Gegen halb fünf plünnte ich mich bei angenehmen 13 Grad Außentemperaturen und sonnigen Abschnitten ausreichend dick an. Eine kurze Runde sollte wohl drin sein. Ellie stand jetzt zwei Wochen am Stück, ob sie wohl noch mitmachte?
Ein Zug am Choke, ein Drücker auf den Starter - sie sprang sofort an und schnurrte hochtourig vor sich hin. Ich ließ sie ein wenig warm laufen, und regelte dann wieder zurück. Ihr Motor lief wie eine Nähmaschine, leise, beruhigend, gemütlich.
Schon die ersten Kilometer auf der Straße merkte ich, wie mir das gefehlt hatte die letzten Tage. Ich sog wie ein Anfänger alle Eindrücke auf!
Eine vorwitzige Fliege meinte, mein linkes Auge attackieren zu müssen. Argl, das tat weh! Ich hatte das Visier ein Stück offen gelassen, weil meine Atemluft die Brillengläser beschlagen ließ. Das ist im Herbst bzw. Winter beim Fahren lästig: ganz zumachen geht nicht, weil die Atemluft mit der kalten Luft am Visier kämpft. Egal, ob mit Pinlock oder ohne.
Mein Auge tränte, und das Wasser lief mir in die Sturmhaube. Ein kurzer Stopp am Straßenrand, ein Reiben mit dem behandschuhten Finger - die Fliegenleiche wurde hinausgeschwemmt.
In dem Zuge rupfte ich gleich noch eine große Menge an Grünzeug für die Schweinsbande zuhause ab. Die würden sich freuen. Gras kurz vor dem Winter, da sind sie ganz verrückt drauf.
Die Straßen waren trocken, aber in den Kurven lagen oftmals angewehte Blätterhaufen. Vorsicht war geboten, denn die untersten Blätter sind feucht und glitschig.
Außerdem waren die Bauern wie wild dabei, ihre Felder für den Winter vorzubereiten. Resultat: abseits der vielbefahrenen Bundesstraßen war der Straßenbelag ziemlich verschmutzt. Vor allem die Rübentransporte hinterlassen eine unglaubliche Sauerei. Die lehmhaltige Erde ist ein Teufelszeug. Mehr als einmal rutschte mir das Hinterrad einen winzigen Augenblick weg. Und ich war nicht schnell unterwegs, beileibe nicht ...
Auch in den Dörfern war ich in schlecht einsehbaren Kurven übervorsichtig. Zu recht. Mehrfach tuckerte ein Trecker mit Anhänger im Schneckentempo aus der Hofeinfahrt. Fontalzusammenstöße hätte ich ebenfalls mehrfach haben können. Hier half mir meine Erfahrung und die Tatsache, dass ich meine Hausrunde sehr gut kenne und weiß, wo die Pappenheimer ackern!
Als ich um die Asse herumgefahren war, wollte ich eigentlich umkehren. Aber zu schön war die Stimmung - also ging es weiter.
Und da ist es wieder, das seelige Grinsen im Gesicht ...
Feldweg-Begegnungen ...
Im Hintergrund links zu sehen: Schladen, Zuckerfabrik;
die "Rauchwolke" entsteht bei der Zuckerproduktion, es duftet verführerisch nach gebrannten Erdnüssen ... fast wie auf dem Weihnachtsmarkt!
Kein Fahrweg für glatte Ellie-Reifen
Abseits der Asphaltbucht, ein Paradies für Enduros?
Im Hintergrund links zu sehen: Schladen, Zuckerfabrik;
die "Rauchwolke" entsteht bei der Zuckerproduktion, es duftet verführerisch nach gebrannten Erdnüssen ... fast wie auf dem Weihnachtsmarkt!
Kein Fahrweg für glatte Ellie-Reifen
Abseits der Asphaltbucht, ein Paradies für Enduros?
Ich bog dann in Seinstedt ab - es ging auf 18 Uhr zu und so langsam verschwand die Sonne. Es wurde kälter und das Tageslicht zog sich zurück.
Hier war ich schon oft dran vorbeigefahren, diesmal gab es einen Fotostopp:
altes Feuerwehrhaus in Seinstedt; rechts hinter mir stand das neue Gebäude mit blitzblanken Fenstern und einem ansehnlichen Fuhrpark
Als ich das Feuerwehrhaus fotografierte, stellte sich ein UP! (Winzlingsausgabe von Skoda) direkt vor die Ausfahrt - der örtliche Hauspflegedienst. Es gab meterweit genug Parkmöglichkeiten, aber die beiden recht stabil gebauten Damen parkten genau da.
