Dritter Reisetag - A -
28.8.2018
Zunächst ging es wie üblich zur Tankstelle. Diesmal schlug ich einen Bogen über den Elm, und fuhr durch ihn durch nach Schöningen. Die waldige Strecke gefiel mir. Das Morgenlicht schien durch die hohen Nadelbäume, das mir irgendwie feierlich zumute wurde. Ich hatte einige Ziele auf meiner Liste. Wie sie wohl sein würden?
So unbekannt der Ort Schöningen am Ende des Elm auch scheint - er hat einen Golf Club. Dort war ich noch nie. Aber Google findet das erwähnenswert. Na denn ...
In Schöningen suchte ich mir eine kleine Nebenstraße um den Ort herum, und fuhr quasi oberhalb am Tagebau Schöningen vorbei.
Mit der Auskohlung des Tagebaus Schöningen am 30. August 2016 ging die über 140-jährige Bergbaugeschichte im Helmstedter Revier zu Ende ... Die Schöninger Speere, die dort ausgegraben wurden, sind im Paläon ausgestellt. Ein Forschungs- und Erlebniszentrum am Rand der Grube. Ich war schon mehrfach dort gewesen. Es ist spannend, die eigene Vorgeschichte kennenzulernen. In der Schule mußte ich häufig ins Museum - Klassenausflüge! Wer kennt das nicht ... War ganz okay für mich, aber das naturhistorische Museum mit seinen Artefakten zeigte selten etwas aus der eigenen Geschichte. Dafür ganz viele ausgestopfte Tiere wie Löwen, Tiger und Affen. Ich fand die gruselig. Die Glasaugen funkelten irgendwie diabolisch. Und das Fell war an vielen Stellen ziemlich kahl. Ich sah die Tiere lieber am Leben, und dort, wo sie hingehörten - in Afrika, Asien und sonstwo!
Geschichte ist im Paläon anders. Hier gibt es Sachen von vor-der-Haustür. Auf dem Frei-Gelände gibt es auch eine kleine Herde Wildpferde. Das gesamte Areal ist Museum zum Anfassen und beinhaltet auch ein sehr gutes kleines Café. Hier lohnt sich ein Stopp immer.
Auf der L640 war an diesem Dienstag nicht viel los. Ich querte die B245a, und fuhr kurz darauf eine kleine und furchtbar hubbelige Seitenstraße hinein zum kleinen Ort Sommersdorf. Ab und an gibt es sie noch, die nicht subventionierten ehemals "normalen" Straßen in der ehemaligen Ost-Zone. Ich sah aus dem Augenwinkel eine kleine Hütte, und drehte noch einmal um. Dieser Kontrast gefiel mir. Fotostopp!
Hinter der Hütte war eine stachelige Hecke übervoll mit dicken blauen Früchten. Ich probierte eine und richtig - DAS waren Schlehen. Uah - blaue Zitronen. Die Stelle merkte ich mir. Hier werden der Zettfahrer und ich nach dem ersten Frost vorbei fahren, und ernten. Schlehenlikör ist eine Köstlichkeit. Und dazu braucht man eben ... die Früchte. Entlang der ehemaligen Grenze gibt es noch heute das grüne Band - Hecken und Gebüsch, oft verwildert, aber niemals unnötig. Hier brütet allerlei Getier, versteckt sich Fuchs, Hase und Rehwild.
Im Örtchen Sommersdorf geriet ich in eine Straßensperrung. Hm, das war jetzt nicht so schön. Aber an den Baufahrzeugen war wirklich kein Vorbeimogeln. Auch nicht nach Zettfahrer-Art - hier war gesperrt, und zwar für alle.
Ich schaute in meine Sachsen-Anhalt-Karte. Es half nichts. Umleitung fahren. Es ging raus aus dem Örtchen über eine sehr schöne kleine kurvenreiche Straße. Das ging richtig hoch hinaus hier - für Landschaftsguck war aber leider keine Muße, weil von hinten ein tiefergelegter Golf andrängelte. Der überholte mich dann sobald er konnte. Gut so, ich konnte also weiterhin gemütlich sein.
Ortseingang Völpke begrüßt die Besucher mit einem Museumsstück.
