Sonntag. Geplant war, dass ich zum GoDi in Wolfenbüttel-Linden fahre. Dort gibt's einmal im Monat Gemeindemittagessen, und der heutige Sonntag war auch "Japan-Tag". Ein Missionar, der seit 33 Jahren in Japan lebt und arbeitet, wollte berichten.
Fremde Kulturen aus ERSTER Hand erzählt bekommen, das fesselte mich schon immer. Mittagessen noch dazu (Japanisch sollte es werden) - also gleich zwei Events, die mich begeisterten.
Und weil ich ja "die Abenteuerseele" der Gemeinde bin, entschloß ich mich kurzerhand, mich abenteuerlich zu verhalten und mit Ellie zum Godi zu fahren.
Schon als ich auf Ellie zur Tankstelle fuhr, merkte ich, dass ich mich falsch angeplünnt hatte. Obwohl es Anfang Juni war (wir erinnern uns - Juni, der Monat, in dem es traditionell Frühsommer zu sein hat ...), herrschten Temperaturen wie im November. Dazu ein starker Wind. KEINE guten Voraussetzungen für jemanden, der a) schnell friert, b) grad den "Frauenkram" ertragen mußte, c) noch den Knoten im Hirn hatte vom 1. Mai. Der aufmerksame Leser erinnert sich an meinen Umfall-Unfall in Seinstedt ...
Egal - für das kurze Stück zur Gemeinde (knapp 20 km) über die Dörfer wollte ich mich nicht noch einmal zuhause umziehen.
Der Wind war heftig. Schlug geradezu auf mich ein. Ich biß die Zähne zusammen, machte mich auf dem Mopped so klein und so schwer, wie es ging (nach dem Mittag war zumindest der zweite Teil des Satzes von ganz allein zu bewältigen - rülps..), und fuhr eine gewohnte Hausstrecke.
Tja, was soll ich sagen? Wenn die Sonne rauskam, war es herrlich. Leider kam die sehr selten. Kurz vor Wolfenbüttel machte ich meine Heizgriffe an. Meine Sommerkombi mit den Sommerlederhandschuhen ist für ... richtig - den SOMMER gedacht.
Knurrend trotzte ich dem Wind, wie ich es früher schon in meiner alten Heimat (Hamburg) immer gemacht hatte. Der Satz "Du kannst mich mal, Du blödes Wetter!" geisterte recht häufig in meinem Kopf!
Ich hatte kaum Zeit, mir Sorgen um den Knoten im Gehirn zu machen.
Durchgefroren kam ich in der Gemeinde an. Es folgten eine sehr bewegende Predigt, ein grandioses Mittagessen, wo ich von allem Nachschlag nahm (dieser Nachtisch war ein TRAUM), und es später bereute ... aber egal, in Gemeinschaft schmeckt es mir einfach besser und fasten kann ich in der Woche immer noch, basta.
Danach ging es zunächst einmal in steter Seitenlage nach Hause. Ich mußte meine Winterkombi anziehen, und die Sturmhaube UND die Kuhfußhandschuhe. Der Wind kühlte einen so dolle aus, krass ...
Nun war ich warm eingeplünnt, und der Wind hatte mich wütend gemacht. Der konnte mich mal - ich wollte an meinem Knoten arbeiten, und dieser doofe Wind hält mich nicht davon ab! Wind ist besser als Regen!
Mit 3 kg zusätzlichem Gewicht (das Mittagessen plus Klamotten!) fuhr ich vorneweg. Erst einmal nach Schöningen. Toll, dachte ich mir, das läuft ja super! Der Wind störte auf einmal auch nicht so, und ich fühlte mich warm und beschützt.
Kurz hinter Schöningen bog ich rechts ab Richtung Asse, und da merkte ich Naivling, dass ich bis hierhin mit Rückenwind gefahren war.
Nun kam der Wind böig von der Seite, und drosch auf uns ein.
Ich zog den Kopf ein, und den Gashahn etwas auf. Ich vertraute auf die Fahrphysik. Wie war das noch? Ab 90 km/h wird es langsam instabil? Stimmte genau. Also blieb ich bei 80 km/h, und klammerte mich mit den Oberschenkeln an den Tank. Jihaaa - ich reite den Wind.
