tierheims Salzgitter ein leckere Stück Mandarinentorte dazu (Bratwurst kam bei mir später ;-).
Im nachhinein kamen in den Foren kritische Nörgeler zu Wort, die den Gedenktag als Fress- und Saufparty beschimpften.
Der Tag würde immer mehr kommerziell verkommen.
Nun, ja, es waren Verkaufsstände da - einer für Lederwaren, einer mit Schmuck und Tüchern, einige Infostände (Biker-Union, Tierheim, Bike-Schmiede, Sparkasse) - aber hey - irgendwer muß diesen Tag auch sponsern!
Für die Kinder wurde etwas geboten (Plastikkugeln, in denen sie herumkugeln konnten - und Hochseil-Springen), und die Erwachsenen konnten etwas trinken oder futtern (Crepes-Bude, Getränkebude, Würstelbuden, Dönerbude, guggsdu).
Vorne vor der Bühne standen auf schwarzen Tüchern die 8 Holzkreuze. Ich beobachtete, dass viele Biker davor stehen blieben. Später drehten sie ab, setzten ihre Sonnenbrillen wieder auf und holten sich etwas zu trinken (kein Alk vor 14 Uhr, wir erinnern uns!).
Der Tod ist eine ernste Sache. Er ist so endgültig. Keiner von uns weiß, wann er oder sie dran ist. Und es schert den Sensemann nicht, ob wir nun eine Bratwurst mehr oder weniger im Bauch haben, und aus welchem Anlaß wir sie gegessen haben!
Auf der abgesperrten Straße füllte es sich langsam ...
Die Reihe geht bis zur hinteren Absperrung und bildete dann den zweiten Teil des Korsos; natürlich war der rechte Randstreifen voll belegt gewesen!
Es folgte eine Rede vom Oberbürgermeister Klingebiehl (in Lederklamotten, und ehrlich, er sieht darin besser aus als in Anzug und Krawatte). Die Stadt Salzgitter ist in vielen Dingen lässiger als Braunschweig: hier wird ganz einfach mal eben kurzfristig eine Doppelstraße gesperrt (später, zur Stuntshow), und die Anwohner nehmen das gelassen.
Wo in Braunschweig sofort die Nörgler wie Herpes aus dem Boden schießen, sind die Leute in SZ gelöster. "Ist endlich mal was los hier bei uns!" sagte ein Rentner zu mir, der mit in der Menschenschlange lustwandelte, als wir die Motorräder anguckten.
Gegen 14 Uhr war angepeilt, den ersten Korso auf den Weg zu schicken. Es war noch Zeit, und so legte ich mich ins Gras und hing meinen Gedanken nach ...
Diese Stimmung dort - mit einer Portion Ernsthaftigkeit wegen des Anlasses - die ganzen Motorräder (und ein Haufen von Gehirnkranken, die das als willkommene Möglichkeit sahen, ihre Dezibelstärken aufheulen zu lassen ... grmpf ...), die Gespräche der Leute um mich herum, und meine Erinnerung an den Tag vor zwei Jahren!
Diesmal laufen andere Leute durch die Reihen und bitten um das Startgeld!
Ich lag da, und auf einmal war es da, dieses Gefühl. Hier und heute bin ich Teil einer Gemeinschaft, die ich vor zwei Jahren unbedingt auch kennenlernen wollte. Zwei Jahre - was ist in der Zeit alles passiert!
In dem Moment entschloss ich mich allerdings auch, im Korso besser nicht mitzufahren. Mir war das zu wuselig.
Ein Freund kam mit seinen Kumpels zu mir, er wollte den Korso mitfahren. Sie hätten mich in die Mitte genommen, aber trotzdem war ich nicht in der Stimmung.
Der zweite Korso war wesentlich ruhiger, und vielleicht hätte ich dort eine gute Möglichkeit gehabt zum mitfahren, aber das wußte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht ...
Gleich geht's los
Es brummt, hupt, blubbert und ballert schon im Hintergrund!
Und dann kam das Startsignal - der erste Korso fuhr endlich los!
Sie fuhren im Schritttempo, und ich konnte deutlich erkennen, wer Schritt fahren konnte und wer nicht. Sie fuhren langsam, stoppten, fuhren wieder an, zwischendurch kamen Trikes und Roller, und ich war froh um meine Entscheidung, nicht mitzufahren. Das war mir da zu anstrengend, ständig auf die anderen Fahrer mit aufzupassen. Etliche eierten sich da einen ab ...
Ein echter Korso, so wie die MC's sie fahren - versetzt, in strenger Ordnung(klick) - war hier nicht erkennbar.
Aber das war wohl auch zuviel verlangt ... Viele Motorradfahrer treten zwar in Schwärmen auf, fahren aber lieber als Lonely-Wolf. Ist wohl auch besser so.
Sie zogen gemächlich an mir vorbei - trotzdem ein beeindruckender Anblick und eine imense Geräuschkulisse!
Der Mann hatte Termine und verabschiedete sich - ich blieb noch und wollte den zweiten Konvoi abwarten.
Eine halbe Stunde später fuhr der zweite Konvoi. Ich hätte noch Zeit gehabt, mich einzureihen ... bis zuletzt war ich doch zögerlich. Vielleicht im nächsten Jahr?
