Ich hatte wie im Koma geschlafen. Als der Wecker gegen halb acht rumorte, wußte ich erst gar nicht, wo ich war. Nach dem Entfernen der Ohrstöpsel hörte ich die Spatzen auf dem Hausdach lärmen, und aus dem Taubenturm gurrte es laut herüber. Irgendwo war ein Huhn damit beschäftigt, lautstark das erfolgreiche Eierlegen abzukündigen.
Ich hatte zwar einen Kühlschrank im Zimmer, aber leider keinen Wasserkocher. Bevor ich zum Frühstück hinunter ging, mußte ich also ohne Morgentee zu mir kommen. Ich duschte mich später eiskalt ab. Das half!
Die Sachen waren schnell wieder in der gelben Ortlieb-Tasche verpackt. In kurzen Hosen und Sandalen ging ich zum Frühstück hinunter, und fraß mich durch das Angebot. Kraft tanken für den Tag! Ich bezahlte meinen Obulus - 28,50 Euro (Zimmer, Zuschlag 2,50 weil ich nur eine Nacht dort war, und 6,50 für das reichhaltige Frühstück). Und buchte gleich für den August. Dann allerdings eine Ferienwohnung, weil der Zettfahrer dann auch mal länger bleiben möchte, und mit Eigenversorgung (Kaffee ans Bett!!!) sind wir unabhängiger.
Ich schnappte mir nochmal ein Fahrrad, und fuhr zum Bootssteg. Um 10 Uhr mußte ich das Zimmer räumen, es war schon wieder vermietet. Schade, ich hätte gern noch eine Nacht länger bleiben mögen. Zum erneuten Baden im See war die Zeit zu kurz - also patschte ich nur noch ein wenig mit den Füßen im Wasser herum. Dann hieß es, Abfahren. Den Einkauf bei Fischer Kagel schenkte ich mir. Mit geräuchertem Fisch im Tankrucksack den ganzen heißen Tag lang über Land zu fahren - war mir zu unsicher bezüglich der Verderblichkeit.
Die grobe Route war wieder über das Wendland. Die kulturelle Landpartie war vorüber, und ich konnte mit freien Straßen rechnen. Die vielen Radlertrupps, die elektrisch angetrieben mal von der einen bis zur anderen Straßenseite herumeierten, waren schon eine Herausforderung. Einmal kurz auf die Hupe gedrückt, verwirrte sie noch mehr. Einmal kam ich kurz auf Körperkontakt - der ältere Herr hatte seine Hörhilfen wohl nicht eingeschaltet ... Seufz, ein leiser Auspuff kann Nachteile haben!
Dann sah ich ein kleines weißes Holzschild, folgte ihm, konnte aber keinen Erfolg vermelden. Die Organisatoren hatten es wohl vergessen, abzunehmen.
Der Pausenstopp hatte sich trotzdem (für die Meerschweinchen) gelohnt ;-).
Ich querte die B71 bei Bergen/Dumme, fuhr geradeaus in die Landschaft. Hinter dem Ort Thune (lustig, gibt es auch als Stadtteil von Braunschweig!) mit seiner schönen Feldstein-Kirche ging es einen kleinen Weg entlang, und ich war wieder über die Landesgrenze nach Sachsen-Anhalt gekommen.
Dieser kleine Bach hat genau in seiner Mitte die Grenze. Und auf der Hälfte der Brücke zeigt auch heute noch ein verblichener weißer Strich die Trennung an:
Reste des ehemaligen Bauwerkes - von der Natur zurück erobert.
Es ging weiter, über kleinere Straßen. Zwischen Kortenbeck und Darendorf (macht nichts, wenn ihr das nicht kennt - war mir bis dato auch total unbekannt!) hielt ich rechts neben der Straße. Ich mußte mich orientieren. Ich war kaum drei Meter von Ellie weg, da hörte ich es krachen. Und sie lag auf der linken Seite. Der Seitenständer war weggerutscht, und sie mit voller Wucht weggepurzelt. Da lag sie nun. Kein schöner Anblick. Die Packtasche war voll, dadurch landete sie nicht auf dem Tank, und so fing der Sturzfänger das meiste ab. Das Blinkerglas hatte nur einen Sprung, ansonsten war alles heile. Ich zog, ich drückte, ich wendete alle Kniffe an, die ich mir bei Youtube jemals zum Thema "Umgefallenes Motorrad alleine wieder aufheben" angeschaut hatte. Keine Chance. Die Straße hatte offenbar eine Neigung, die ich vorher nicht erkannt hatte. Ellies Reifen ragten in einem steilen Winkel in die Höhe. Taschen abpacken? Seitentaschen leeren? Ich überlegte kurz. Dann wäre der weiche Puffer zur Straße hin aber weg. Zwickmühle!
Die Straßen waren ausgestorben. Vorhin hatte mich mal ein Auto überholt. Aber jetzt war es ziemlich still. Und herrlich einsam. Fehlte quasi nur noch das Grasbüschel, was über die Straße truddelte ... einsam spielte in der Ferne eine Mundharmonika ihr trauriges Lied in den Himmel ...
So stand ich da in praller Sonne, und blickte in den Himmel. He du da oben, wenn ich jemals Hilfe nötig hatte, dann jetzt! Mach was! Alleine krieg ich Ellie nicht hoch!