Ich war so größenwahnsinnig und plümerant, dass ich in Groß Vahlberg nicht wie gewohnt UM die Asse herumfuhr, sondern mitten durch.
An dieser Stelle eine kurze Erklärung: wer bei Sturm durch Waldgebiet fährt, ist entweder Heike, oder noch bekloppter. Wer das unbedingt will, muß sich auf herabfallende Äste einstellen - was beim Auto gerade noch geht, beim Motorradfahren aber böse enden kann. Mein Schutzengel hat sicher wieder zwanzig graue Haare mehr bekommen an dem Tag.
Die Kurven gingen leidlich, die Dreckschlieren auf der Straßen hielten sich zum Glück auch in Grenzen. Letzte Woche sah es da noch ganz anders aus - wir erinnern uns: Unwetter mit sintflutartigen Regenfällen ...
Weiter ging die Fahrt Richtung Biewenden und Seinstedt. An meinem Umfall-Hügel knurrte ich nur grimmig - und fuhr dran vorbei. Ich bog nach Hornburg ab, umrundete den Ort und auf der Straße, die nach Schladen führte, bog ich dann kurz hinter Hornburg links ab - zum Itschenkrug.
Hier hatte ich letztes Jahr öfter mal Motorräder stehen sehen.
Der Itschenkrug ist ein Ausflugslokal mit angemessenen Preisen - ein Glas Tee für 1,50 Euro finde ich super.
Ich hob den Altersdurchschnitt der anwesenden Gäste um ein beträchtliches Stück. Das ich um 16 Uhr noch "Mittagessen" bekam, ist lobend zu erwähnen - durchaus nicht häufig, manche Gaststätten stellen sich da an und verweisen auf die Kaffeekarte. Hier werde ich im Sommer (haha ...) sicher mal wieder einkehren - der Service war freundlich und schnell, der Kräutertee hat sehr lecker geschmeckt und der Preis war auch genial.
Gestärkt, aufgewärmt und mit leerer Blase ging die Tour weiter. Ich wollte jetzt auf die Suche nach der verwunschenen Abtei gehen.
Wir fuhren durch ein schönes Waldgebiet und eine Kirschbaumallee. Endlich kam mir die Strecke vertraut vor, und ich wußte: jetzt bin ich auf dem richtigen Weg.
Und außerhalb der Ortschaft, auf der kleinen Landstraße - stand sie dann - die alte Abtei.
Links im Bild (mitte, total überwuchert) die Reste einer alten Mauer - davor die Reste von zwei abgebrannten Baumstümpfen. Die ganze Anlage wird gemäht, und meine Neugierde wuchs mit jeder Minute. Was war das hier früher gewesen ???
Die Tür stand wie bei meinem ersten Besuch offen.
Eintreten ...
Ein Loch im Boden - hier lagerte leider nur Müll ...
Irgendetwas Sakrales war das, mit Sicherheit. Aber kein Hinweisschild, nichts, auch bei Google war vorab nichts zu finden gewesen.
Und kurz bevor ich abfahren wollte, bekam ich eine Erklärung einer Dorfbewohnerin, die mit ihrem Enkelkind gerade einen kleinen Spaziergang machte.
Das Gebäude war bis zur Wende ein Mausoleum gewesen, wo die Gebeine der Gutsherrenfamilie von Gustedt (Enteignung bei der Bodenreform von 1945) aufbewahrt waren. Wunderschöne bunte Glasfenster waren eingemauert gewesen, das Gelände eingezäunt und mit alten Bäumen beschattet war das Grabdenkmal. Nach der Wende wurde es geschändet, die Fenster und alles, was darinnen war, gestohlen. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, rausgeholt.
Die Tür war früher abgeschlossen gewesen, aber da sich Einbrecher immer wieder Zutritt verschafften, hatten sich die Heimatpfleger entschieden, die Tür jetzt offen zu lassen ... Es war geplant, Deersheim etwas bekannter zu machen, mit kleinen Tafeln Gebäude "zu erklären" und somit auch Touristen in den Ort zu holen.
