Angekommen, eröffnete uns die Vermieterin, sie hätte unsere Wohnung leider weggeben müssen. Eine Frau mit ihrem behinderten Sohn wollte für drei Wochen dort sein. Ebenerdig untergebracht. Nun denn ... hat ja keiner was dafür gekonnt, aber das die Vermieterin uns vorab nicht anrief und fragte ob das ok wäre, fanden wir doch ziemlich dreist.
Da ich mit der Situation überfordert war, packten wir erstmal aus. Aber das tägliche durch-das-Wohnzimmer-des-Vermieterehepaares-traben hob unsere Laune nicht. Wir waren beide so gefrustet, dass wir vor Ort sämtliche Vermieter abklapperten und siehe da, drei schöne neue Alternativen fanden. Und günstiger waren die auch noch! Man wird sehen, wozu das noch gut ist.
In der Wendland-Region fand gerade die Kulturelle Landpartie statt. Das geht von Himmelfahrt bis Pfingstmontag. Eine Empfehlung, aber NUR in der Woche. Am Wochenende ist hier die Hölle los.
Überall in den Gärten fand man kleine Stationen mit besonderen Aktionen.
In diesem Zelt fand später eine Geistheilung statt. Da wurde die Aura gerade gerückt ... teilweise waren die Angebote der einzelnen Stationen doch arg ... gewöhnungsbedürftig
Kräuter für die Geistheilung ...
Als ich dann noch an MagenDarm erkrankte, reichte es mir. Ich versuchte, so schnell wie möglich fahrfähig zu werden. Wir brachen den Urlaub ab. Als Frechheit empfand ich, dass die Vermieterin den gleichen Preis für die Wohnung verlangte. Obwohl dort definitiv nicht saubergemacht worden war. Das Bad hatte in den Ecken Staubmäuse und Haare, und die Toilette war mit Haaren besudelt. I was not amused.
Pfingstsonntag war allerbestes Wetter angesagt. Mir ging es dank heimatlicher Umgebung wieder gut (bessere Aura und so weiter ...) - und ich hing mich ans Telefon. Unterkunft ergattern. So spontan, und dann noch zu Pfingsten, eine fast aussichtslose Idee. Fast unmöglich, sozusagen.
Letztendlich hatte ich aber ein Schweineglück. Die Wildgans vom Arendsee Zießau (der aufmerksame Blogleser erinnert sich an meinen Aufenthalt dort) vermittelte mir eine Adresse, wo gerade eine Wohnung frei geworden wäre. Ein Anruf ergab: paßt. Wir dürfen auch für nur eine Nacht. Würde dann 5 Euro Aufschlag kosten.
Fünf - in Zahlen 5. Das ist ja gerade noch bezahlbar.
Der Zettfahrer war begeistert, ich ebenso. Ich rödelte die gelbe Ortlieb-Tasche auf, und um halb eins ging es los. Ich fuhr voraus - meine Wendland Route von neulich.
An dieser Wassermühle im Ort Jiggel (Link aus Wikipedia) entspannten wir uns. Es waren auch blaue Flattertiere zu sehen - in Fachkreisen Blaue Prachtlibelle genannt. Diese kleinen schillernden Kerlchen wirkten auf mich wie Wesen aus einem Disneyfilm. Tinkerbell und ihre Schwestern!
Langsam tastete ich mich voran ins Wendland, zu den vor kurzem noch einsamen und verschlafenen Straßen. Je dichter ich zu den Dörfern kam, umso höher wurde die Radfahrer-Menge. Und dann fuhren wir ahnungslos mitten hinein - in den Kulturellen Landpartie Wahnsinn vom Pfingstsonntag. So müssen sich Hunde fühlen, wenn sie auf den Weihnachtsmarkt geschleift werden. Massen, hunderttausende Touristen mit und ohne Auto, mit und ohne Fahrrad, mit und ohne Hirn und Toleranz. Eher ohne.
Fast wäre es zu einer Schlägerei gekommen - obwohl ich vorneweg fuhr und wirklich wirklich mit allem rechnete, im Schritttempo vorweg tuckerte bis Ellies Kühler böse rumorte ... wurden wir angefeindet, und nicht zu knapp. Ich kam mir vor wie der Castor-Transport. Feindbild Nr. 2 - Motorradfahrer. Dem Zettfahrer reichte das dann, und als ein Radfahrer sich mitten auf die Straße stellte und auch nicht wegging, bekam der eine Ansage, die sich gewaschen hatte.
Zwei Alternativ-Mädels halfen uns dann ganz lieb wieder auf den Weg, als ich einmal falsch abbog. Na immerhin, das ließ hoffen auf Freundlichkeit des Universums.
