Soweit die Theorie.
Schon als ich Zuhause losfuhr, hatte ich Flöhe im Bauch. Ein irgendwie komisches Gefühl. So als hätte man zuviel Brausebonbons gegessen. Es kribbelte.
Kurz vor Wolfenbüttel überholte von hinter mir und dem PKW, der hinter mir fuhr, ein Golf in Schumacher-Manier. Das üble: die Frau überholte am Hang, und darauf folgte eine langgezogene Rechtskurve. Gleich danach kam das Ortsschild. Und es kam uns ein Fahrzeug entgegen.
Kurz gesagt: sie schnitt mich. Das war wirklich knapp gewesen. Leider mußte ich dann später an der Ampel anhalten, da ich links abbiegen wollte. Sie fuhr gerade aus mit Karacho über die Kreuzung. Hier hätte ich mir jetzt mehr PS, mehr Erfahrung UND mehr Kraft gewünscht. Das Überholen war riskant gewesen, und völlig unnötig, weil diese Tuse sowieso wenige Meter später auf 50 km/h herunter regeln mußte. Ortschaft, Kleingärten, somit Gefahrenzone (Kinder, Hunde, bunte Mischung aus unberechenbaren Objekten!). Störte die aber offensichtlich nicht.
Im Ort Vienenburg mußte ich kurzzeitig an der Bahnschranke warten. Neben mir töffte röchelnd eine DKW heran. Ich gab mit der Hand das Zeichen "Gas geben!", weil das Gefährt abzusaufen drohte. Der Fahrer - in Shorts und mit einem lustigen Braincap-Helm - grinste. Nee, dieses Gefährt mußte anders gehandhabt werden, und er fummelte an einer Gasschraube herum. Blaue Wolken umschwebten uns. Dann hieß es weiterfahren, und er tuckerte gemütlich gemächlich am Fahrbahnrand entlang. Der Cabrio-Fahrer hinter uns bekam eine volle Ladung der blauen Dünste ab. Tja ...
Ich bog rechts ab Richtung Kloster Wöltingerode. In einer langen Geraden, wieder über einen Hügel, kam mir ein fetter Geländewagen aus dem Feindesland WOB entgegen. Er hatte eine Kolonne von drei PKW überholt. Da er keinerlei Anstalten machte, einzuscheren, mußte ich Ellie rauchend runtersteppen. Fast wäre mir das Auto hinter mir noch aufgefahren. Der hatte wohl auch geträumt.
Der Geländewagen bekam meinen erhobenen linken Mittelfinger zu sehen. Außerdem brüllte ich etwas sehr Undamenhaftes in den Helm.
Unglaublich. Kurz vor der Ortschaft wäre ich bald Straßenfutter geworden - zum zweiten Mal.
Mit zitternden Knien kam ich beim Treffen an. Ich parkte Ellie erstmal draußen vor dem Zaun, und mußte mir nach dem Bonkauf schnellstens ein gering prozentiges Bier holen, welches ich dann auch auf Ex heruntergoß. Zur Beruhigung. Die Mitglieder der Motorradfreunde am Eingang kümmerten sich freundlich um mich. Ich war ein wenig blaß um die Nase. Ich hörte am Tresen, dass es meinem Gegenüber auch fast so ergangen wäre auf der Anfahrt hierher. Er kam von der anderen Seite - über den Harz herüber - und dort sei es noch schlimmer gelaufen.
Der Ober-Kracher folgte aber noch. Eine Stunde später kam der Zettfahrer angefahren. Ihm war kurz vor Ortseingang genau das gleiche passiert. Ein PKW kam ohne zu gucken aus einer Seitenstraße und hätte ihn ebenfalls um ein Haar platt gemacht. Auch er war reichlich angesäuert. Was war an diesem Tag nur los mit den anderen Verkehrsteilnehmern!!!???