Ich wartete. Nichts passierte. Nochmal ein Stoßgebet: Also jetzt wäre es wirklich passend ...! So etwas wie eine Panikattacke kroch mir in den Bauch hoch. Ich könnte hier verfaulen, und niemand kriegt das mit ... allein reisen ist doof, gefährlich und überhaupt - wozu tue ich mir das nur an???
In dem Moment bogen aus dem kleinen Waldstück drei Radler um die Ecke, und die Erleichterung darüber überzuckerte alle anderen Empfindungen. Eine ältere Frau, eine jüngere mit Kind auf dem Sitz, und ein kleines Mädel auf einem Einhornglitzer-Rad. Ich rief ihnen zu, das ich Hilfe benötigen würde. Die ältere Frau meinte, das sähe man ja auch gaaar nicht - parkte das Fahrrad, und faßte beherzt am hinteren Gepäckgestänge an. Sie schien zu wissen, wie man das macht!
Ich wuchtete den Lenker hoch, klappte schnell den Ständer vor - und Ellie war aufrecht. Die freundliche Dame wartete noch etwas, bis ich Ellie wieder gestartet hatte - das dauerte etwas. Kannte ich noch von Umfallern, die ich vor drei Jahren mal verbrochen hatte. Die Frau meinte mit Augenzwinkern, ich solle jetzt den Motor bloß laufen lassen, sie würden nämlich weiter müssen zur Eisdiele. Herzlichen Dank, ihr lieben Engel - das war wirklich prompte Hilfeleistung!!!
Ich bekam noch den richtigen Weg gewiesen, wurde mit guten Wünschen für die Weiterfahrt versehen, und konnte die Fahrt fortsetzen. Man, man, man - Glück gehabt! Weiter ging die Fahrt, über kleine Straßen. Mein Kopf war heiß, mein Gesicht knallrot. Nicht von der Sonne, war wohl ein kleiner Schock.
Das folgende Einflug-Gebiet kannte ich nun. Ich bin hier schon mehrmals entlang getourt. Ich fuhr nach Weyhausen hinein. Ellie brauchte neues Benzin. Ein Teil war ja auf der Straße geblieben, als sie auf der Seite lag. 1,49 Euro für einen Liter Super. Wow ... Teures Zeug.
Dann fuhr ich auf einem Seitenweg an den Kanal. Eine kurze Stärkung mit Nüssen, Schokolade und Mineralwasser. Heiß war es jetzt. Mir summte ein wenig der Schädel.
Gestärkt und etwas erholt ging es dann endgültig nach Hause.
Ich lud das Gepäck ab, fütterte die Meerschweinchen mit dem organisierten Maisblättern vom MC-Schild, und ging nochmal zu Ellie. Schadensbegutachtung. Das Blinkerglas bekam eine Ladung UHU. Das sollte erstmal halten. Die Schrammen am Sturzfänger pinselte ich mit Porsche-Schwarz-Farbe ein. Nicht wegen der Optik, sondern gegen Flugrost! Dann säuberte ich sie vom Fliegen- und Benzindreck. Stück für Stück wurde das Innere begutachtet. Alle Kabel sauber. Der Überlauf hatte das getan, wozu er da war. Der Kupplungshebel war böse verschrammt, und ein wenig heruntergebogen. Aber es war kein Riß zu sehen. Ich werde die Schrauben von der Halterung lösen, und das ganze Equipment ein wenig nach oben ziehen. Dann dürfte es wieder in Ordnung sein.
Während ich so herumpruckelte, fuhr der Zettfahrer mit Willie auf den Hof. Der kleine Hund war begeistert, sprang an mir hoch, ritzte mit seinen Welpenkrallen mein Knie auf (auaaa), und markierte ungewollt den Vorplatz. Passiert, ist halt Welpe ...
Zetti begutachtete Ellie ebenfalls, drückte hier, schaute da. Und war mit mir einer Meinung: echt Sauglück gehabt. Bis auf den Schreck, einige harmlose Blessuren und eine Erfahrung mehr - alles gut gelaufen. Später beim Auspacken meiner Tasche sah ich, dass mein Trinkbecher sein Leben ausgehaucht hatte: total zermatscht und gesplittert. Ein geringer Preis! Abgebrochener Blinker oder Kupplungshebel wäre schlimmer.
Ein Wort noch zu dem, was geschah:
In meiner Anfangszeit als Motorradfahrerin hörte ich immer wieder, dass frau sofort wieder aufsteigen sollte. Reiter kennen das sicherlich auch. Ich tat auch brav, was man(n) mir damals sagte. Jetzt, nach sechs Jahren und diversen Fahrerfahrungen, habe ich für mich ein anderes Rezept. Weil ich mich besser kenne. Ich steige zwar gleich wieder auf, aber ich fahre dann nicht weit. Nach einigen Kilometern gönne ich mir eine kurze Verschnaufpause. Damit sich die hochzuckenden Gedanken und Emotionen austoben können. Und das geht eben besser, wenn ich pausiere. Wenn ich die Konzentration mal beiseite legen kann (solltet ihr während der Fahrt auf keinen Fall machen ...).
Ich habe das häufig mißachtet, und bin anschließend wie ein blutiger Anfänger herumgeeiert. DAS war Mist. Eine große Fuhre voll!
Also - sollte euch das auch passieren (Umfaller, Abrutscher, kleiner Sturz in der Kurve ohne nennenswerte Blessuren), laßt euch um Himmels willen nicht von eurer Gang, eurem Ehemann oder -Frau zu etwas "zwingen". Es ist in meinen Augen weiser, kurz innezuhalten. Sonst springt euch später zu unpassenster Gelegenheit die Rache ins Gehirn. Dafür gibt es auch eine hochgestochene psychologische Erklärung, die ich euch aber erspare.
