Ellie und ich

Ellie und ich

Dienstag, 17. Juli 2018

Urlaub mal kurz ... - Teil 2 - vom Arendsee über das Wendland, einen Umfaller und zurück

Ich hatte wie im Koma geschlafen. Als der Wecker gegen halb acht rumorte, wußte ich erst gar nicht, wo ich war. Nach dem Entfernen der Ohrstöpsel hörte ich die Spatzen auf dem Hausdach lärmen, und aus dem Taubenturm gurrte es laut herüber. Irgendwo war ein Huhn damit beschäftigt, lautstark das erfolgreiche Eierlegen abzukündigen.

Ich hatte zwar einen Kühlschrank im Zimmer, aber leider keinen Wasserkocher. Bevor ich zum Frühstück hinunter ging, mußte ich also ohne Morgentee zu mir kommen. Ich duschte mich später eiskalt ab. Das half!

Die Sachen waren schnell wieder in der gelben Ortlieb-Tasche verpackt. In kurzen Hosen und Sandalen ging ich zum Frühstück hinunter, und fraß mich durch das Angebot. Kraft tanken für den Tag! Ich bezahlte meinen Obulus - 28,50 Euro (Zimmer, Zuschlag 2,50 weil ich nur eine Nacht dort war, und 6,50 für das reichhaltige Frühstück). Und buchte gleich für den August. Dann allerdings eine Ferienwohnung, weil der Zettfahrer dann auch mal länger bleiben möchte, und mit Eigenversorgung (Kaffee ans Bett!!!) sind wir unabhängiger.

Ich schnappte mir nochmal ein Fahrrad, und fuhr zum Bootssteg. Um 10 Uhr mußte ich das Zimmer räumen, es war schon wieder vermietet. Schade, ich hätte gern noch eine Nacht länger bleiben mögen. Zum erneuten Baden im See war die Zeit zu kurz - also patschte ich nur noch ein wenig mit den Füßen im Wasser herum. Dann hieß es, Abfahren. Den Einkauf bei Fischer Kagel schenkte ich mir. Mit geräuchertem Fisch im Tankrucksack den ganzen heißen Tag lang über Land zu fahren - war mir zu unsicher bezüglich der Verderblichkeit.

Die grobe Route war wieder über das Wendland. Die kulturelle Landpartie war vorüber, und ich konnte mit freien Straßen rechnen. Die vielen Radlertrupps, die elektrisch angetrieben mal von der einen bis zur anderen Straßenseite herumeierten, waren schon eine Herausforderung. Einmal kurz auf die Hupe gedrückt, verwirrte sie noch mehr. Einmal kam ich kurz auf Körperkontakt - der ältere Herr hatte seine Hörhilfen wohl nicht eingeschaltet ... Seufz, ein leiser Auspuff kann Nachteile haben!

Dann sah ich ein kleines weißes Holzschild, folgte ihm, konnte aber keinen Erfolg vermelden. Die Organisatoren hatten es wohl vergessen, abzunehmen.

Der Pausenstopp hatte sich trotzdem (für die Meerschweinchen) gelohnt ;-).

Ich querte die B71 bei Bergen/Dumme, fuhr geradeaus in die Landschaft. Hinter dem Ort Thune (lustig, gibt es auch als Stadtteil von Braunschweig!) mit seiner schönen Feldstein-Kirche ging es einen kleinen Weg entlang, und ich war wieder über die Landesgrenze nach Sachsen-Anhalt gekommen.


Dieser kleine Bach hat genau in seiner Mitte die Grenze. Und auf der Hälfte der Brücke zeigt auch heute noch ein verblichener weißer Strich die Trennung an:






Reste des ehemaligen Bauwerkes - von der Natur zurück erobert.


Es ging weiter, über kleinere Straßen. Zwischen Kortenbeck und Darendorf (macht nichts, wenn ihr das nicht kennt - war mir bis dato auch total unbekannt!) hielt ich rechts neben der Straße. Ich mußte mich orientieren. Ich war kaum drei Meter von Ellie weg, da hörte ich es krachen. Und sie lag auf der linken Seite. Der Seitenständer war weggerutscht, und sie mit voller Wucht weggepurzelt. Da lag sie nun. Kein schöner Anblick. Die Packtasche war voll, dadurch landete sie nicht auf dem Tank, und so fing der Sturzfänger das meiste ab. Das Blinkerglas hatte nur einen Sprung, ansonsten war alles heile. Ich zog, ich drückte, ich wendete alle Kniffe an, die ich mir bei Youtube jemals zum Thema "Umgefallenes Motorrad alleine wieder aufheben" angeschaut hatte. Keine Chance. Die Straße hatte offenbar eine Neigung, die ich vorher nicht erkannt hatte. Ellies Reifen ragten in einem steilen Winkel in die Höhe. Taschen abpacken? Seitentaschen leeren? Ich überlegte kurz. Dann wäre der weiche Puffer zur Straße hin aber weg. Zwickmühle!