Ich rangierte Ellie gekonnt vor und zurück - über den Gehweg fahren wollte ich heute nicht, zumal der in einem schlammigen Trampelpfad endete.
Irgendwie kam mir der Comic mit den Frauenparkplätzen in den Sinn ...
Gemächlich fuhr ich weiter über die kleinen Straßen, vorbei an Feldern mit hellgelbgrünen Pflänzchen. Stickstoffanreicherung?
Ansonsten herrschte das eintönige schwarzbraun der frisch gepflügten Erde vor. Die Ahornbäume am Straßenrand glänzten mit knallgelben Blättern, und die heruntergefallenen wirbelte ich beim Durchfahren auf. In den Vorgärten gaben Herbstastern und Dahlien in verschiedenen Lilatönen Farbtupfer für das Auge.
Die ganze Natur kam zur Ruhe. Der Frühling mit seinen knalligen Farben war durch, der Sommer mit dem Überangebot von Grün und dem lange andauernden Tageslicht - alles Geschichte jetzt.
Der Herbst war da - mit Nebel, mit welkem Laub auf den Straßen, mit früher Dunkelheit. Das war jetzt nichts mehr für die Rennstreckler.
Ich begegnete einem anderen Motorradfahrer. Sonst war außer mir keiner um die Uhrzeit unterwegs. Der Zettfahrer meinte ja, jetzt im November käme endlich seine Saison. Nämlich die, wo die Echten unterwegs sind. Jetzt ist das Schauposen vorbei. Jetzt fahren die, die fahren müssen (weil sie kein Auto haben), oder die, denen es nicht darauf ankommt, gesehen zu werden.
Und die Rollerfahrer - ja, die sind dann auch unterwegs.
Okay, ich gebe zu, auch ich fahre gerne bei Temperaturen, die höher sind als 10 Grad. Darunter spielt meine Gesundheit leider nicht mehr so mit, wie ich das gerne hätte. Kalte Luft einatmen, ich brachte das Thema bereits.
Aber es wird auch im November noch schöne, sonnige Stunden geben. Und die werde ich nutzen können.
Stichkennzeichen? Ich würde pro Monat 10 Euro sparen. Das ist mir die Sache nicht wert. Im Gegenteil! Auch wenn es unkomfortabler ist als in der Saison der anderen, auch wenn viele Autofahrer nicht mit einem rechnen (Scherz ... selbst IN der Saison rechnen viele nicht mit, also ab dafür mit diesem Argument) ... nein, egal, ich werde fahren, solange ich es verantworten kann. Das ist für mich das beste Mittel, um die Stimmung zu heben.
Diese und andere Gedanken kamen mir in den Sinn, während ich meine Route abfuhr.
Ich hatte keine Lust auf die stark befahrene Straße nach Wolfenbüttel und bog in einen kleinen Nebenweg ab. Die Straße war ebenfalls stark mit Erde verschmiert und außerdem extrem gepudert mit Strohspelzen. Den Übeltäter sah ich dann, kurz bevor ich am Ende der Straße links abbiegen wollte. Ein Strohballenanhänger, ziemlich hoch beladen.
Keiner weiter da ...
Ich fuhr über Groß Biewende, genoß die Abendruhe in dem Dörflein, und ein Stück ging es die B79 nach Groß Denkte weiter, bog dann ab und fuhr um die Asse herum Richtung Mönchevalberg.
Die langgezogene Kurve an der Asse konnte ich diesmal ohne Drängler hinter mir in aller Ruhe anfahren und somit meine Technik überprüfen und korrigieren.
Ich bog später links ab, kreuzte einige Fallobstbirnen und versuchte, die Dreckklumpen zu meiden.
In Dettum wurden wir aufgehalten. Das rote Signallicht ging an, es bimmelte hektisch und ununterbrochen. Dann gingen die Halbschranken herunter.
Da gibt es Schienen, aber bislang hatte ich dort noch nie etwas Fahrendes gesichtet.
Eine Premiere!
Der Regionalzug - ganze drei Leutchen stiegen aus
Diese Regionalzüge - meistens mit zwei Abteil-Wagen - haben etwas uriges. Sie fahren nicht so irre wie der ICE-Lindwurm, sie erfüllen die Versorgung der Dörfer und ich hoffe, dass sie noch lange so weitermachen.
Gewinn bringen sie sicherlich nicht viel ein, für das gefräßige Monster Deutsche Bundesbahn. Insofern ... genießen, so lange es diese kleinen Züglein noch gibt.
In den Dörfern wurde meine Fahrt bei zunehmender Dunkelheit von etlichen Klein-Abendseglern - eine kleine Fledermausart - begleitet. Die winzigen Kerlchen sehen für Ungeübte aus wie Schwalben. Ihr Flug ist aber anders, sie flattern mehr. Sieht etwas taumelig aus, aber sie sind hervorragende Flugkünstler.