Nur gucken - nicht anfassen ... Scherzkekse
Hier hat jemand aus einem Schrotthaufen einen Hingucker gezaubert. Wobei mir der restaurierte Bus besser gefallen hätte. Vielleicht hatten Anwohner auch die Nase voll gehabt vom Blick auf das modernde Gefährt, und aus Protest die Blumenkästen angehängt.
Es ging durch den Ort, dann bog ich in Badeleben links weg. Und auf einem Hügel schaute ich nach etwas, was ich unbedingt aufsuchen wollte. Dracula's Schloß, so erschien es mir. Es ist in Privatbesitz, und die ganzen Hinweistafeln sprachen deutliches Mißfallen Touristen gegenüber aus.
So begnügte ich mich damit, im Gebüsch nach bestmöglichen Fotoperspektiven Ausschau zu halten.
Das alles war mir zuwenig. Ich fuhr die steile Straße hinauf, und bog nach links weg. Kurz danach stand ich vor einer Pracht-Allee. Mal sehen, ob ich hier geduldet werde.
Ein Grab für ein Haustier, ich vermute es war ein Hund
Die Kamera in der Hand, wanderte ich zum Tor. Ein altdeutscher Schäferhund auf dem Grundstück links vor dem hohen Zauntor flippte völlig aus, kläffte sich die Seele aus dem Leib, und rannte wie verrückt hin und her. Ich sprach einen Mann an, der bei der Gartenarbeit war. Erst schaute er etwas zugeknöpft, taute aber bald auf. Mein höfliches Interesse ließ ihm fast keine andere Wahl.
Leider ist das Besichtigen des Schloßes nicht möglich. Das Gelände ist in Privatbesitz, und die Schloßherren restaurieren Stück für Stück. Na, da haben sie aber viel zu schaffen. Das Haus Gneisenau, Schloß Sommerschenburg, ist teilweise in wirklich üblem Zustand.
Dann kam ein kleiner verhutzelter Mann auf einem kleinen verrosteten Gefährt angefahren, welches rußigen Rauch ausspuckte: der polnische Arbeiter, der auf dem Gelände für Ordnung sorgt. Er fluchte heiser über das motorisierte Ding "Maschien kapuuud - Drecksding!". Wir mußten alle lachen. Er öffnete das Tor und ließ mich aus der Ferne einige Fotos machen, während er eine selbstgedrehte Zigarette zwischen seine Zahnstummel schob. Er wünschte mir "Gutes Fahren, Madamchen!" und tuckerte den geharkten Kiesweg entlang, auf das Schloß zu.
Irgendwie fühlte ich mich jetzt wie in einem Roman aus Ost-Preußen. Feudales Schloß, polnisches Personal, Schäferhunde ...
Im Ort Sommerschenburg gab es ein Dorfgemeinschaftshaus mit Informationen zur Geschichte. Dort fuhr ich hin.
Das Tor war zwar offen, aber niemand vor Ort. So machte ich einige Fotos und schaute mir die Karte genauer an.
So hübsch war der Besitz einmal gewesen.
Es war gegen 14 Uhr, und ich wollte weiter. Einmal fuhr ich noch zurück, über die Badelebener Straße, hin zum Gelände des ehemaligen Eisenerztagebaus.
Der Zufahrtsweg, den ich fahren wollte, war für Fahrzeuge gesperrt. Zum Laufen war ich zu faul. Das Schwimmbad würde ich ein anderes Mal besichtigen. Ein alter Trabbi tuckerte in einen Seitenweg, während der Fahrer neugierig zu uns hinschaute. Touristen gab es hier wohl nicht so viele.
Ich drehte auf der kleinen befestigten Haltebucht, fuhr diesmal den kleinen Weg "Unterburg" unterhalb des Schloßes entlang, und ergatterte kurz vor dem Ortsausgang ein weiteres Foto voller Geschichte.
Hier wäre ich auf dem schotterigen Untergrund bald weggerutscht. Was tut man nicht alles für ein gutes Foto ...
Der Weg "Unterburg" und "Bergstraße" brachte mich übrigens an der Vollsperrung vorbei. Das dürfte sonst nur Einheimischen bekannt sein. Und jetzt auch mir ;-).