Trotzdem hoffte ich, dass dieses Chaos recht bald überstanden war. Höhe Lüchow war es dann soweit. Unterschiedlicher konnte eine Region nicht sein - vor und während der KLP. Pfingsten wird diese Region definitiv zum Widerstand gegen alles, was nett ist. Nämlich Ruhe, Beschauligkeit und Gemächlichkeit. Die gleiche Ansicht teilten übrigens später unsere diversen Tischnachbarn, die ebenfalls völlig entgeistert vor dem Pfingst-Chaos standen - und kapitulierten. Das wäre ja so wie damals, als die Grenzen endlich offen waren, meinte eine ältere Dame am nächsten Tag an unserem Tisch beim Fischer Kagel.
Meterlange Robinienalleen ("falsche Akazien", oder auch Schein-Akazie) auf den letzten Kilometern vor dem Arendsee - zwischen Schmarsau bis Schrampe - entschädigten uns dann. Das duftete und sah überirdisch schön aus mit den hellen Blütenreihen und dem tanzenden Sonnenlicht. Der Wind war ziemlich aufgefrischt und warf mich hin und her. Dann kamen wir in Zießau am Arendsee an. Im Schlüsselsafe vor der Pension hing wie verabredet unser Wohnungsschlüssel, und das Hoftor war auch offen. Wir fuhren die Motorräder hinein und dann war - URLAUB. Zumindest Kurzurlaub.
Ferienwohnung Nr. 3
Das Spatzen-Schlafzimmer; es lärmten und flatterten Dutzende von ihnen auf dem Dach über dem Fenster herum; ich fand das wunderbar
Eine kühle und große Wohnung für uns. Ein ruhiger Innenhof. Hühnergegluckse, Hahnengeschrei. Spatzentschilpen. Ein Schwein grunzte und müffelte irgendwo. Die Gänse am Arendsee riefen heiser. Die Tauben im Taubenstall vom Nachbarn gurrten. Irgendwo lärmte der allgegenwärtig kläffende Köter.
Land - aber sowas von ländliches Land. Ein Traum. Zumindest für diejenigen, die sowas mögen. Also wir :-)
Da hinten im Bild - eine freie Badebucht. Gegenüber darf man nämlich bezahlen für dieses Vergnügen. Hier watet man zwar durch Schilf und Modder, aber wenn das überstanden ist - freies Planschen im See!
Wir ließen den Tag bei einem opulenten Abendessen in der Wildgans (doppelte Portion Arendsee Maränen für mich) ausklingen. Die Leute an unserem Tisch waren an fast allen Orten, die wir auch kannten und schon besucht hatten, gewesen. So ergab sich eine mehrstündige kurzweilige Zeit, in der wir Erinnerungen austauschten. Bald sehen wir sie wieder, zur romantischen Nacht im Kloster Drübeck nämlich!
Später gingen wir an den See. Abendstimmung auskosten, und Essen verdauen. Eins kann ich euch versprechen - MÜCKEN können die da am Arendsee. Solche riesigen agressiven Schwärme hatte ich vorher noch nie erlebt. Die müssen mutiert sein. Geruhsam Spazieren zum Sonnenuntergang ist hier absolut unmöglich, wenn Mückenzeit ist. Bis zum März mag das gehen - aber wenn es wärmer wird, laßt es am Abend lieber bleiben.
Es sei denn, ihr wollt im Sommer nach Finnland - dann könnt ihr hier sehr gut dafür trainieren!
In der Nacht schlief ich wie ein Stein, träumte aber die Matrix. Komische Zusammenstellung! Die eine Mücke im Zimmer, die ich beim Wegdösen gehört hatte, verewigte sich dann heimtückisch an meinem Hals. Vielleicht lag es an ihr, dass ich so ein abstruses Zeug herbei schlief.
Pfingstmontag
Ein reichhaltiges Frühstück mit vielen eigenen Produkten erwartete uns. Die selbstgemachte Marmelade war ein Traum. Ich bin sonst nicht für Süßkram morgens, aber die empfehle ich ohne Einschränkung! Die Eier von den eigenen Hühnern waren ebenfalls superlecker. Wir saßen später noch ganz lange mit der Pensionswirtin zusammen. Rena bot uns das Du an, welches wir sehr gern annahmen. Wir durften ohne Eile zusammenpacken - und sogar ein Spaziergang an den See war noch möglich. Das Wetter war zum Helden zeugen. Der Wind war heftig, und der See wartete mit hohen Wellen auf. Der grüne Modder war verschwunden, und das Wasser sah aus wie ich es von der Ostsee her kannte!Dann packte uns noch einmal der Appetit und wir speisten bei Fischer Kagel einige Meter weiter frischgeräucherten Fisch. Wer am Arendsee ist, muß hier einfach Rast machen!
Auch hier hatten wir sehr nette Tischgefährten, mit denen wir uns prima unterhielten. Dann stellte sich noch heraus, dass sie aus dem kleinen Ort Grieben in der Nähe von Tangerhütte stammten. Dort hatte ich vor mehreren Jahren mal Station gemacht. Die Welt ist ein Dorf!