Ich mag Abendsegler. In Dänemark hatten wir Kinder die immer verjuxt: wir warfen in der Dunkelheit Kieselsteine nach oben und freuten uns wie verrückt, wenn die Flattermänner auf die Steine zustießen. Sie meinten, Insekten geortet zu haben.
Hinter Dettum wollte ich eine Abkürzung nehmen, die ich neulich Abend mit dem Zettfahrer getuckert bin. Keine gute Idee. Mehrere raufgeschwemmte Lehmbatzen auf dem Weg ließen Ellies Hinterrad durchdrehen. Uff - für Enduro bestens, für Ellie nicht gut geeignet. Keine meiner besten Ideen. Ich scheuchte noch einen pinkelnden Radfahrer auf, der bei meinem Herannahen seinen Hund schnappte und sich wieder auf den Weg begab. Aha - daher kam also die tiefe Spur, die ich vorhin im Lehmmatsch gesehen hatte!
Zeit für eine kurze Pause - da ich mich illegal auf dem Weg aufhielt, mußte er ja nun nicht unbedingt mein Kennzeichen aufschreiben.
Erst als er am Horizont verschwunden war, tuckerte ich wieder los - die Dreckklumpen flogen vom Hinterrad ab und zierten später meine Kehrseite.
Ich Schlaufuchs, ich - frisch geputzt, gleich wieder eingesaut ...
Gegen halb sieben kamen wir vor der Garage an. Der Zettfahrer war kurz vorher da gewesen und hatte Alimente in Form von Roter Beete und Gartenkräutern für seine beiden Kinder dagelassen.
Fazit:
Es war herrlich gewesen. Eine kleine, gemütliche und unspektakuläre Feierabendrunde. Genau, wie ich es gebraucht hatte! Es lebe die Rückbesinnung auf das genaue Hinschauen, auf das Neu-Erleben des Altvertrauten!
Samstag soll noch einmal Klassewetter werden, da bin ich auf jeden Fall noch einmal unterwegs.
Ich bin ja jetzt sensibilisiert - auf die verdreckten Straßen, auf das Herbstfahren allgemein.
Nur noch wenige Möglichkeiten, fahren zu können - nach Feierabend wird das Zeitfenster immer enger, gerade jetzt, wo am Wochenende die Uhr zurückstellt wird. Aber das wird mich nicht aufhalten - höchstens etwas ausbremsen ;-)
Und abends dann bei den Fellnasen ... vollstopfen angesagt!
Und abends dann bei den Fellnasen ... vollstopfen angesagt!










Oh, wie schön! Im Geiste bin ich gerade mit Dir gefahren! All die schönen Ecken und Blicke, herrlich.
AntwortenLöschenMit den Lehmklumpenspendern habe ich hier auch viel zu tun. Zwar hat die Rübensaison anscheinend noch nicht so richtig losgelegt hier, aber die Weinbauern sind in der Beziehung auch keine Anfänger.
Klasse, wild pinkeln und dann Kennzeichen aufschreiben wollen? Ich glaube, es hackt und ich frage mich immer wieder, warum es seit einigen Jahren nur so von "gesetzestreuen" Aufpassern wimmelt. Eine echte Seuche!
AntwortenLöschenWeißt du, was auch blöd ist mit Brille? Wenn man anhält beschlägt das Teil und man ist außer Stande, das TomTom o. ä. (welches du ja nicht hast) abzulesen oder neu zu programieren. Das geht dann nur, wenn man lange genug die Luft anhält :-)
Oooh das kenne ich so. Luft anhalten an der Abbiege. Oder an der Ampel. Oder am Stoppschild. . Oder beim Karte lesen wollen. ..
LöschenIch freu' mich auch schon auf die echte Saison. Seit meiner Rückkehr aus Kanada bin ich nicht mehr auf dem Bock gewesen und der Roller steht auch schon viel zu lange.
AntwortenLöschenDeine Schweinerei ist aber süß!!!
Süß und rotzfrech. Die Kleinschweins sind grad in der Pubertät und stellen jeden Tag neuen Mist und neues Chaos an! Zanken und vertragen sich innerhalb weniger Minuten und krakeelen als würden sie verhungern. Also beide rundum gesund, und das ist gut!
LöschenWir arbeiten daran, das wir auch zwei Mopeds bekommen. Zwei Schwalben. Da die zur Zeit aber in Gold aufgewogen werden, dauert das Organisieren aber noch an. Eilt ja nicht. Das wird dann kultig, so eine Knatterausfahrt. Man darf gespannt sein!