Fazit:
Manchmal helfen Stoßgebete.
Umfaller können passieren. Auch heute noch, nach sechs Jahren Erfahrung. Und wenn ich noch so vorsichtig bin. Meine Soft-Satteltaschen haben gut was aus- bzw. abgehalten. Aber vielleicht sollte der Umfaller passieren - damit ein Engel seinen Einsatz haben konnte.
Wer weiß das schon.
Ellie und ich
Dienstag, 17. Juli 2018
Montag, 16. Juli 2018
Urlaub mal kurz ... Arendsee, sehr spezielle Leute aus der Region, und Rotten Places gab es auch noch - Teil 1
Um zehn Uhr am Freitag ging es los Richtung Arendsee. Der Zettfahrer kam pünktlich angebraust. Diesmal mußte es der Joghurtbecher sein - Zetti hatte am nächsten Tag Dienst und mußte abends noch heim fahren. Das ging mit der Rennsemmel besser als mit den Zett's. Ich durfte eine Nacht im Quartier bleiben, was mir erst gut und später weniger gut gefiel. Mir war ein wenig einsam ...
Gemütlich ging es erstmal los zur Tankstelle. Dort fuhr mir ein Auswärtiger fast bis an den Hinterreifen. Er legte Wert auf eine gerade Linie vom Tankschlauch in seinen Tank hinein ... *augen roll*.
Dann fuhren Zetti und ich ein langes Stück auf der A39. Die Uhrzeit war gut gewählt - die Werksangehörigen von VW waren schon am Arbeitsort, so daß wir auf der Strecke vernünftig fahren konnten.
Irgendwann ging es rechts ab in den Landkreis Sachsen-Anhalts, und eine kleine Pause wurde eingelegt.
Die gelbe Ortlieb-Tasche leuchtete meterweit nach hinten. Ich war ein Leuchtkäfer, sozusagen.
Es war noch recht frisch, und ich war froh über die Sonne. Leicht gefröstelt hatte ich vorher - ein seltenes Glücksgefühl in diesem Sommer 2018.
In der Ortschaft Beetzendorf gab es eine Kaffeepause. Wir ließen den Traktor mit seinen riesigen Strohballen auf dem Anhänger, die wie verrückt auf uns niederrieselten, somit den Vorsprung. Wenn wir fertig wären, war der schon lange weg.
Ich hatte ein wenig Hunger, und der Zettfahrer kann sowieso immer Kaffee trinken.
Auf dem Parkplatz war klischeehaft zu merken, wo wir waren. Plattenbauten und Ostfahrzeug. Die Käufer, die neben der Bäckerei den Supermarkt aufgesucht hatten, waren beladen mit diversen Getränken und günstigen Nahrungsmitteln. Die Frauen hatten krass gefärbte Haare. Lila und Grün (gesamtes Haar, nicht nur Strähnen) sind momentan sehr angesagt. Zetti und ich standen dort am Bistrotisch, und ich nahm das alles ohne Bewertung wahr. Hier war das so, und fertig. Es ist nicht überall das gleiche, auch wenn die Supermarkt-Kette landesweit gestreut ist. Die Gemütlichkeit und Freundlichkeit der Menschen war ebenfalls bezeichnend - an der Kasse kein Genöle, auch wenn das Kleingeld mit zittrigen Händen auf das Band gelegt wurde. Ein Hauch von würdevoller Resignation lag über manchem Kunden.
Nachdenklich geworden, stieg ich wieder auf Ellie. Dann forderten die Straßen meine Aufmerksamkeit und ich konzentrierte mich auf anderes.
In Apenburg gab es eine Baustelle. Da ich mich vorab schon bei Google schlau gemacht hatte, kamen wir gut durch das Gebiet. Eine Umleitung war weit vorher angemahnt, die wir somit aber nicht nehmen mußten. Wir querten die Hauptader, und nahmen den "alten" Arendsee Weg. Durch Dörfer und teilweise Wege, die ihren Namen Straße recht freizügig auslegten.
Kurz vor dem Ort Zierau sah ich etwas aus der Gegend heraus stehen: eine Bockwindmühle. Hinter ihr drehten sich die neumodischen Windkrafträder. Das sah toll aus, und das wollte ich fotografieren. Ich setzte den Blinker und bog zur Windmühle ab.
Das Gelände war liebevoll gepflegt. Blumen blühten überall, metallene Abfalleimer waren diskret angebracht, und es lag kein Müll herum. Hier hat sich der Heimatverein wirklich Mühe gegeben. Ein schöner Haltepunkt!
Das Foto alte Mühle vs. neuer Windpark wurde dann nichts - zu weit entfernt und keine gute Perspektive. Trotzdem hatte sich der Stopp gelohnt!
Es wurde wärmer, und wir fuhren weiter. Die L1 ist die alte Strecke zum Arendsee. Sie beinhaltet auch längere Kopfsteinpflaster-Strecken. Teilweise rüttelt es einen ziemlich durch, aber wenn man auf dem Bürgersteig ausweicht, gehts. Die LKW, die die gesamte Straßenbreite einnehmen, weichen nämlich nicht immer aus ... (A***loch, blödes...).
Auch hier: wunderschöne schattige Alleen. Robinien - "Schein-Akazien".
