Gegen Mittag ließ ich aber einfach alles stehen und liegen und huschte in die Garage. Es hielt mich nichts mehr: Straßen trocken, Himmel stahlblau, Wärme bis 7 Grad.
Auf so eine Gelegenheit hatte ich schon lange gewartet. Ellie war vorbereitet gewesen: Kette sauber, Ellie blankpoliert, vollgetankt, die Technik überprüft, den Körper untersucht - so schlummerte sie unter ihrer Staubplane vor sich hin. Seit Weihnachten!
Ich wollte Ellie starten, aber die hustete nur trocken und das war's dann. Wie jetzt - neue Batterie drin und dann so etwas?
Die kluge Frau baut vor, und ich holte meine verschmähte Gel-Batterie aus der warmen Wohnung. Die war noch gut geladen gewesen, und ich bislang nur zu beschäftigt und zu vergesslich, sie bei Tante Luise abzugeben.
Also neue leere Batterie ausgebaut (fluchfluch Zeitverzögerung - die Sonne, die Wärme, alles wartet und nun das!), Gel-Batterie eingebaut und diesmal nicht gleich die Sitzbank wieder an Ort und Stelle gepackt (dreifach fluchfluch; jetzt nur nicht zittern, sonst fällt die blöde Mutter wieder in Ellies Eingeweide ... fummelfummel ratsch! FLUCH Finger aufgeratscht) - dann der spannende Moment: siehe da: hustend kam Ellie ins Leben zurück.
Der Zettfahrer erklärte mir später, dass die neue Batterie wohl noch nicht ausreichend zugeladen gewesen wäre, als ich Ellie Weihnachten damit bestückt, kurz gefahren war, und dann wochenlang in der kalten Garage stehen gelassen hätte.
Am ProCharger zeigte der Pegel: neue Batterie bei 30%. Schon am nächsten Tag zeigte die neue Batterie 100% an. Insofern - könnte Zetti recht gehabt haben. Mal sehen!
Wie auch immer - ich ließ Ellie einige Zeit bei offener Garagentür laufen, und schnupperte verzückt die Abgase.
Dann ging es zurück in die Wohnung. Noch ein spannender Moment: paßt die Motorradhose noch? Warme Unterhose an, dicke Socken, und rein in die Cordura. Sie paßte. Da ich einen verstellbaren Hosenbund habe, wäre ein nicht-mehr-passen eine ausgewachsene Katastrophe gewesen! Denn wie fett hätte ich so über den Winter werden können ...
So ging alles gut. Ich plünnte mich auch am Kopf ordentlich ein, vergaß im Hochgefühl meinen Helm und mußte gleich nochmal zurück. Gegen den kalten Fahrtwind stopfte ich mir ein Alu-Sitzkissen als Windbreaker vorne in die Jacke. Das hatte sich im letzten Jahr schon bewährt.
Endlich war der Moment gekommen!
Ziemlich verwackeltes Foto vom Kilometerstand, bevor es losging. Ich war so hibbelig wie am ersten Tag - möge sich dieses Gefühl noch recht lange erhalten!
Dann ging es los.
Da ich ziemlich bald einen steilen Anhang hoch mußte, um aus meinem Wohnort in die weite Welt zu kommen, war ich froh über den geringen Verkehr. Ich hasse es, Ellie's noch kalten Motor gleich hochdrehen zu müssen, um den herandrängenden PKWs zu entkommen.
Es ging über Land bis kurz vor Wolfenbüttel, dann entlang der B79 und dann irgendwie in Richtung Harz. Der Höhenzug leuchtete überirdisch in hellblau. Kitsch ließ grüßen! Ich liebte es!
Die Straßen hatten teilweise dollen Salzpuder eingefahren, aber da ein leichter Wind aufkam, die Belege trocken waren, und ich ja sowieso nie bei Regen fahre ... hoffte ich auf nur geringe Salzstaubeinlagerungen. Genaue Kontrolle werde ich in der Woche bei Tageslicht machen.
Ich traf vier andere Motorradfahrer. Das Zurück-Grüßen von denen folgte noch etwas zögerlich. Meine neuen Handschuhe waren auch noch so ungewohnt für mich. Da muß erst noch meine Handkrümmung drin verewigt werden - nach hunderten von Fahrkilometern!
In den Gräben schimmerte Schnee, auch Eisflächen konnte ich wahrnehmen. Auf den Feldern standen am hellen Mittag Herden von Rehwild. Auf den Bäumen hockten hungrige Raubvögel auf der Suche nach Beute.
Die Sonne strahlte mit meiner Laune um die Wette. Ich hatte meine alten Motorradstiefel nochmal aufarbeiten lassen (Sohle festkleben, Absätze neu), und so hatte ich auch erst relativ spät kalte Füße zu vermelden. Die neuen Stiefel sind zwar okay, aber sehr kältedurchlässig und nur für die Sommersaison gut geeignet. Irgendwie plünnen die Hersteller, wenn sie ein Update herausgeben. Und zwar ins negative!
