Bei Harley in Braunschweig war Open House Wochenende mit Probefahren, und was Harley sonst noch so anbietet für das Klientel der goldenen Visa-Master-sonstwie-Card.
Da der Zettfahrer und ich aber andere Pläne hatten, schauten wir beim Vorbeifahren aus dem Auto von der Autobahn aus nur auf die Menschenmassen. Später sah ich in einem Forum Fotos von der Aktion und war erleichtert: ich hatte nichts verpaßt.
Nee, echt - bei SO einem Kaiserwetter mit Hunderten anderer Menschen in praller Sonne stehen und mich zudröhnen lassen von Impulsen, die mich nicht einen Halm weit interessieren ...
WIR verbrachten hingegen einen herrlichen Nachmittag in der Nähe der Heide, begutachteten verschiedene Viechereien, schlemmten in Unmengen von Blaubeeren herum, futterten sagenhafte Wurstwaren und waren mit unserer Tagesplanung rundum zufrieden!
Das Fahren wollte ich dann auf den Sonntag verlegen. POLO hatte Sonntagsverkauf, 10% Rabatt gab es auch noch, und da ich eh neue Sachen brauchte, stand der Plan fest. Erst eine kleine Runde bei dem herrlichen Herbstwetter, einkaufen, und dann nochmal zum Ausprobieren Richtung Harz.
Gegen 10 Uhr war es Sonntag morgen immer noch ziemlich kühl. Die Sonne wärmte langsam, aber die Luft war deutlich herbstlich eingetüncht! Es wurde Zeit, an die wärmere Fahrvorbereitung zu denken.
Gegen 12 Uhr hielt mich zuhause nichts mehr. Ich zog das Jacken- und das Hosenfutter ein, Funktionsshirt und -Hose, eine dünne Fleecejacke und - ganz wichtig - die Sturmhaube. Die Wintersturmhaube packte ich in die Satteltaschen, ebenso dickere Handschuhe. Man weiß ja nicht ...
Es ging los. Die Luft war frisch, und durch mein geschlossenes Visier pfiff der Wind. Der X-Lite Helm gibt langsam Schwächen preis. Er ist schon dreieinhalb Jahre alt. Polster schützt nicht mehr so, Dichte gegen Zugluft nicht mehr so, und laut ist er geworden.
Gerade im Winter ist Zugluft übrigens extrem ätzend für mich. Kalte Luft einatmen macht mir sofort Erkältung der Atemwege, obwohl ich durch das Nordic Walken, Radfahren und Wandern nicht gerade ein Weichei bin!
Wird wohl Zeit für etwas Neues in bezug auf den Helm ... vielleicht endlich mal einer mit Sonnenblende!
Ich fuhr eine Runde und genoß die klare Aussicht!
Ein Stück Weg hier, einige Kilometer da ... herrlicher Blick auf das Harzvorland. So muß ein Sonntag sein!
Auf der B79 gab ich Gas, und ein Blick im Rückspiegel zeigte, wie das Herbstlaub empor stob. Ein hübscher Anblick, der mich aber auch etwas wehmütig machte. Das Laub färbte sich bereits kräftig, die Ebereschenbäume leuchten an den Hügeln der Asse knallrot - Herbst. Eindeutig!
In Groß Denkte hielt ich am Straßenrand und zog meinen Fleecekragen über den Helm. Uff, endlich Ruhe am Hals. Das Teil, was ich mir letzte Saison aus zwei alten Pulloverärmeln gefertigt hatte, hält wirklich gut die kalte Luft vom Körper fern! Es beginnt also wieder die Michelin-Frauchen-Zeit, wenn ich nicht frieren will.
Einen kleinen Teil der Anfahrt mußte ich über die A395 erledigen - die Zeit wurde mir sonst zu knapp. Nicht wirklich meins, diese Abfahrt auf die A39-Kurve.
Nach 61 Kilometern Fahrt kam ich bei POLO an. Die Hose hatten sie nicht da, wird aber für mich bestellt. Ich kaufte stattdessen ein Paar neue Handschuhe von Thermoboy, einen Winternierengurt - auch Thermoboy - ein Paar Longjohns von FLM, und probierte einen Helm. Der hat grad einen guten Preis, da Auslaufmodell. MIT Sonnenblende. Den, den ich wollte (weiß, hellgrau) müssen sie aber auch erst anfordern. Vom Sitz her war der klasse, aber über die Kosten von 319 Euro muß ich mir erst einmal klar werden ...