Der Verkehr war ansonsten erträglich. Für einen Freitag um die Mittagszeit! Bis auf uns keine Touristen, sondern eher Arbeiterfahrzeuge. Sachsen-Anhalt, das Land der dienstbaren Geister.
Man kann ein Stück Dorfstraße erkennen. Echt beschissener Blaubasalt. Hier möchte ich nicht fahren müssen, wenn es geregnet hat!
Dann ging es zum See. Wir fuhren ein Stück um den Ort herum, bogen nach Schrampe ab, und standen wenig später vor dem Tor der Pension. Schnell den Zimmerschlüssel aus dem Safe geholt, und dann fuhren wir auf den Hof.
Das Zimmer war geräumig, und das Bad hatte ein Tageslichtfenster. Hier lüftete ich zur Nacht durch. Der Hund, der auf dem Nachbargrundstück in der Nacht lärmte, ließ mich den nächsten Urlaub zimmertechnisch anders planen: dann wird ein Raum zur Straße hin gebucht. Soviel Verkehr ist dort nicht, und ab und an ein vorüberziehendes Auto ist weniger nervig als dieser Kläffer.
Wir zogen uns luftige Sachen an, und holten uns aus dem Schuppen unsere Leih-Klapperschesen heraus (Fahrräder konnte man das nicht nennen - die besten waren nämlich schon ausgeliehen, wir mußten mit den kümmerlichen Resten vorlieb nehmen). Es ging zum Bootssteg. Das Wasser sah so herrlich aus, und nach ellenlangem Rumgedruckse meinerseits ließ ich mich in den See plumpsen.
Die Barsche stoben nach allen Seiten, während ich versuchte, den Zettfahrer zum Mitschwimmen zu überreden. Schließlich kam auch er hinein. Wir schwammen in dem bestimmt 22 Grad warmen Wasser meterweit hinaus. Und standen immer noch nur bis zum Bauch auf dem Grund. Hier war die "flache Seite". Mir war das recht. Ich hatte mich nach über 35 Jahren wieder in einen Natursee getraut - das war mir erstmal genug Abenteuer. Wir planschten und alberten herum (nein, im Arendsee gibt es keine Wollhand-Krebse und auch keine Haie). Schließlich hatten wir genug, und trockneten uns auf dem Anleger, während in nächster Nähe das Schaufelrad-Ausflugsboot vorüberzog. Es war nicht übermäßig belegt. War wohl noch zu früh - morgen würde das anders aussehen! Samstag ist immer viel los dort drüben am anderen Ufer. Dort gab es auch Strandbuden, Wasserrutsche, Kurpark-Remmidemmi ...
Dann fuhren wir mit den Rädern los, ich wollte zu einem bestimmten Ziel. Die kurze Strecke kam uns unendlich lang vor - die Qualität des Radfahrens war ziemlich ... bodenständig, und mir tat nach kurzer Zeit die Kehrseite weh. Zetti murmelte etwas von "sch... Klapperbike, meine Knie tun weh ...". Ein wenig ging es bergauf und bergab - wir fuhren an wunderschönen verwunschenen Grundstücken vorbei.
Es gab einige kleine Badebuchten, die jetzt am Nachmittag zwar gut besucht, aber trotzdem noch gemütlich waren.
Der Weg zog sich, aber endlich kamen wir an, wo ich hinwollte. 4 Euro Eintritt für Fotos machen - nicht gerade günstig. Länger verweilen konnten wir nicht, die Zeit drängte, wir wollten noch lecker essen, und Zetti mußte ja wieder zurück.
Klosterruine Arendsee (aus Wikipedia)
Die Demutspforte - man mußte sich tief bücken, um dort hindurch zu kommen.
Wir hätten mit dem Eintritt die Kirche und eine Ausstellung besuchen können, aber wie gesagt - die Zeit drängte. Das Innere angucken könnten wir immer noch bei schlechtem Wetter machen, tröstete ich mich.
Dann hieß es aufbrechen. Zurück kam uns der Weg nicht so arg vor. Wir fuhren zur Wildgans zum Essen. Sie haben zur Zeit geänderte Küchenzeiten - wegen Erkrankung. Glücklicherweise war es schon 17 Uhr, und wir konnten genüsslich gemütlich speisen.
Nachdem wir in gemütlicher Stimmung waren, besetzte ein Trupp älterer Radler-Herren den Nebentisch. Die angeberischen und lärmintensiven Gespräche gingen uns innerhalb kürzester Zeit unglaublich auf die Nerven, und als dann Einzelne noch lautstark in ihr Handy quatschten, brachen wir auf. Ich hatte die letzten Schlucke Bier etwas eilig heruntergestürzt, und war ein klein wenig schwankend auf den Beinen.
Am Radständer trafen wir ein Ehepaar, mit welchem wir beim letzten Aufenthalt schon fröhlich geratscht hatten. Wir verabredeten uns "für in drei Wochen, um 19 Uhr, Freitags, am Fisch im Klostergarten Drübeck". Dort ist an dem Wochenende Romantische Nacht.
Dann mußte der Zettfahrer heimwärts. Zum Schlafen gehen war es noch zu früh, und ich wollte nochmal an den See. Glücklicherweise war jetzt ein besseres Fahrrad vorhanden (weil zurückgebracht von anderen Pensionsgästen). Der Badesteg war leider von der Altherren-Radlertruppe besetzt, die wiederum lautstark das gesamte Universum davon in Kenntnis setzten: hier sind wir, hier baden wir alle grad nackt, juchhei ...