Pause bei Seinstedt. Ich war wie unter Drogen!
Die Autofahrer nahm ich besonders ins Visier: erstens war es Sonntag. Zweitens Sonntagswetter. Drittens noch keine Saison für die Wahrnehmung. Einmal schwankte vor mir ein Rentner mit seinem Golf Plus von einer Fahrbahnlinie zur anderen. Das manche Leute einfach nicht kapieren, wann Schluß ist ...
Zweimal drängelten sich Leute aus der VW-Stadt so dicht an mir vorbei, dass ich ihre Nasenhaare sehen konnte. An der nächsten Kreuzung hatte ich sie dann wieder eingeholt. Yeay, was für Helden der Straße ...
Ich suchte mir dann bewußt kleine Nebenstraßen aus. Die Bauern waren noch nicht unterwegs gewesen zum Pflügen, und so waren die Teerbelege frei von Verschmutzungen.
Meiner Hausroute entlang hielt ich dann noch einmal an, mit Blick auf den Harz. Der Brocken hatte noch viel Schnee, war aber meist unter einer Wolke verborgen. Daher kein Foto.
Ja, hier an der Straße macht Leuchtkleidung Sinn!
Leider mußte der Zettfahrer ja arbeiten, und ich wollte ihn nicht unnötig ins Bedauern bringen, indem ich auf dem Motorrad bei ihm vorbei fuhr - so dass ich dann vor Stapelburg abdrehte, und über Vienenburg in Richtung Heimat weiterfuhr.
Bei Wülperode sah ich Leute am Straßenrand parken. Ziemlich verwegen, so in der Kurve ... und dann erkannte ich die Ursache: es mußte kurz vorher einen Wildunfall gegeben haben. Das Reh lag mit blinden Augen im Straßengraben. Vom Motorradsattel aus hatte ich einen unfreiwilligen Premium-Gafferplatz. Urgs ... mir wurde kurzzeitig der Hals dick. Beim Auto war nur die Stoßstange beschädigt, aber bei mir wäre das übler ausgegangen. Kurz hinter dem kleinen Waldstück sah ich dann den Rest der Herde. Das waren an die 30 Tiere, die da standen und guckten. Am hellen Nachmittag!
In Richtung Schladen häuften sich die Sonntagsausflügler. Ich wählte die kleinere Landstraße in Richtung Wolfenbüttel, durchfuhr die kleinen Ortschaften und sah den Harzhöhenzug im Rückspiegel leuchten. Die Sonne stand nun tiefer, und es wurde gleich merklich kälter. Zeit, nach Hause zu fahren!
Trotz mittlerweile eisigen Füßen fuhr ich doch noch einen Schlenker. Noch einen Blick auf die Asse, und ein wenig in der Abendsonne Wärme tanken vor den letzten Kilometern. In der Ferne höre ich einige Unverbesserliche mit brüllenden Tüten die Asse bezwingen. Sie wollen sich wohl den Staub vom Visier pusten. Dort ist Schatten, dort kann es Glitsch geben - aber das zählt nicht für sie - Hauptsache, in Schräglage herum.
Am schlimmsten wird es zum 1. April, wenn das ein Wochenend-Tag ist, mit schönem Wetter ... dann füllen sich die Unfallstatistiken in Nullkommanix. Jedes Jahr erneut. Irgendwie sterben die Dummen nie aus - trotz aller Anzeichen ...
Gegen 16 Uhr war ich dann wieder vor der Garage. Gute 110 Fahrkilometer waren es gewesen. Das hatte viel Spaß gemacht. Ich war warm genug eingepackt gewesen. Die Lenkerstulpen hielten den kalten Wind gut ab, die Griffheizung kam genau dahin, wo sie sollte: Handinnenflächen.
Auch mit geknackstem Finger und Verband paßte ich gut in die Handschuhe hinein. Den Verschluß werde ich kürzen: er ist mir nicht fest genug.
Als ich dann in der Wohnung mit dem heißen Tee und der Mittagessenzubereitung beschäftigt war, hörte ich einen Motor: der Zettfahrer. Er hatte Gas gegeben bei der Arbeit, und konnte somit doch noch eine kleine Runde fahren. Was für ein netter Überraschungsbesuch. Gerechnet hatte ich da irgendwie doch schon mit - was solche Aktionen angeht, ticken wir nämlich gleich!
Laut Wetterbericht kommt jetzt erneut ein Wintereinbruch. Insofern war ich froh, die Gelegenheit genutzt zu haben! Durch das Einatmen der kalten Luft kratzt heute morgen mein Hals, und ich hüstele vor mich hin. Also alles wie immer, wenn ich im Winter fahre ;-). Hoffentlich bleibt die Erkältung weg.





Ich hab's förmlich mitgerochen, wie Elly wieder zum Leben erwachte - das war bei meiner Kawa ja ähnlich. Viel Spaß & tolle Touren in der neuen Saison - der Start hat ja schon mal gut geklappt.
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