Weil allein Reisen mit Auto doof ist, simste ich gegen Mittag meine Moppedfreundin Tina an. Obwohl gesundheitlich ein wenig derangiert (sie hatte kurz vorher eine Zahn-OP gehabt, uah, mein Beileid war ihr sicher!), sagte sie begeistert zu.
Um 14 Uhr fuhren wir in meiner Rennsemmel-Blechdose also erst einmal nach Bad Harzburg, und dann quälte sich mein Dreizylinder die Hügel anwärts - nach Torfhaus.
Der Parkplatz an der Bavaria-Alm war rappeldickevoll. Und kein einziger Motorradfahrer zu sehen. Meine Begeisterung über den altvertrauten Platz - wo sonst nur Zweiräder stehen und Hausrecht genießen! - hielt sich somit in Grenzen.
In der Saison kaum ein Stück Blech zu sehen, war jetzt ein Angebot vorhanden wie bei der Verschiffung nach Afrika.
Blech an Blech. Mittendrin noch eine Kühlbox (Wohnmobil). Kennzeichen aus aller Herren Bundesländern. Von Flensburg bis Süddeutschland, alles vertreten. Einige echte Ausländer waren auch zu hören.
Blech an Blech auf dem Torfhaus-Arreal
Boah - da oben war/ist RICHTIG VIEL echter Winter! Mit meterhohen Schneebergen, reinweiß und nicht so ein großstädtisches Ekelgematsche!
Echte Harzer Schneetanne
Echte Harzer B4-Winterstraße, mit Schneestangen, die hier auch wirklich Sinn machen!
Dutzende Touris mit Schlitten und Kindern im Anhang tapsten mehr oder weniger elegant planlos in der Gegend herum.
Wollte man so einen Pulk von Schneeverrückten überholen, mußte man gehörig auf die herumdriftenden Plastikschlitten oder ihre Pendants, die berühmten Davos-Holzschlitten, aufpassen.
Das ging da zu wie bei Aldi morgens um 8 Uhr, wenn Aktionstag ist!
Viele der Touris wollten an den Rodelberg, der kurz unterhalb der Bavaria Alm mit guten Rodelbedingungen lockte. Der Brocken verhüllte sich im Schneesturm.
Rodelverrückte und Schneesüchtige aus aller Herren Bundesländer; plus Russland!
Wobei ich DAS nun nicht verstanden hatte, denn die Russen haben ja nun wirklich genug eigenen Winter!
Irgendwo rechts oben im Bild ist sonst übrigens der Brocken zu sehen!
Tina und ich hatten uns warm eingeplünnt, aber trotzdem ging der eisige Wind recht schnell durch und durch!
Echt eisiges Kunstwerk: ein Lattenzaun.
Sch... ey, war DAS ein eisekalter Wind da oben !!!
Tina und mir war nach Kaffee, heißem Kaffee und Gemütlichkeit am Feuer der Bavaria Alm, die da so verlockend aus der eisigen Natur heraus zu winken schien.
Wärme, Zivilisation, ein beheiztes Klo, schönes Kaminfeuer, heiße Getränke - die Bavaria Alm, Retterin in höchster Kältenot!
Aber als wir in die Bavaria Alm rein wollten, sahen wir eine lange Schlange von Leuten in unförmigen Skiklamotten vor der Tür stehen. Die Stimmung bei ihnen war grandios, die Nasen knallrot, nur: wieso ging's nicht weiter?
Ganz einfach: die Alm war ausgebucht. Es kamen nur noch soviele Leute rein, wie Gäste das Haus verlassen würden.
Tina und ich schauten uns befremdet an. Was war das denn fürn Mist? Unsere Nasen sahen allmählich ebenfalls wie die von Rudolph, dem dumpfbackigen rotnasigen Rentier aus.
Einheitliche Meinung: WEG HIER!