Ich war schlichtweg entsetzt wegen der Mausoleum-Story. Wer schändet ein Grabmal - egal, welches! Gebeine stehlen - wie krass ist denn sowas ...
Sehr nachdenklich fuhr ich dannweiter zum Wasserschloß Westerburg, zwischen Rohrsheim und Dedeleben.
Es war 17.30 Uhr, die meisten Touristen schon nach Hause gefahren, und die Anlage lag in herrlicher Abendruhe.
Von der Straße aus ist dieses Kleinod nicht zu erahnen, und der Park wirklich wunderschön.
Idyllischer Ruheplatz im Park der Westerburg - sicher ein beliebter Ort für die Hochzeitsfotografen des "Romantik-Hotels"
Ich saß lange Zeit auf der Bank unter dem Weidentunnel, ließ die Tour und die Erlebnisse auf mich wirken. Das Wetter war entgegen der Voraussage gut geworden, die Sonne kam durch, und die Temperaturen stiegen auf unglaubliche 16°. Überall grünte und blühte es, und die Parkvögel krakeelten in einer unglaublichen Lautstärke. Ich fand es herrlich idyllisch und romantisch.
Der Rückweg ging dann ein Stück über die B79, wo der Wind wieder heftig zu merken war. Bei Remmlingen bog ich ab, und es ging um die Asse herum wieder Richtung Heimat. Bei Gilzum machte ich am Straßenrand noch eine kleine Pause - ich war ausgekühlt, und mein rechter Unterschenkel begann wieder rumzuzicken.
Der Rückweg ging dann ein Stück über die B79, wo der Wind wieder heftig zu merken war. Bei Remmlingen bog ich ab, und es ging um die Asse herum wieder Richtung Heimat. Bei Gilzum machte ich am Straßenrand noch eine kleine Pause - ich war ausgekühlt, und mein rechter Unterschenkel begann wieder rumzuzicken.
Ein guter Bikerkumpel aus Hamburg hatte mir letztes Jahr schon geraten, auch kurz vor Zuhause lieber noch eine Pause mehr zu machen. Denn die meisten Unfälle passieren, wenn man die Heimat schon vor Augen hat, müde ist, aber nicht mehr anhalten will.
Um 19 Uhr waren wir in Weddel zurück. Ellie hatte 175 km auf der Uhr.
Fazit:
Das war ein toller Tag gewesen, wenngleich das Wetter einem Leistung abforderte. Der Wind hatte mir gleich schon einen kleinen Muskelkater im Schulter-Nackenbereich beschert, der durch die heiße Dusche ein wenig gemildert wurde.
Ich bin gefahren - und zwar sechs Stunden lang. Das Gefühl der Hilflosigkeit war bei der Tour verschwunden.
Am 5. Mai war ich die Tour das erste Mal gefahren - bei bestem Wetter, und mit Zittern in den Knochen. Jetzt bin ich die Strecke erneut abgefahren, und konnte die Eindrücke der Umgebung intensivieren.
Ich bin auch ein großer Fan von Ruinen und alten Gemäuern. Gern auch zu einer Moped-Tour verarbeitet. Zu zweit macht das Fahren, Gucken und Einkehren doch noch mehr Spaß, oder?
AntwortenLöschen@Sonja Es hat viele Vorteile, stimmt. Einer davon ist, das da jemand ist, den man knuffen kann, vor Freude zum Beispiel ... :-)
AntwortenLöschenHört sich nach einer richtig schönen Tour an. Mir war das Wetter leider zu unsicher und da ich Samstag arbeiten musste, hatte ich ein riesiges Bedürfnis, mich auszuruhen. Erst heute habe ich die Dicke mal wieder durch den Elm gehetzt, hehehe. Deine Tour hat mir schon bei Deiner ersten Beschreibung sehr gut gefallen und ich glaube, Du kommst nicht umhin, mir die geheimnisvollen Orte auch einmal zu zeigen. Bis bald, liebe Grüße an Dich und MM!
AntwortenLöschen@Pete - Du kennst mich ja - immer schön gemütlich und dann noch eine zusätzliche Pause - können wir gern machen!
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