Gegen 14.30 Uhr war ich fertig mit Einkaufen und Anprobieren, schwang mich wieder auf Ellie, zog die neuen Handschuhe an und fuhr los.
Tja ... ewiges Thema Handschuhe!
Ergebnis: Thermoboy Null, Lenkerstulpen EinsPlus. Die Handschuhe sind mir zu starr, und meine Finger sterben ab. Warm gewesen sind sie nur am Anfang, später wurde mir das zu unangenehm. Ich bleibe also wie gehabt bei meinen Lenkerstulpen. Sehen klobig aus, verschaffen mir aber deutlichen Komfort: keine blauen Finger, die Griffheizung wirkt da wo sie soll, und ich kann mit meinen Sommerlederhandschuhen fahren, mit denen ich ein sehr gutes Griffgefühl habe ...
Die tollen Handschuhe von Thermoboy mögen also andere gut finden. Meins waren sie nicht. Für 70 Euro eine Probefahrt, die zeigte: taugt für Heike nix.
Memo an mich: Lenkerstulpen anbauen, aber hurtig!
Ich fuhr weiter, neben der Harzautobahn entlang. Einige Sonntagsdosenfahrer waren mit mir unterwegs, aber da ich ja im Feiertagsmodus unterwegs war, störte mich das nicht. Vereinzelte Gebückte kreischten ungeduldig zwischen den Schnecken, touchierten mich fast beim Einscheren, und hingen dann später gesammelt hinter einem Bus fest.
Ein klein wenig Schadenfreude machte sich in mir breit, das gebe ich gerne zu.
Die Harleys traten ebenfalls verstärkt auf. Fuhren aber immer auf der Gegenfahrbahn an mir vorbei. Die nächsten Kandidaten für das Full-Crowd-Event am Hafen.
Sonja scheint die vorbildliche Ausnahme zu sein. Denn die Fahrer, die mir entgegen kamen, waren wohl zu cool zum Bikergruß erwiedern.
Wenn ich die Lenkerstulpen drauf habe, reduziert sich das Grußerwiedern sowieso auf ein Minimum. Vielleicht sehe ich von vorne aus wie ein Rollerfahrer - und Rollerfahrer zu grüßen ist ja sowieso ein absolutes No go in der geheimnisvollen Welt der Gruß-Regelung.
Pft ... dabei fahre ich auch nach der Saison noch. Bislang habe ich in dieser mehr als 11000 Kilometer gefahren. Etwas, was die meisten Hobbyfahrer nicht einmal annähernd schaffen. Aber dann große Töne spucken und auf andere herabsehen.
Insofern macht es Spaß ab 1.11. - denn da sind nur noch die Unerschrockenen unterwegs, man wird fast immer gegrüßt und die Lenkerstulpen werden allenfalls anerkennend erwähnt. Weil die, die dann fahren, genau wissen, wie sich kältesteife Griffel anfühlen.
Dann bog ich auf die Autobahn ab, in Richtung Vienenburg. Bei Schladen verließ ich die Bahn, denn kurz danach fängt diese ewige Baustelle an: nur eine Fahrspur, Tempo auf 40 km/h und das ist sogar mir zu trantütig ...
An Schladen vorbei, rechts in der Senke die rauchenden Schlote der Zuckerfabrik. Die Luft roch nach gebrannten Mandeln. Die Rübenkampagne ist angefangen. An den Feldrändern liegen meterhoch aufgebaut die ausgebuddelten Zuckerrüben, und die Straßen sind an den Feld-Aus- und -Einfahrten mit Erdklumpen versaut. Bei Regen oder nassem Wetter verwandelt sich das in einen glitschigen Belag aus Lehm, der wie Schmierseife wirkt.
Kaum war ich durch Hornburg hindurch, hörte der wenige Sonntagsverkehr auch auf. An einem Feldweg hielt ich an, stellte Ellie ab und genoß ein wenig den herrlichen Spätseptembertag. SO fühlt sich ein Sonntag an. Sonne im Gesicht, ein Reiher kreist über den Feldern, irgendwo plumpst ein Apfel mit einem harten Klatsch auf den Asphalt und einige Grillen zirpen voller Energie und Wehmut. Über allem ein kitschblauer Himmel mitsamt Schäfchenwolken.
Ich hatte noch keine Meinung, wieder nach Hause zu fahren. Erstmal weiter, Richtung Harz.