Die Straßen waren ausgestorben. Vorhin hatte mich mal ein Auto überholt. Aber jetzt war es ziemlich still. Und herrlich einsam. Fehlte quasi nur noch das Grasbüschel, was über die Straße truddelte ... einsam spielte in der Ferne eine Mundharmonika ihr trauriges Lied in den Himmel ...

So stand ich da in praller Sonne, und blickte in den Himmel. He du da oben, wenn ich jemals Hilfe nötig hatte, dann jetzt! Mach was! Alleine krieg ich Ellie nicht hoch!

Ich wartete. Nichts passierte. Nochmal ein Stoßgebet: Also jetzt wäre es wirklich passend ...! So etwas wie eine Panikattacke kroch mir in den Bauch hoch. Ich könnte hier verfaulen, und niemand kriegt das mit ... allein reisen ist doof, gefährlich und überhaupt - wozu tue ich mir das nur an??? 

In dem Moment bogen aus dem kleinen Waldstück drei Radler um die Ecke, und die Erleichterung darüber überzuckerte alle anderen Empfindungen. Eine ältere Frau, eine jüngere mit Kind auf dem Sitz, und ein kleines Mädel auf einem Einhornglitzer-Rad. Ich rief ihnen zu, das ich Hilfe benötigen würde. Die ältere Frau meinte, das sähe man ja auch gaaar nicht - parkte das Fahrrad, und faßte beherzt am hinteren Gepäckgestänge an. Sie schien zu wissen, wie man das macht!

Ich wuchtete den Lenker hoch, klappte schnell den Ständer vor - und Ellie war aufrecht. Die freundliche Dame wartete noch etwas, bis ich Ellie wieder gestartet hatte - das dauerte etwas. Kannte ich noch von Umfallern, die ich vor drei Jahren mal verbrochen hatte. Die Frau meinte mit Augenzwinkern, ich solle jetzt den Motor bloß laufen lassen, sie würden nämlich weiter müssen zur Eisdiele. Herzlichen Dank, ihr lieben Engel - das war wirklich prompte Hilfeleistung!!!

Ich bekam noch den richtigen Weg gewiesen, wurde mit guten Wünschen für die Weiterfahrt versehen, und konnte die Fahrt fortsetzen. Man, man, man - Glück gehabt! Weiter ging die Fahrt, über kleine Straßen. Mein Kopf war heiß, mein Gesicht knallrot. Nicht von der Sonne, war wohl ein kleiner Schock.



Das folgende Einflug-Gebiet kannte ich nun. Ich bin hier schon mehrmals entlang getourt. Ich fuhr nach Weyhausen hinein. Ellie brauchte neues Benzin. Ein Teil war ja auf der Straße geblieben, als sie auf der Seite lag. 1,49 Euro für einen Liter Super. Wow ... Teures Zeug.

Dann fuhr ich auf einem Seitenweg an den Kanal. Eine kurze Stärkung mit Nüssen, Schokolade und Mineralwasser. Heiß war es jetzt. Mir summte ein wenig der Schädel.






Gestärkt und etwas erholt ging es dann endgültig nach Hause.

Ich lud das Gepäck ab, fütterte die Meerschweinchen mit dem organisierten Maisblättern vom MC-Schild, und ging nochmal zu Ellie. Schadensbegutachtung. Das Blinkerglas bekam eine Ladung UHU. Das sollte erstmal halten. Die Schrammen am Sturzfänger pinselte ich mit Porsche-Schwarz-Farbe ein. Nicht wegen der Optik, sondern gegen Flugrost! Dann säuberte ich sie vom Fliegen- und Benzindreck. Stück für Stück wurde das Innere begutachtet. Alle Kabel sauber. Der Überlauf hatte das getan, wozu er da war. Der Kupplungshebel war böse verschrammt, und ein wenig heruntergebogen. Aber es war kein Riß zu sehen. Ich werde die Schrauben von der Halterung lösen, und das ganze Equipment ein wenig nach oben ziehen. Dann dürfte es wieder in Ordnung sein.

Während ich so herumpruckelte, fuhr der Zettfahrer mit Willie auf den Hof. Der kleine Hund war begeistert, sprang an mir hoch, ritzte mit seinen Welpenkrallen mein Knie auf (auaaa), und markierte ungewollt den Vorplatz. Passiert, ist halt Welpe ...