Das war selbst für mich angetrunkenes Mädel zuviel. Ich fuhr am Steg vorbei, in die entgegengesetzte Richtung von vorhin. Ein schattiges Waldstück folgte, dann kam ich an den belebten Teil vom See. Laute Musik - Helene Fischer, glaube ich - schallte aus riesigen Boxen heraus. Morgen war hier Lichterfest, und der DJ übte schon fleissig die Beschallung. Vereinzelt saßen Frauen mit utopisch großen Sonnenbrillen auf den Bänken - Touristen aus dem osteuropäischen Ausland. Dazu gehörte immer eine teuer aussehende Handtasche und/oder ein kleiner Hund. Meist ein Rehpinscher mit Glitzerhalsband.
Ich machte, das ich weg kam von dieser Stelle. Dann fand ich die Bucht wieder, die mir vorhin schon aufgefallen war. Kein Mensch mehr dort. Ich lehnte das Rad an einen Baum und zog mir hinter dem Busch meinen Badeanzug an. Mit Sandboden unter den Füßen watete ich erneut in den See, der an dieser Stelle schnell tiefer wurde. Prustend und planschend - meine irrationale Angst vor Tiefseemonstern bekämpfend, die mich von unten packen könnten - genoß ich viele Minuten in dem klaren und warmen Wasser. Ich sammelte eine große Teichmuschel auf, nur um sie später dann erfolgreich dort zu verlieren. Als zwei Jugendliche mit Bierdosen und Badetuch erschienen, beendete ich meinen Aufenthalt dort.
Zurück ging es Richtung Pension. Dann entdeckte ich noch etwas ziemlich skuriles. Einen Gedenkgarten!
Alter Schwede - dieser Typ war aber schon sehr speziell gewesen! Gustav Nagel, vorher nie etwas von gehört.
Und noch etwas erregte meine Aufmerksamkeit. Ein ehemaliges Waldheim. Oder auch FDGB Freizeit Heim -> KLICK (Link).
Die herabhängende Deckenverkleidung im ehemaligen Speisesaal sieht beinahe nach abstrakter Kunst aus. In diesem Bereich wurden zu Hochzeiten bis zu 500 Urlauber täglich versorgt ( Text aus: Volksstimme; LinkKLICK)
Offenbar ist das Grundstück mal von einer Abbruchfirma genutzt worden - anders konnte ich mir die Fragmente der Grabsteine nicht erklären, die dort auf einem riesigen Schuttberg lagen.
Beim vorsichtigen Erkunden des verbotenen Geländes hörte ich in der Ferne Stimmen - da waren wohl noch weitere Neugierige unterwegs. Ich trat den leisen Rückzug an. Was genau das war, was ich dort gefunden hatte, würde ich im Internet nachlesen. Der bösartige Vandalismus machte mich - ein großer Fan von Rotten Places - traurig. Warum gingen die Leute nicht Holzhacken, warum müssen sie so zerstörerisch sein?
Kurz danach wurde ich noch einmal mit etwas Schönem abgelenkt.
Puh - so langsam merkte ich den Tag. Sehr viele neue Impulse, viele viele intensive Bilder und Stimmungen.
Aber ich wollte immer noch nicht ins Bett, obwohl ich ziemlich kaputt war vom Tag. Also setzte ich mich zum Abschluß noch einmal an den Steg. Und sprang noch einmal in den See. Die nackten Radler waren zum Glück fort. Die zwei Touristendamen, die dort hartnäckig an der Reeling lümmelten und mit ihren Handys hantierten, mußten damit leben, dass ich mich fast vor ihren Augen in den Badeanzug pellte.
Dann fing der See an zu leuchten. Und hunderte Schwalben tanzten knapp über der Wasseroberfläche. Ab und an nahm eines der Tiere einen Schnabel voll Wasser auf - ansonsten waren diese kleinen Flugkünstler damit beschäftigt, die Mücken zu vertilgen.
Keine Mücken, sondern Schwalben. Besser konnte ich sie nicht fotografieren, sie waren zu schnell, und meine kleine Digicam zu schlicht für beeindruckende Bilder.
Während ich mit dem Sonnenuntergang und dem Verarbeiten der Erlebnisse beschäftigt war, rief der Zettfahrer an, und wir führten noch ein wenig Zweisamkeitsgespräche. Dann kamen die restlichen überlebenden Mücken, und ich fuhr zurück zur Pension.
Um 22 Uhr lag ich im Bett. Der Nachbarhund kläffte, und der Hund eines Pensionsgastes nervte zeitgleich dazu. Na bravo. Der Lüfter vom Nachbarzimmer war auch so fies laut. Ich holte ein Paar Ohrstöpsel heraus, machte das Schlafzimmerfenster zu und ließ die Badtür offen. Langsam kehrte Ruhe ein in meinem Inneren. Die Ohrstöpsel taten ihren Dienst, und ich schlief recht schnell ein.
Die Zeitangabe ist ein Durchschnitt und nicht zur Nachahmung zu empfehlen. Es sei denn, ihr habt ein Geländefahrzeug. Oder Enduro. Oder seid es gewohnt, auf Wellblechpisten zu fahren. Dann dürftet ihr die Zeit sogar noch unterbieten ;-).