Wir genossen den Abend dann ganz bewußt. Und hatten unseren Spaß mit den Bikerspielen. Dank guter Sponsoren gab es wirklich hochwertige Preise zu gewinnen - Helme, Multifunktionswerkzeuge, zweimal Kurzurlaube in Pensionen ... und überall die Mithelfer, die sich super um die Gäste kümmerten. Eine bunte Mischung bei den Gästen - auch viele Ortsansässige waren dort. Eine lustige Truppe - die Treckerfahrer - bereicherten die Stimmung obendrein.
Wie immer: wenn die Zett dabei ist, wird Ellie übersehen ... aber ich habe den Herzenspreis für das am besten gepflegteste Motorrad auf dem Platz; und Ellie's 20 Jahre sieht ihr keiner an!
Viel zu schnell ging der Abend ins Land. Ich wollte vor dem Dunkelwerden Zuhause sein. Auf der Rückfahrt stand die Sonne schon reichlich tief. Eine gefährliche Uhrzeit.
Ich schlug die Richtung über Wolfenbüttel-Linden ein. Dort erwartete uns eine längere Strecke mit Rollsplitt. Zentimeterdick aufgetragen. Besonders am Fahrbahnrand war das Gekrümel sehr dick hochgefahren. Geschwindigkeit von 40 km/h vorgeschrieben.
Liebe Autofahrer.
Wenn ein Motorradfahrer bei Rollsplitt nicht mit 100 km/h durch den Ort semmelt, dann hat das einen Grund.
Rollsplitt ist gefährlich.
Die Rutschgefahr ist sehr hoch.
Der Motorradfahrer fährt nicht langsam, um euch zu behindern. Er fährt so, um sich selbst nicht zu gefährden.
Und 40 km/h sind 40 km/h - auch und gerade für euch.
Ich eierte mit 40 durch diese glitschige Region, da überholte mich eine blonde Tuse und schmiss mir eine volle Ladung Rollsplitt genau ins Visier. Beim Einscheren schnitt sie mich, weil die Straße eine Kurve machte. Ich mußte in den Randbereich und Ellies Hinterrad rutschte mir weg.
Jetzt reichte es mir. Schluß mit nett. Ich fuhr der Frau hinterher und stellte sie in einer Seitenstraße. Auf ihr Fehlverhalten angesprochen, reagierte sie uneinsichtig und rotzfrech. Nun hatte ich keine Lust mehr, nett zu sein. Der Zettfahrer fuhr heran und klappte das Visier hoch, um ja kein Wort dieses Disputes zu verpassen. Aus mir brach es heraus. Normalerweise flippe ich nicht so aus, aber als diese Tuse noch frech wurde, mußte ich an mich halten, sonst hätte ich sie vermöbelt.
Ich hätte platzen können vor Wut. Der Zettfahrer hätte die Frau behindert, weil er so langsam unterwegs war - ständig hätte er gebremst. Oh Hilfe ... als dieser Satz dann kam, war es vorbei mit meiner guten Kinderstube (siehe Satz "Liebe Autofahrer").
Als ich dann weg fuhr, war ich heiser, stolz und entsetzt zugleich. Stolz auf mich, und entsetzt wegen der Dreistigkeit dieser Frau (und der anderen Situationen vom Tag).
Nach einigen Kilometern mußte ich eine Pause machen und verschnaufen. Ich klappte das Visier hoch und machte mir Luft. Zeitgleich war ein Kleinwagen hinter uns auf den Parkstreifen gefahren, und hatte seinen Hund zum Abendspaziergang aus dem Kofferraum gelassen. Die Frau war erschrocken. Ob ich SIE meinen würde? Wir konnten sie dann beruhigen und sprachen von der Aktion mit dem Rollsplitt. Ihr Partner nickte eifrig - er würde selber fahren, er würde solche Situationen kennen, er würde Rollsplitt total scheiße finden und immer im Sommer würde das Straßenbauamt an genau DER Stelle Rollsplitt hinwerfen ...