Ich fuhr und fuhr, und genoß die kleinen Details am Wegrand: lila und rot gefärbte Astern in den Vorgärten, Sonnenblumen an den Feldrändern, das satte Braun frisch gepflügter Felder, Spaziergänger mit einem Eis auf der Hand. Der Parkplatz am Kloster Drübeck war voll gefüllt. Eigentlich wollte ich hier Station machen und etwas futtern, denn seit dem Frühstück hatte ich nichts mehr gehabt. Aber auf solche Menschenmassen hatte ich keine Lust.
So fuhr ich also dran vorbei, weiter auf Seitenstraßen nach Wernigerode. Das Schloß thronte majestätisch auf dem Hügel, und die Umleitung nach Elbingerode verschaffte mir wieder einige Übung im Anfahren am Berg. Bislang schaffte ich es niemals wegen des nachfolgenden Verkehrs, ein Foto mit Ellie und dem Schloß im Hintergrund zu machen. Real sieht es aber wirklich gewaltig aus, diese Kulisse.
Auf dem Weg nach Elbingerode legte ich eine Pause ein.
Während ich dort herumstromerte, mir die Beine vertrat und meine Ausrüstung neu sortierte, brandete der Verkehr durch die Kurve an mir vorbei. Eine echte Showkurve. Ein Einheimischer brüllte gleich mehrfach dort entlang. Hoch, runter, hoch, runter.
Dicht gefolgt von weiteren im Papageienleder. Ab und an aufgehalten von einer Horde Simson-Fahrer - das wird wohl die Simson-Jugend-Oberharz gewesen sein, die sich heute oben an der Rappbodetalsperre treffen wollte.
Einige bekloppte Radrennfahrer waren auch mal unterwegs und schnauften mit verbissenem Gesicht, hautengen Klamotten und strammen Waden an mir vorüber.
Ich glaube, in diese Kurve komme ich noch einmal. Dann aber mit Klappstuhl, mit Picknicktisch, gutem Grillessen und einigen Freunden zum Lästern. Vielleicht noch mit Fähnchen, die ich dann schwenke. Eine echte Poserkurve!
Ich war ziemlich groggy. Es ging auf 16 Uhr zu, ich hatte schon einige Kilometer hinter mir, und mein Magen protestierte schon seit geraumer Zeit. Ich schickte dem Zettfahrer eine Nachricht, und machte mich auf zur Weiterfahrt. Ziel: Biker Ranch Hasselfelde, lecker Essen bei Mario und Carmen und vor allem Pause machen und erholen zur Rückfahrt.
Kaum war ich auf der Straße, kamen von hinten Horden der Freizeitraser angefegt. Ich fuhr stoisch meinen Stiefel, ganz rechts und winkte sie vorbei. Niemand bedankte sich.
Das kotzt mich ehrlich gesagt mächtig an. Ich bin so nett und behindere sie nicht, mache ihnen auch noch Platz - warum also bedankt sich nicht EINER dieser Geisteskranken mal zurück?
Die treiben es noch soweit, dass weitere Straßen am Wochenende gesperrt werden für Motorradfahrer. Und friedliche Gesellen wie die Simson-Jünger, einige Rollerfahrer, der Studienrat aus Obersulzbach mit seinem alten BMW-Gespann, Hilde aus Magdeburg mit seiner lieben Marietta und dem MZ-Dreirad sowie Heike und Ellie das Nachsehen haben.
Etwas angesäuert, hungrig und verfroren traf ich nach ungefähr 100 Kilometern von POLO aus gerechnet bei Mario und Carmen ein. Ich parkte wie immer genau vor dem Geländer, quetschte Ellie zwischen die dort stehenden Rennsemmeln.
Rechts von mir stand ein junges Mädchen in schickem weißen Rennleder neben ihrer Maschine, und vier ältere Kerls zerpflückten gerade ihre Anfahrt in die Einzelteile. Wo sie hätte Gas geben müssen, was sie noch alles aus ihrer Maschine rausholen könnte etc.
Als sie dann zustimmend nickte und meinte: "Ja, aber so gut kenne ich die Maschine noch nicht, und es ist ja auch erst meine erste Saison, ich habe den Schein ja noch ganz neu", schüttelte es mich.
Bald hätte ich etwas gesagt - aber ich tat es nicht.
Da muß jede ihre eigene Erfahrung machen. Die Kerls meinten es auf ihre Art ja gut. Aber - FAHREN MUSS JEDER FÜR SICH. Tipps geben ist das eine - sie umzusetzen für sich, ohne Gruppendruck - sichert einem das unversehrte Heimkommen. So habe ich es immer gehalten. Ich stehe zu meiner Art zu fahren. Das ich nicht in der Gruppe fahren mag. Zu meinen Lenkerstulpen. Zu meiner Lieblingsreisegeschwindigkeit. Wem das nicht paßt, der darf gerne voraus eilen.