Nun ging es aber wirklich weiter. Nach Marienborn.
Marienborn zählt zu den historisch ältesten Wallfahrtsorten innerhalb Deutschlands. Das weiß kaum jemand. Die meisten Menschen verbinden den Ort mit der Geschichte der Teilung Deutschlands. Gedenkstätte Deutsche Teilung, Marienborn, um ihn genau zu nennen. Die Gedenkstätte ist aber ein Stück weiter. Neben der Autobahn. Transit-Reisende werden dieses furchteinflößende Areal mehr als deutlich kennen ... Zitat aus der Seite bei Wiki:
Alle Abfertigungsgebäude wurden größer als nötig gebaut, um die Reisenden einzuschüchtern, die Stasi nannte das „Operative Psychologie“.
Sehr lesenswert hierzu ist dieses Essay: Generation Marienborn
Es beschreibt viel von dem, was meine Eltern erlebt hatten. Und als ich es bei der Blognachbereitung im Internet fand, wußte ich auch, woher mein Gefühl von Bedrückung kam, welches ich im Ort selbst empfand.
Zetti und ich machten bei unserem damaligen Besuch vor zwei Jahren viele Fotos. Das Gelände ist riesig. Für mich Westkind ist es nur ein Ort. Dem Zettfahrer ist es immer noch unangenehm, dort zu sein. Meine Eltern kennen den Ort ebenfalls persönlich - sie mußten damals auf dem Weg nach Berlin immer dort durch. Besonders unangenehm kamen ihnen die Flintenweiber vor die Stoßstange. Pingeliger als pingelig, es dauerte Stunden, und immer lief es mit Schikane - so ging das Filzen der Autos vonstatten. Seitdem hat mein Dad Probleme mit Frauen in Uniform.
Der Zettfahrer bestätigte die Erfahrungen meines Dads. Die Frauen dort am Kontrollpunkt waren am schlimmsten. Sie tobten sich wohl richtig aus in dieser zwanghaften Atmosphäre von "Fressen, sonst gefressen werden".
Aber zurück zur Ortschaft Marienborn!
Auf dem oberen Foto zu sehen: die ehemalige Orangerie (im Hintergrund die ehem. Brauerei) - hier war einmal ein Café untergebracht gewesen. Es ist aber bereits seit acht Jahren geschlossen. Ich lernte beim Fotografieren einen älteren Herren kennen, der sich als der ehemalige Betreiber und Besitzer des Cafés entpuppte. Er erzählte lange von der Zeit, als hier im Ort noch wirklich Betrieb war. Das schlich nach der Grenzöffnung mehr und mehr dem Ende zu, so daß er dann vor acht Jahren aufgab. Seitdem verfällt dieses kleine Häuschen mehr und mehr. Er sprach ziemlich resigniert - im Ort wäre leider nur noch Durchgangsverkehr. Keine Möglichkeiten zum Einkaufen, und die alten Leute würden sich hier wie auf der letzten Station vor der Erde fühlen.
Wenn ich allein unterwegs bin, erlebe ich häufig solche Begegnungen. Was zunächst wie Zufall ausschaut, wird im Rückblick ein Mosaik-Steinchen in einem bunten und tiefschichtigen Reisebild. Und dieser Ausflugstag ging wirklich unter die Haut!
1857 gab es hier vor der Orangerie einen Teich mit Fontäne. Zu sehen, wenn ihr den unten stehenden Link anklickt. Gustav Löbbecke, der Erbauer, hat übrigens auch in Braunschweig seine Spuren hinterlassen: Löbbeckes Insel, am Inselwall.
Ansichten früher und heute - Orangerie (klick!)
Der Vorplatz der evangelischen Klosterkirche St. Marien (im Hintergrund das Pfarrhaus) lockte mit einem prachtvoll blühenden Rosenbeet. Aber auch hier, wenn man genau hinschaut ...
... könnte mal der Staub weggepustet werden.