Fazit:
Ein langer Tag, drei Sportarten, viele viele schöne Bilder im Kopf. Das Schwimmen im See hat mir die Region "fühlbar" näher gebracht. Das Schöne und das Kaputte, das Ruhige und das Prollige - es gibt offenbar nichts ohne das andere. Erst im Reisen, im Unterwegs-sein, lernt man sich selbst auch besser kennen.
Augen auf für die kleinen Schönheiten: winzige Barsche, glasklares Wasser, emsige Schwalben und mückenfreie Augenblicke. Dazu die Geduld, abzuwarten, bis die Sonne untergeht. Mal ehrlich - Genießen kann einfach sein!
Gemütlich ging es erstmal los zur Tankstelle. Dort fuhr mir ein Auswärtiger fast bis an den Hinterreifen. Er legte Wert auf eine gerade Linie vom Tankschlauch in seinen Tank hinein ... *augen roll*.
Dann fuhren Zetti und ich ein langes Stück auf der A39. Die Uhrzeit war gut gewählt - die Werksangehörigen von VW waren schon am Arbeitsort, so daß wir auf der Strecke vernünftig fahren konnten.
Irgendwann ging es rechts ab in den Landkreis Sachsen-Anhalts, und eine kleine Pause wurde eingelegt.
Die gelbe Ortlieb-Tasche leuchtete meterweit nach hinten. Ich war ein Leuchtkäfer, sozusagen.
Es war noch recht frisch, und ich war froh über die Sonne. Leicht gefröstelt hatte ich vorher - ein seltenes Glücksgefühl in diesem Sommer 2018.
In der Ortschaft Beetzendorf gab es eine Kaffeepause. Wir ließen den Traktor mit seinen riesigen Strohballen auf dem Anhänger, die wie verrückt auf uns niederrieselten, somit den Vorsprung. Wenn wir fertig wären, war der schon lange weg.
Ich hatte ein wenig Hunger, und der Zettfahrer kann sowieso immer Kaffee trinken.
Auf dem Parkplatz war klischeehaft zu merken, wo wir waren. Plattenbauten und Ostfahrzeug. Die Käufer, die neben der Bäckerei den Supermarkt aufgesucht hatten, waren beladen mit diversen Getränken und günstigen Nahrungsmitteln. Die Frauen hatten krass gefärbte Haare. Lila und Grün (gesamtes Haar, nicht nur Strähnen) sind momentan sehr angesagt. Zetti und ich standen dort am Bistrotisch, und ich nahm das alles ohne Bewertung wahr. Hier war das so, und fertig. Es ist nicht überall das gleiche, auch wenn die Supermarkt-Kette landesweit gestreut ist. Die Gemütlichkeit und Freundlichkeit der Menschen war ebenfalls bezeichnend - an der Kasse kein Genöle, auch wenn das Kleingeld mit zittrigen Händen auf das Band gelegt wurde. Ein Hauch von würdevoller Resignation lag über manchem Kunden.
Nachdenklich geworden, stieg ich wieder auf Ellie. Dann forderten die Straßen meine Aufmerksamkeit und ich konzentrierte mich auf anderes.
In Apenburg gab es eine Baustelle. Da ich mich vorab schon bei Google schlau gemacht hatte, kamen wir gut durch das Gebiet. Eine Umleitung war weit vorher angemahnt, die wir somit aber nicht nehmen mußten. Wir querten die Hauptader, und nahmen den "alten" Arendsee Weg. Durch Dörfer und teilweise Wege, die ihren Namen Straße recht freizügig auslegten.
Kurz vor dem Ort Zierau sah ich etwas aus der Gegend heraus stehen: eine Bockwindmühle. Hinter ihr drehten sich die neumodischen Windkrafträder. Das sah toll aus, und das wollte ich fotografieren. Ich setzte den Blinker und bog zur Windmühle ab.
Das Gelände war liebevoll gepflegt. Blumen blühten überall, metallene Abfalleimer waren diskret angebracht, und es lag kein Müll herum. Hier hat sich der Heimatverein wirklich Mühe gegeben. Ein schöner Haltepunkt!
Das Foto alte Mühle vs. neuer Windpark wurde dann nichts - zu weit entfernt und keine gute Perspektive. Trotzdem hatte sich der Stopp gelohnt!
Highway Police Patrol
Und schon ist der coole Eindruck dahin ;-)
Es wurde wärmer, und wir fuhren weiter. Die L1 ist die alte Strecke zum Arendsee. Sie beinhaltet auch längere Kopfsteinpflaster-Strecken. Teilweise rüttelt es einen ziemlich durch, aber wenn man auf dem Bürgersteig ausweicht, gehts. Die LKW, die die gesamte Straßenbreite einnehmen, weichen nämlich nicht immer aus ... (A***loch, blödes...).
Auch hier: wunderschöne schattige Alleen. Robinien - "Schein-Akazien".
Der Verkehr war ansonsten erträglich. Für einen Freitag um die Mittagszeit! Bis auf uns keine Touristen, sondern eher Arbeiterfahrzeuge. Sachsen-Anhalt, das Land der dienstbaren Geister.
Man kann ein Stück Dorfstraße erkennen. Echt beschissener Blaubasalt. Hier möchte ich nicht fahren müssen, wenn es geregnet hat!
Dann ging es zum See. Wir fuhren ein Stück um den Ort herum, bogen nach Schrampe ab, und standen wenig später vor dem Tor der Pension. Schnell den Zimmerschlüssel aus dem Safe geholt, und dann fuhren wir auf den Hof.