Zetti begutachtete Ellie ebenfalls, drückte hier, schaute da. Und war mit mir einer Meinung: echt Sauglück gehabt. Bis auf den Schreck, einige harmlose Blessuren und eine Erfahrung mehr - alles gut gelaufen. Später beim Auspacken meiner Tasche sah ich, dass mein Trinkbecher sein Leben ausgehaucht hatte: total zermatscht und gesplittert. Ein geringer Preis! Abgebrochener Blinker oder Kupplungshebel wäre schlimmer.

Ein Wort noch zu dem, was geschah:
In meiner Anfangszeit als Motorradfahrerin hörte ich immer wieder, dass frau sofort wieder aufsteigen sollte. Reiter kennen das sicherlich auch. Ich tat auch brav, was man(n) mir damals sagte. Jetzt, nach sechs Jahren und diversen Fahrerfahrungen, habe ich für mich ein anderes Rezept. Weil ich mich besser kenne. Ich steige zwar gleich wieder auf, aber ich fahre dann nicht weit. Nach einigen Kilometern gönne ich mir eine kurze Verschnaufpause. Damit sich die hochzuckenden Gedanken und Emotionen austoben können. Und das geht eben besser, wenn ich pausiere. Wenn ich die Konzentration mal beiseite legen kann (solltet ihr während der Fahrt auf keinen Fall machen ...).
Ich habe das häufig mißachtet, und bin anschließend wie ein blutiger Anfänger herumgeeiert. DAS war Mist. Eine große Fuhre voll!
Also - sollte euch das auch passieren (Umfaller, Abrutscher, kleiner Sturz in der Kurve ohne nennenswerte Blessuren), laßt euch um Himmels willen nicht von eurer Gang, eurem Ehemann oder -Frau zu etwas "zwingen". Es ist in meinen Augen weiser, kurz innezuhalten. Sonst springt euch später zu unpassenster Gelegenheit die Rache ins Gehirn. Dafür gibt es auch eine hochgestochene psychologische Erklärung, die ich euch aber erspare.

  

Fazit:
Manchmal helfen Stoßgebete.
Umfaller können passieren. Auch heute noch, nach sechs Jahren Erfahrung. Und wenn ich noch so vorsichtig bin. Meine Soft-Satteltaschen haben gut was aus- bzw. abgehalten. Aber vielleicht sollte der Umfaller passieren - damit ein Engel seinen Einsatz haben konnte.

Wer weiß das schon.

6 Kommentare:

  1. Gut reagiert, und schön, dass Hilfe nicht lang hat auf sich warten lassen. Und Du hast vollkommen recht: Man muss sich selbst die Zeit geben, die man braucht. Mich machen Umfaller auch fertig, das schlägt mir extrem auf´s Gemüt.

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  2. Ich finde das immer ganz toll, wie Du von diesen kleinen Ausflüge/Fluchten erzählst. Der Umfaller war Pech, aber es gibt wohl kaum ein Bike, dass nicht schon einmal so etwas mitgemacht hätte...

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  3. Das frage ich mich auch immer wieder, wie die das in den Videos machen. Die ziehen da dran und schieben die Maschine einfach wieder hoch. Ich ziehe und reiße und versuche und das Ding bewegt sich null. Nur die Knie und der Rücken haben bedrohlich geknackt. Aber bei mir waren bisher auch immer wieder rasch Engel zur Stelle, die geholfen haben.

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  4. In einer Reisegruppe wäre der kleine Umfaller doch völlig spannungslos gewesen. Nein, Alleinreisen, insbesondere allein Motorradfahren, ist prima. Musste schon grinsen, als ich da las. Ich bin einmal auf meiner damaligen CB 400 N sitzend nach dem Ausklappen des Seitenständers mitsamt Motorrad ins Bett gerauscht, da ich den Seitenständer noch im Bereih der Gehwegplatten und nicht der weichen Muttererde wähnte. Es gelang mir gerade so, mich unter dem Biest ins Freie zu retten. Aber allein wieder aufheben? Zwecklos. Zum Glück war unsere Nachbarin da, die mich aus der peinlichen Situation errettete, indem wir den Bock mit vereinten Kräften wieder in die Senkrechte brachten.
    Gruß Jan

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  5. Danke für das Mutmachen :-). Das hilft dem geschädigten Ego. Und rückt es wieder auf den Platz, wo es hingehört: bescheiden bleiben. Fehler dürfen sein, daraus lernt man!

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  6. Ich bin gedanklich ganz auf Deiner Seite.
    Auch ich hatte im Juni in Norwegen 2 Umfaller ( der Koffer bewahrte Fritti vor schlimmerem er ist jetzt schiffboden grün ) hintereinander 1x Fähre und einmal auf Schotter. Die ersten 30 km wie ein Anfänger gefahren ( im strömenden Regen) . Bei den nächste Fähren blieb ein mulmiges Gefühl.
    LG Heike

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