Wir verließen so schnell es ging diesen Ort des Kältegrauens. Schade um die 2,- Euro Parkgebühr, die wir nur knapp 15 Minuten nutzen.
Diese Gebühren sind eine Frechheit - pah, die sehen mich da oben erst wieder, wenn ich mit Ellie wieder hinfahre!
Wir fuhren also wieder ins Tal hinunter. Und da ich auf dem Hinweg schon einen Blick neben den Radau-Wasserfall geworfen hatte (Raaadau, mit langgezogenem A - hat nix mit Radau/Krawall zu tun!), wußte ich auch eine Möglichkeit zum Aufwärmen. Eine urige Waldgaststätte am verzaubert zugefrorenen Radau-Wasserfall!
Drinnen erwartete uns ein Kanonenofen (Bullerjan), der mich begeisterte und die Gaststube wohlig und gemütlich einheizte. Die ganzen toten Tiere an den Wänden und an der Decke gehören wohl zum Charme dazu. Ich mag die ja lieber lebend und im Wald, und habe mit Jagdtrophäen-Wahn absolut nichts am Hut. Hier möchte ich jedenfalls nicht im Dunkeln sitzen, ich würde eine Gänsehaut bekommen!
Echte tote Tiere aus dem Harz; also mir waren die Skelette der hölzernen Kleiderbügel lieber als die Schädelplatten der armen Viecher ...
Armes Viech. Ob das hier der Vater vom berühmten Bambi gewesen ist ???
Edle Speisekarte aus Kunstleder (Foto: Tina)
Der Cappucino schmeckte gut, und der Apfelkuchen war saftig und lecker. Die Preise waren okay. Hier werden wir im Sommer sicher noch einmal herkommen, denn der Parkplatz ist mit dem Mopped gut zu erreichen, kaum abschüssig, und mit Sicherheit ist hier nicht so ein Hype wie oben auf Torfhaus! Und draußen gibt es einen Biergarten, so kann ich dem Gruselkabinett der ausgestopften Tiere entgehen.
Die Bedienung wirkte etwas fahrig und ihrem Gesicht nach zu urteilen schien ihr der Winter genauso auf die Nerven zu fallen wie Tina und mir. Oder die Geister der toten Tiere bedrängen allmählich ihr Gemüt - kann alles möglich sein!
Tina und ich futterten, saßen dabei gemütlich an der warmen Heizung, und schwelgten in Erinnerungen an vergangene Touren im Harz.
Die "Wahnsinnige" hatte sich sogar schon an den Kyffhäuser getraut. Also das ist absolut nicht meine Welt, muß ich zugeben. Was sie berichtete, klang spannend, und trotzdem werde ich lieber in gemäßigteren Gebieten bleiben.
Wir schmiedeten Pläne für die Saison, schauten ab und an grimmig raus in das Winterwonderland, und zählten schon die Tage bis zum Frühling.
Aufgewärmt und satt fotografierten wir noch den Wasserfall.
Das Dings macht echt was her! Auch wenn es "nur" eine Touristenattraktion ist!
Echter zugefrorener Touristenwasserfall - Radau, an der B4, im Harz
Am späten Nachmittag truddelten wir wieder bei mir zuhause vor der Tür ein. Mitbringsel vom Harz: ein salzverkrustetes und schweinemäßig dreckiges Auto.
Der Preis für griffige Winterstraßen im Harz!
Fazit: Winter im Harz ist was feines. Ausreichend warme Kleidung, vor allem Skihose, ist notwendig, um da oben längere Zeit gemütlich zu überleben.
Einkehr am Wochenende - wenn Schnee liegt - auf der Bavaria Alm erschwert möglich. Der Touristenandrang ist enorm.
Ausweichmöglichkeit wäre Sonnenberg, aber auch dort gibt es Rodelmöglichkeiten und die Gaststätte ist mit Schneewahnsinnigen überfüllt.
Forstgasthaus Radau ist eine Alternative.