Das Zimmer war geräumig, und das Bad hatte ein Tageslichtfenster. Hier lüftete ich zur Nacht durch. Der Hund, der auf dem Nachbargrundstück in der Nacht lärmte, ließ mich den nächsten Urlaub zimmertechnisch anders planen: dann wird ein Raum zur Straße hin gebucht. Soviel Verkehr ist dort nicht, und ab und an ein vorüberziehendes Auto ist weniger nervig als dieser Kläffer.
Wir zogen uns luftige Sachen an, und holten uns aus dem Schuppen unsere Leih-Klapperschesen heraus (Fahrräder konnte man das nicht nennen - die besten waren nämlich schon ausgeliehen, wir mußten mit den kümmerlichen Resten vorlieb nehmen). Es ging zum Bootssteg. Das Wasser sah so herrlich aus, und nach ellenlangem Rumgedruckse meinerseits ließ ich mich in den See plumpsen.
Die Barsche stoben nach allen Seiten, während ich versuchte, den Zettfahrer zum Mitschwimmen zu überreden. Schließlich kam auch er hinein. Wir schwammen in dem bestimmt 22 Grad warmen Wasser meterweit hinaus. Und standen immer noch nur bis zum Bauch auf dem Grund. Hier war die "flache Seite". Mir war das recht. Ich hatte mich nach über 35 Jahren wieder in einen Natursee getraut - das war mir erstmal genug Abenteuer. Wir planschten und alberten herum (nein, im Arendsee gibt es keine Wollhand-Krebse und auch keine Haie). Schließlich hatten wir genug, und trockneten uns auf dem Anleger, während in nächster Nähe das Schaufelrad-Ausflugsboot vorüberzog. Es war nicht übermäßig belegt. War wohl noch zu früh - morgen würde das anders aussehen! Samstag ist immer viel los dort drüben am anderen Ufer. Dort gab es auch Strandbuden, Wasserrutsche, Kurpark-Remmidemmi ...
Dann fuhren wir mit den Rädern los, ich wollte zu einem bestimmten Ziel. Die kurze Strecke kam uns unendlich lang vor - die Qualität des Radfahrens war ziemlich ... bodenständig, und mir tat nach kurzer Zeit die Kehrseite weh. Zetti murmelte etwas von "sch... Klapperbike, meine Knie tun weh ...". Ein wenig ging es bergauf und bergab - wir fuhren an wunderschönen verwunschenen Grundstücken vorbei.
Es gab einige kleine Badebuchten, die jetzt am Nachmittag zwar gut besucht, aber trotzdem noch gemütlich waren.
Der Weg zog sich, aber endlich kamen wir an, wo ich hinwollte. 4 Euro Eintritt für Fotos machen - nicht gerade günstig. Länger verweilen konnten wir nicht, die Zeit drängte, wir wollten noch lecker essen, und Zetti mußte ja wieder zurück.
Klosterruine Arendsee (aus Wikipedia)
Die Demutspforte - man mußte sich tief bücken, um dort hindurch zu kommen.
Wir hätten mit dem Eintritt die Kirche und eine Ausstellung besuchen können, aber wie gesagt - die Zeit drängte. Das Innere angucken könnten wir immer noch bei schlechtem Wetter machen, tröstete ich mich.
Dann hieß es aufbrechen. Zurück kam uns der Weg nicht so arg vor. Wir fuhren zur Wildgans zum Essen. Sie haben zur Zeit geänderte Küchenzeiten - wegen Erkrankung. Glücklicherweise war es schon 17 Uhr, und wir konnten genüsslich gemütlich speisen.
Nachdem wir in gemütlicher Stimmung waren, besetzte ein Trupp älterer Radler-Herren den Nebentisch. Die angeberischen und lärmintensiven Gespräche gingen uns innerhalb kürzester Zeit unglaublich auf die Nerven, und als dann Einzelne noch lautstark in ihr Handy quatschten, brachen wir auf. Ich hatte die letzten Schlucke Bier etwas eilig heruntergestürzt, und war ein klein wenig schwankend auf den Beinen.
Am Radständer trafen wir ein Ehepaar, mit welchem wir beim letzten Aufenthalt schon fröhlich geratscht hatten. Wir verabredeten uns "für in drei Wochen, um 19 Uhr, Freitags, am Fisch im Klostergarten Drübeck". Dort ist an dem Wochenende Romantische Nacht.
Dann mußte der Zettfahrer heimwärts. Zum Schlafen gehen war es noch zu früh, und ich wollte nochmal an den See. Glücklicherweise war jetzt ein besseres Fahrrad vorhanden (weil zurückgebracht von anderen Pensionsgästen). Der Badesteg war leider von der Altherren-Radlertruppe besetzt, die wiederum lautstark das gesamte Universum davon in Kenntnis setzten: hier sind wir, hier baden wir alle grad nackt, juchhei ...
Das war selbst für mich angetrunkenes Mädel zuviel. Ich fuhr am Steg vorbei, in die entgegengesetzte Richtung von vorhin. Ein schattiges Waldstück folgte, dann kam ich an den belebten Teil vom See. Laute Musik - Helene Fischer, glaube ich - schallte aus riesigen Boxen heraus. Morgen war hier Lichterfest, und der DJ übte schon fleissig die Beschallung. Vereinzelt saßen Frauen mit utopisch großen Sonnenbrillen auf den Bänken - Touristen aus dem osteuropäischen Ausland. Dazu gehörte immer eine teuer aussehende Handtasche und/oder ein kleiner Hund. Meist ein Rehpinscher mit Glitzerhalsband.