Trutzig und irgendwie drohend erhebt sich dieser Halbturm in den Himmel; wirkt auf mich jetzt nicht unbedingt einladend frohlockend, sondern eher wie das alte Testament - strafend
Im hinteren Bereich des Geländes gab es eine Ruine, die direkt an die Kirche angebaut war. Die Klostergebäude. Ein Teil des Kreuzganges. Die Rückwände zugemauert. Dank Google erfuhr ich, dass das Kloster 1811 aufgegeben wurde, und in den Räumen Arbeiterwohnungen entstanden sind. Das würde auch zu dem Grundriss der einzelnen Stätten passen.
Die Fenster waren schon lange ohne Fassung und Glas, und die Tür nur mehr ein leeres Loch. Innen fand ich viele leere Räume, die ihre eigene Botschaft trugen:
Neuzeit ...
Okay, DAS ist jetzt sehr lange her ;-). Aus den 70ern? Und falsch geschrieben. Trotzdem ein Zeitdokument der eigenen Art. Zu dem Zeitpunkt, wo diese Disco Gruppe existierte, gab es die Mauer schon. Und Gruppen aus den USA oder überhaupt Musik-Schallplatten waren im Osten kaum erhältlich. Höchstens als Bückware, wenn man Beziehungen hatte ...
Neben der Marien-Kirche stand ein wuchtiges Wohnhaus. Bei Google wird es als Schloß genannt. Es befinden sich darin 4 Wohnungen, das Gemeindebüro und eine Arztpraxis. Eine junge Frau parkte genau neben Ellie, und stieg aus ihrem Auto, bepackt mit den Einkäufen. Meine Frage nach der Ruine neben der Kirche konnte sie nicht beantworten. Sie würde hier nur wohnen. In der Kirche wäre ab und an Betrieb, aber sie interessiere sich da nicht so wirklich für.
Das Wohnhaus schien ein wirkliches Schmuckstück gewesen zu sein, wenn man bei Google Bilder nachschaut. Ansonsten ... Der ganze Ort Marienborn atmete eine sterbende Resignation aus, welche durch die durchrasenden fetten SUVs und sonstige protzige Fahrzeuge nur noch unterstrichen wurde. Abgehängt, nicht mehr interessant. Trotz Wallfahrt. Vielleicht war ich nur zur falschen Zeit dort gewesen. Ich will dem Ort nichts böses nachsagen. Auch wenn ich mich dort irgendwie unwohl fühlte: Ich werde wiederkommen.
Übrigens sah ich beim Rausfahren einen PKW am Straßenrand parken. Ein alter Mann ging mit einem Gefäß in der Hand in den Park, hin zur Marienkapelle. Dort gibt es eine Quelle, der heilende Kräfte nachgesprochen werden. Die werde ich bei meinem nächsten Besuch auch mal aufsuchen. Man weiß ja nie ... vielleicht ist was dran an der Mär. Im ungünstigsten Fall hole ich mir auch "nur" fiesen Durchfall.
- Ende Teil A - Das muß erstmal gelesen werden von euch ;-).
Im Teil B kommen Kickboxer in die Geschichte, geht es zu einem Herrenhaus, wo wir sehr unerwünscht sind. Eine Schaubäckerei wird belagert, beim Fototermin im Sportboothafen fahren wir fast in den Kanal, und entdecken anschließend den Nachtwächter-Weg.


as ist aber ein richtig sensationeller Reisetag und ganz nach meinem Geschmack! Spazierenfahren durch schöne (oder zumindest beeindruckende, denn was ist schon "schön"?) Gegenden und dabei was Geschichtliches entdecken und erforschen!
AntwortenLöschenDas ist doch fantastisch, oder?
Ich liebe Motorradtouren, wo ich ins Grübeln komme über das Damals und das Heute und Spurensuche! Besonders gut war das in Schottland, England, Wales und Italien möglich.
Ich wünsche Dir noch viele solche Tage und viele Entdeckungen!
LG Geli
PS.: Danke auch für deinen Essay-Tipp auf Google+. Seeehr spannend! Die dt. Einigung war DAS prägende außenpolitische Ereignis meiner späteren Jugend und fasziniert mich immer noch sehr!
Is ja relativ nahe an Deinem Wohnort! Komm doch mal nach Bayern!
AntwortenLöschenToll geschrieben und tolle Fotos. Macht Spaß zu lesen. Weiter so. Danke
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