Ich nahm die Geldbörse, das Handy und den Zündschlüssel und stapfte über die Rampe in die Ranch. Wohlige Wärme empfing mich. Der Kamin war geheizt. Himmel, was hatte ich jetzt Hunger, und kaputt war ich ebenfalls. Ich hockte mich an den Kamin und hoffte auf Wiederbelebung meiner Kräfte.
Wenige Augenblicke später stand eine Schüssel mit heißem Chilli vor mir, und ein frisch aufgebackenes heißes Brötchen wartete darauf, das Brennen in meinem Mund zu mildern.
In schneller Folge kippe ich erst den Kaffee, dann ein Glas Cola hinterher. Energiemangel, aber sowas von.
Erst nach dem Essen kehrte meine Kraft wieder zurück. Ich hatte mich durch das schöne Wetter blenden lassen - letztes Essen um 10 Uhr, und um 17 Uhr das nächste. Dazwischen eine längere und teilweise anstrengende Tour, dann die Strecke im Harz. Kurzum: ich war nicht nett gewesen zu mir selbst.Jetzt bin ich schon drei Jahre dabei, aber manche Dinge ändern sich schwer.
Als der Zettfahrer wenige Minuten später mit dem Auto eintraf, stand meine Entscheidung fest: Rückfahrt zu seinem Wohnort, Ellie dort lassen und gemütlich im warmen Auto zurück nach Hause. Bis zum Zettfahrer hatte ich nämlich wieder insgesamt über 200 Kilometer auf dem Tageskilometerzähler, und das ist für "nur mal eben Einkaufen und etwas touren" doch schon ganz ordentlich.
Um 18 Uhr schwang ich mich auf Ellie, der Zettfahrer kam mit dem Pferd hinterher und hielt mir den Rücken frei, und es ging nach Blankenburg an die Tankstelle. Ich wechselte die Sturmhaube, und stellte die Griffheizung an.
Dann trennten sich unsere Wege kurzfristig.
Es folgen später noch Fotos, die der Zettfahrer aus dem fahrenden Auto aufgenommen hatte - Heike und Ellie in voller Fahrt. Er hatte nämlich am Rastplatz Regensteinblick gewartet, und meine Anfahrt geknipst.
Aber die Fotos müssen erstmal ihren Weg zu mir finden, sprich: das Übertragungskabel will gefunden werden!
Update:
Hier die Foto-Serie!
Auf geht's - kurze Rast an der Köhlerhütte kurz hinter Hasselfelde; warme Handschuhe sind getauscht und die innere Stimmung ist gut!
Auf der B6n - Heike und Ellie im Anmarsch
So sehe ich also aus - bei voller Fahrt
Chillmodus mit rausgeklappten Reisefußrasten
Als wir dann gegen 20.30 Uhr bei mir zuhause eintrafen, war ich froh über meine Entscheidung. Ellie residiert warm und trocken, ich konnte mich auf der Rückfahrt noch aufwärmen und den Tag Revue passieren lassen, und mußte nicht im Dunkeln auf dem Motorrad heimfahren. Dunkelfahren kann ich nicht gut.
Fazit:
Lenkerstulpen sehen murksig aus, taugen aber sehr gut.
Sieben Stunden ohne Energiezufuhr ist Mist - das wird nichts. Schwarzer Kaffee zählt nicht als Ersatz!
Chilli ist immer noch keine Option für mich.
Der Herbst ist da, und in der Woche nach Feierabend noch bei Tageslicht zu fahren wird kaum noch möglich sein. Bleibt also nur das Wochenende.
Somit ist der Harz erst wieder ab 1.11. ein Reiseziel für mich. Oh ich werde den 1.11. - übrigens ein Sonntag! genießen.
Am Samstag vorher, den 31.10., wird sicherlich wieder die Hölle los sein im Harz, so es denn das Wetter zuläßt. Alle Möchtegern-Kurvenheizer wollen nochmal die Sau um die Höhen rauslassen.
Da genießen Ellie und ich dann mit Sicherheit nur das Vorland. Oder die Applauskurve bei Elbingerode, mal schauen!
Thermoskanne mit heißem Kaffee dabei, kleiner Klapptisch, Klappstuhl, warme Decke und los geht es, das Begucken der Saisonisten.
Zettpapa - wolln wir das machen? :-)