Das Gespräch wurde nett und immer netter. Der junge Hund tobte um uns herum und lenkte mich gut ab. Therapie-Pause, sozusagen ... Als wir wegfuhren, wünschten uns die Frau und ihr Partner noch gute Fahrt und wir sollten gut auf uns aufpassen.
Das war ein fröhlicher Abschluß eines ansonsten sehr gemischten und ätzenden Tages gewesen.
Fazit:
Manchmal sollte man auf Brausebonbon-Gefühl im Magen hören ...
Am Sonntag wollten wir eigentlich an den Arendsee fahren. Aber mir ging es psychisch so schlecht, und mein Körper wollte eine Pause. Also fuhren wir zum Wandern in das Bodetal, und das wurde dann wunderbar gemütlich, ruhig, und war genau das Richtige für uns beide.
Nachtrag:
Ja, ich weiß: solche Situationen können immer mal wieder vorkommen. Der eine oder die andere Leserin nimmt es gelassen und denkt sich vielleicht "Hey, damit muß man immer rechnen". Immer voraus denken, immer auf das Beste hoffen - so war bislang MEINE Denke. Und doch bemerke ich die Veränderungen auf der Straße. Es herrscht ein regelrechter Krieg. Jeder gegen jeden. Egal, welches Fahrzeug. Einer scheint immer der Schnellere, Stärkere und Bessere sein zu wollen.
Beispielgespräch vom Nachbartisch: Typ 1: Ich war im Bodetal. Typ 2: Hey, und ICH bin zum Brocken hoch!
Ich habe mich umgehört: diese Empfindung teile ich mit vielen. Zumindest in Deutschland. Wenn ich Blogberichte aus den nordischen Ländern lese, zeigt sich mir ein anderes Bild. Dank rigoroser Strafen werden die Verkehrsteilnehmer dort gezwungen, sich anständig zu verhalten - oder sie gehen pleite. Und zu Fuß.
Und siehe da: dort verhalten sich fast alle Touristen ebenfalls brav. Wobei unsere Nachbarländer sich, kaum das sie über die Grenze sind, leider oft genug ebenfalls in Gremlins, die nass geworden sind, verwandeln. Freie Fahrt für freie Bürger kann eben auch nach hinten losgehen. Und tat es.
Auch als Wanderer ist man nicht sicher. Von hinten heizen Down-Hill-Getriebene heran, drängeln sich vorbei oder die ganz Mutigen klingeln Sturm, damit der Wanderer sich über die Ballustrade in den Fluß wirft - nur damit sie in ihrem Fahrtempo nicht gebremst werden.
Mich kotzt dieses immer schlimmer werdende Denken und Verhalten unglaublich an. Nah-Erholungsgebiet? Weit gefehlt. Es ist ein Krieg im Kleinen. Und wenn der Wanderer dann genug gefrustet wurde, vergreift er sich an der Natur. Kippen hinwerfen, Bierdosen und ähnliches Zeug entsorgen ... der Wald kann sich ja nicht wehren und hey: man ist doch schließlich in die Welt gesetzt, um sie sich untertan zu machen.
Je älter ich werde, umso mehr verstehe ich jetzt so manche Aussage meiner Eltern. SO groß ist der Unterschied nicht mehr zwischen unseren Meinungen - auch wenn glatte dreissig Jahre zwischen uns stehen.
Und heute, am Montag, lese ich wieder Zeitungsberichte über am Wochenende nicht selbst verschuldete Todesfälle von Motorradfahrern/Radfahrern. Und in mir drin ist das Bibbern: das hätte ich auch sein können ... Eventuell ist jetzt die Zeit gekommen, darüber nachzudenken, das Hobby Motorrad neu zu werten.






Du sprichst ein Thema an, dass mir derzeit wieder besonders beschäftigt und quält. Was ist los mit dieser Welt? Was ist los mit den Menschen?