Ich machte, das ich weg kam von dieser Stelle. Dann fand ich die Bucht wieder, die mir vorhin schon aufgefallen war. Kein Mensch mehr dort. Ich lehnte das Rad an einen Baum und zog mir hinter dem Busch meinen Badeanzug an. Mit Sandboden unter den Füßen watete ich erneut in den See, der an dieser Stelle schnell tiefer wurde. Prustend und planschend - meine irrationale Angst vor Tiefseemonstern bekämpfend, die mich von unten packen könnten - genoß ich viele Minuten in dem klaren und warmen Wasser. Ich sammelte eine große Teichmuschel auf, nur um sie später dann erfolgreich dort zu verlieren. Als zwei Jugendliche mit Bierdosen und Badetuch erschienen, beendete ich meinen Aufenthalt dort.
Zurück ging es Richtung Pension. Dann entdeckte ich noch etwas ziemlich skuriles. Einen Gedenkgarten!
Seht ihr im Hintergrund die Fahne? Die Nation und dazu die drei Worte - das war eine Zusammenstellung für das Foto, welche ich just so fotografieren mußte ... steckt viel Wahrheit drin, in dieser meiner Botschaft ...
Alter Schwede - dieser Typ war aber schon sehr speziell gewesen! Gustav Nagel, vorher nie etwas von gehört.
Und noch etwas erregte meine Aufmerksamkeit. Ein ehemaliges Waldheim. Oder auch FDGB Freizeit Heim -> KLICK (Link).
Die herabhängende Deckenverkleidung im ehemaligen Speisesaal sieht beinahe nach abstrakter Kunst aus. In diesem Bereich wurden zu Hochzeiten bis zu 500 Urlauber täglich versorgt ( Text aus: Volksstimme; LinkKLICK)
Offenbar ist das Grundstück mal von einer Abbruchfirma genutzt worden - anders konnte ich mir die Fragmente der Grabsteine nicht erklären, die dort auf einem riesigen Schuttberg lagen.
Beim vorsichtigen Erkunden des verbotenen Geländes hörte ich in der Ferne Stimmen - da waren wohl noch weitere Neugierige unterwegs. Ich trat den leisen Rückzug an. Was genau das war, was ich dort gefunden hatte, würde ich im Internet nachlesen. Der bösartige Vandalismus machte mich - ein großer Fan von Rotten Places - traurig. Warum gingen die Leute nicht Holzhacken, warum müssen sie so zerstörerisch sein?
Kurz danach wurde ich noch einmal mit etwas Schönem abgelenkt.
Puh - so langsam merkte ich den Tag. Sehr viele neue Impulse, viele viele intensive Bilder und Stimmungen.
Aber ich wollte immer noch nicht ins Bett, obwohl ich ziemlich kaputt war vom Tag. Also setzte ich mich zum Abschluß noch einmal an den Steg. Und sprang noch einmal in den See. Die nackten Radler waren zum Glück fort. Die zwei Touristendamen, die dort hartnäckig an der Reeling lümmelten und mit ihren Handys hantierten, mußten damit leben, dass ich mich fast vor ihren Augen in den Badeanzug pellte.
Dann fing der See an zu leuchten. Und hunderte Schwalben tanzten knapp über der Wasseroberfläche. Ab und an nahm eines der Tiere einen Schnabel voll Wasser auf - ansonsten waren diese kleinen Flugkünstler damit beschäftigt, die Mücken zu vertilgen.
Keine Mücken, sondern Schwalben. Besser konnte ich sie nicht fotografieren, sie waren zu schnell, und meine kleine Digicam zu schlicht für beeindruckende Bilder.
Während ich mit dem Sonnenuntergang und dem Verarbeiten der Erlebnisse beschäftigt war, rief der Zettfahrer an, und wir führten noch ein wenig Zweisamkeitsgespräche. Dann kamen die restlichen überlebenden Mücken, und ich fuhr zurück zur Pension.
Um 22 Uhr lag ich im Bett. Der Nachbarhund kläffte, und der Hund eines Pensionsgastes nervte zeitgleich dazu. Na bravo. Der Lüfter vom Nachbarzimmer war auch so fies laut. Ich holte ein Paar Ohrstöpsel heraus, machte das Schlafzimmerfenster zu und ließ die Badtür offen. Langsam kehrte Ruhe ein in meinem Inneren. Die Ohrstöpsel taten ihren Dienst, und ich schlief recht schnell ein.
Die Zeitangabe ist ein Durchschnitt und nicht zur Nachahmung zu empfehlen. Es sei denn, ihr habt ein Geländefahrzeug. Oder Enduro. Oder seid es gewohnt, auf Wellblechpisten zu fahren. Dann dürftet ihr die Zeit sogar noch unterbieten ;-).
Fazit:
Ein langer Tag, drei Sportarten, viele viele schöne Bilder im Kopf. Das Schwimmen im See hat mir die Region "fühlbar" näher gebracht. Das Schöne und das Kaputte, das Ruhige und das Prollige - es gibt offenbar nichts ohne das andere. Erst im Reisen, im Unterwegs-sein, lernt man sich selbst auch besser kennen.
Augen auf für die kleinen Schönheiten: winzige Barsche, glasklares Wasser, emsige Schwalben und mückenfreie Augenblicke. Dazu die Geduld, abzuwarten, bis die Sonne untergeht. Mal ehrlich - Genießen kann einfach sein!
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