Gegen 15 Uhr erst starteten der Zettfahrer und ich zur Heimfahrt. Ich hatte die Rückfahrt nicht ausgearbeitet und wie üblich ließ ich mich davon sehr durcheinander bringen. Nur anhand der Karte und oft mit dem Mut der Unwissenheit befuhr ich kleine Feldwege und Zubringerstraßen. Teilweise waren die Wege nicht im richtigen Sinne Wege. Sie hießen einfach "Graben". Hier fuhren höchstens Radler, und Traktoren. Und nun auch wir.
Wir fuhren später ein Stück auf der B71, dann bog ich ab durch die Dörfer. Bundestraße fahren ist öde. Zum Glück war nicht soviel los. Die meisten Leute waren wohl noch irgendwo im Kaffee-Garten oder beim Baden.
Im Ort Beezendorf machte ich eine kurze Rast. Auf dem Weg dorthin durchfuhren wir wieder Robinien-Alleen.
Hier Idylle, und wenige Meter vorher viele verfallene Gebäude. Der Soli Aufbau-Ost ist nicht überall gleich gut verteilt worden ...
Dann fuhr ich wieder einen Teil der Route von vor drei Wochen. Sogar um Wolfsburg herum ging es relativ gemütlich zu. Vereinzelte Vollpfosten mit Mütze-schief-auf-dem-Kopf und VW-Angehörigen-Leasingwagen gab es zwar erneut, aber nicht so heftig viel wie in der Woche. Einige Motorradgruppen waren auch unterwegs. Was treibt die nur, dass sie fast nie allein unterwegs sind? Mir fehlt das Gruppengen. Der Zettfahrer ist gerade noch das, was ich schaffen kann. Aber mehr wie zwei ist mir einfach zu stressig!
Öfter höre ich die Frage, ob es nicht langweilig wäre, wenn man allein fährt. Also ich verstehe die Frage nicht ... man kann kreuz und quer fahren, anhalten, zurückfahren, nochmal anhalten, Fotos machen, Pausen einlegen oder auch wieder nicht ... Mitfahrer würden wahnsinng werden bei so einem Verhalten. Wenn ich zu zweit fahre, dann fühle ich mich immer irgendwie getrieben. Die beschauliche Ruhe, die ich beim allein fahren empfinde, ist nicht mehr da. Beim allein fahren bin ich nur für mich verantwortlich. Der Blick in den Rückspiegel ist höchstens dafür, dass ich die Verkehrssituation ansehe. Es finden auch ganz andere Gespräche mit Zaungästen statt, wenn ich mal pausiere. Andererseits ist zu zweit fahren auch ganz okay. Es hält einem jemand den Rücken frei, oder man teilt die Erlebnisse gleich miteinander. Mal so, mal so fahren. Damit kann ich gut umgehen!
Gegen 18 Uhr kamen wir wieder Zuhause vor der Garage an.
Hier mal die gesamte Rückroute. Kilometer ungefähr 130 vom Arendsee bis nach Zuhause.
Fazit:
Manchmal kommt es anders als man denkt - und manchmal kommt es dann sogar besser.
Zu guter Letzt mit Genehmigung von Rena - von mir für euch ein Flyer. Druckt ihn euch aus und nehmt ihn als Empfehlung in eure Pro-Quartiersliste mit auf.
Wir zahlten 6,50 Euro pro Person für ein reichhaltiges und liebevoll aufgebautes Frühstück (gab auch Obst, und das hatte gute Qualität!) und 24 Euro pro Person für die Wohnung. Kurzübernachtungsaufschlag 2,50 Euro pro Person. Entfällt bei zwei Übernachtungen. Handtücher waren da, die Betten sind okay - jedenfalls bei unserer Wohnung Nr. 3 war es so. Die Einrichtung ist rustikal und bodenständig. Im Hof darf geraucht werden, das Haus selber ist rauchfrei.
Das Bad war sauber, wenn auch ziemlich lütt. Wenn mal was wackelt oder Anlaß zum Korrigieren ist, sprecht Rena einfach drauf an. Sie ist bemüht, das man sich wohlfühlt und erfüllt wirklich fast jeden Wunsch. Wenn er denn machbar ist.
Grillen kann man im Garten, Zelten wäre auch möglich gewesen.
Die ebenerdigen Wohnungen Nr. 7, 8 und 9 - im Flyer rechts oben zu sehen - erlauben auch Hundemitnahme. Wobei dort schon Katzen, Kaninchen und ein Graupapagei mitgewohnt hatten.




Meine Güte, hast du wieder schöne Bilder mitgebracht. Ja, du hast ein Auge dafür.
AntwortenLöschenWir wären uns ja beinahe über die Füße gelaufen, weil ich ungefähr zur selben Zeit dort unterwegs war
Schade, das wäre eine Überraschung geworden.