Gegen 15 Uhr plünnte ich mich wieder an, verließ die Festmeile, und fuhr mit Ellie noch eine kleine Runde in der Gegend herum. Prompt gelangte ich in einen Rückstau, denn für den Konvoi war die Autobahnauffahrt, zu der ich wollte, gesperrt. Zum Glück kenne ich mich in der Gegend aus, und fuhr weiträumig - über Halchter und Ohrum - zurück nach Hause.
Ich mußte noch einkaufen, und außerdem wollte ich gegen Abend mit dem Auto zurückkommen und die Konzerte der angekündigten Coverbands mitnehmen!
Eine gute Entscheidung ...
Nick Young war echt super. Vorne an der Bühne heftig laut, aber ich konnte ja ausweichen!
Ich stand da in der Gegend herum, und genoß die Stimmung. Einige angetüddelte Einwohner wankten auf dem Platz entlang - das gehört irgendwie mit dazu zu so einem Event! - aber der große Teil der Besucher war friedlich, und guter Laune. Als Nick Young eine Pause einlegten, kam Micha Thein, ein Stuntfahrer, mit seiner Show. Ich hatte ihn schon einmal in Wolfsburg auf der Motorradmesse erlebt. Hier in SZ war er ebenfalls gut drauf, die Straße bot mehr Platz und die Show war superklasse.
Leider blinkte mein Akku schon wieder heftig vor sich hin, so dass kein Video möglich war. Nur zwei Fotos ...
Micha Thein in Action - um 19, 20 und 21 Uhr mit seiner Stuntshow - echt super!
Kurz vor Eintritt der Dunkelheit kam eine Dire-Straits-Coverband auf die Bühne. Und DAS war ein Highlight. Erst der Rock von Nick Young (hart, heftig und laut) und dann die sanfteren Töne. Dazu die Light-Show ... eine ganz besondere Stimmung!
Der Bekannte von mir, der heute mittag den Korso mitgefahren war, traf auch ein. Sein Bericht bestätigte mir, dass ich mich richtig entschieden hatte, nicht mitzufahren.
"Ein totaler Hühnerhaufen!" war sein Fazit. Er wolle da nicht noch einmal mitfahren.
So saßen wir da auf den Biertisch-Sitzbänken, lauschten den Klängen der Band, während der Himmel langsam immer dunkler wurde. Die Sterne kamen raus, und so allmählich wurde es auch kühl.
Ein schöner Abend klang aus.
Wir nahmen die Stuntshow um 21 Uhr noch mit, dann verabschiedete ich mich.
Während ich zum Auto ging, fing die Band wieder an zu spielen, und im Hintergrund auf einem anderen Fest ging ein Feuerwerk los.
Das war alles so passend, dass ich mich ins Auto setzte, die Fenster offen ließ, und noch zehn Minuten die besondere Stimmung genoß, bevor ich randvoll angefüllt mit dem Erlebten gemütlich nach Hause fuhr.
Die Stadtmarketing-Leute von Salzgitter haben wieder einmal viel auf die Beine gestellt. Die Angebote vom Verkehrssicherheitstag im Rathausgebäude habe ich gar nicht angeschaut - es soll da eine Rauschbrille gegeben haben und noch diverse andere interessante Möglichkeiten!
Die Leute vom ACM haben ebenfalls Großartiges geleistet. Alles in ehrenamtlicher Arbeit, und die Koordination mit den Ämtern ist mit Sicherheit keine leichte Sache gewesen ... alleine das Straßensperren und Einweisen in Braunschweig muß schon echt hart gewesen sein ...
Wie schon erwähnt, sind einige Leute in den Foren agressiv gegen die Veranstaltung gegangen. Ein friedliches Verständnis für so ein besonderes Event ist leider keine Selbstverständlichkeit mehr - manch einer tobte, weil er - obwohl im Verkehrsfunk und in der Presse angekündigt - Umwege oder Wartezeit in Kauf nehmen mußte.
So etwas stimmt mich traurig, nicht erst seit heute. Früher als Kind fand ich diese Konvois schon immer faszinierend, wenn sie unter mir - ich als Zuschauer auf der Autobahnbrücke - Richtung Hamburg donnerten.
Ich habe dieses Gen in mir - andere haben es nicht. Ihnen entgeht sehr viel. Das Unbekannte ist nicht in jedem Fall eine Bedrohung - oftmals ist es eine Bereicherung, wenn man sich drauf einläßt.
Egal in welche Richtung! Entweder, es gefällt einem - oder es gefällt einem weniger - aber in jedem Fall hat man eine Horizonterweiterung erfahren!
Alle Dinge, die mir geschehen, dienen mir zum besten - hier mal ein Zitat aus der Bibel. Ich habe in zwei Jahren sehr viel mehr Horizont bekommen. Bin ständig über meine Angstgrenzen gegangen. Das war anstrengend, keine Frage. Das war oftmals mit großem Kampf. Ich habe andere Aktivitäten - und Menschen - aufgeben müssen, um weiterzukommen. Das hat weh getan.Und trotzdem - ich bereue es nicht.
Keinen einzigen Tag. Denn ich habe soviel neues erleben können. Und den Horizont geweitet. Und so ein Fazit ist doch etwas tolles, finde ich :-)