AntwortenLöschenIch fahre nun seit 30 Jahren Motorrad, geschätzt ca 400.000 km. Ich kann mit Fug und Recht sagen, dass ich Erfahrung besitze und auch sehr sicher fahre. Aber ich kann auch aus dieser Erfahrung sagen, dass das Verhalten der Menschen schlimmer wird. Asozialer, rücksichtsloser, die Lichtblicke werden weniger?
Was ist das? Wer hat diese Menschen so werden lassen? Der allgemeine Druck "Schneller, höher, stärker, längerer Schwanz"? Eine kranke Leistungsgesellschaft, in der Schwächere nicht mehr zählen? In der man als GUTMENSCH verhöhnt wird, wenn man den Benachteiligten hilft?
Das ist nicht meine Welt und daran will und werde ich mich nicht gewöhnen. Wenn du einen Tipp hast, wie man damit fertigwerden kann, nur her damit! Auswandern in die Einsamkeit der Finnmark kann ich mir nicht leisten. Noch nicht...
Anteilnehmende Grüße aus Österreich!
Angelika
PS.: Mit mehr Erfahrung wirst du am Bike wehrhafter. Ein herzhafter Tritt gegen die Autotür, eine rechte Gerade gegen die Windschutzscheibe ... manchmal kommen die Idioten dann zur Besinnung.
Liebe Angelika, danke für den gut geschriebenen Kommentar. Du hast angesprochen, was ich auch denke. Leistungsgesellschaft. Immer erreichbar sein (wird einem eingeflüstert), besser sein als der Nächste, die Spirale dreht sich immer schneller. Selbst beim Radfahren ist fast nur noch E-Antrieb "in". Wandern? Klar, aber es muß Extrem-Wandern sein. Mit High-Tech-Ausrüstung und natürlich möglichst spektakulär! Wegwerf-Aktivitäten. Heute hopp, morgen schon Flopp. Ich hörte öfter "kauf Dir doch mal ein größeres Motorrad, damit kannst Du wesentlich länger fahren, weiter fahren, schneller....". Ich kann dazu sagen: wenn Ellie umfällt (siehe nächster Blogbericht vom Arendsee), dann kriege ich sie nicht hoch. Wie soll das bitteschön bei einem noch größeren, schwereren Motorrad sein? Wenn KEIN vom Himmel geschickter Radtrupp vorbei kommt und ich allein in der Pampa liege?
AntwortenLöschenTraurigerweise spüre ich, dass diese Entwicklungen der digitalen Welt 4.0 nicht mehr aufzuhalten ist. Vereinzelt wird es hier und da Druiden der Vergangenheit geben (Dich, mich, und evtl. noch einen oder zwei), aber das war's dann wohl. Es sei denn, irgend ein findiger Geschäftsmann hat DIE neue Idee: "Entschleunigung 5.0". Dann sind wir auf einmal voll IN. Durch meinen Burn-out habe ich gelernt: Am Arsch vorbei geht ein guter Weg! Ich arbeite täglich daran, das auch bewußt zu haben - durch bewußte Langsamkeit. Mit dem normalen Rad zur Arbeit, mal schwimmen gehen (planschen), mal einfach eine Stunde am See sitzen und den Schwalben beim Fliegen zusehen ... Klingt einfach, ist es aber nicht. Es summen soviele Gedanken in meinem Schädel, die erst nach und nach verstummen ... Ich arbeite daran, auf meine Individualität stolz zu sein. Das geht mal gut, mal nicht so gut. Kennst Du die Geschichte vom Kolibri, der mit seinem Schnabel Wassertröpfchen für Tröpfchen holt gegen einen Waldbrand? Er wird verhöhnt was das denn bringen würde. Seine Antwort darauf: "Ich tue, was ich kann." Und das ist ein guter Weg ... für mich zumindest.