Ellie und ich

Ellie und ich

Donnerstag, 26. September 2019

Sommerurlaub - Teil 2 - Reise in die Altmark

Es war Sonntag, 1. September. So früh es mir möglich war, fuhr ich wieder los. Es ging über Königslutter Richtung Flechtinger Höhenzug, durch bekannte kleine Orte. Die Autos, die auch unterwegs waren, waren oft mit Sporttaschen beladen. Sonntag, 10 Uhr - Fußball ist angesagt. Auf zum Sportplatz. Ich hielt mich im Tempo zurück - ein böiger Wind herrschte, der mich teilweise ziemlich zur Seite drückte. Brrr, kühl - und die Fahrbeine mußte ich auch wieder neu erarbeiten. Also alles wie immer. Mit jedem Kilometer wurde es besser, paßte ich mich an.

Dann querte ich Mannhausen und Velsdorf.

Ein Fotostopp am Mittelland-Kanal - beäugt vom dunklen Auge der Überwachungskamera. Die Sonne brutzelte vom Himmel. Hier wollte ich nicht länger anhalten. Ich fühlte mich so überwacht.

Es ging hinein nach Calvörde. Der Ort war noch im Sonntagsfrieden. Die Baustelle am Kanal hatte mich zu dem Umweg gebraucht, was ich aber nicht schlimm fand. Diesmal ging es an der Kreuzung im Ort links weg. An der Tankstelle vorbei, wo um die Morgenstunden schon ein emsiger Betrieb war - Brötchen holen, Tanken, flüssig Brot besorgen. Viele Kunden trugen noch ihre Couchkleidung.

Ich bog hinter dem Ortsausgang ab zu einem Dörflein namens Lössewitz. Und bekam eine Ahnung davon, wie die Wege abseits der Hauptroute foltern werden. Die Gegend war menschenleer. Ich genoß das ruhige Dahinholpern. Mehr war auch nicht drin. Stellenweise waren die Baumwurzeln nur mit Asphalt übertüncht - der Preis des Alleen-Fahrens!





Mich zogen die schmalen Linien auf meiner Karte magisch an!


Blaue Straßenschilder mit schnörkeliger weißer Schrift kennzeichneten gepflasterte Wege, die kaum als Straßen erkennbar waren.

Reiche Obstbaum-Alleen spendeten Schatten. Das Fallobst bereicherte meinen Frucht-Appetit.


Auf der Karte war nicht ganz deutlich, welcher schmale Weg wohin führte. Ich fuhr einfach mal drauflos. Und genoß wie ich gehofft hatte gepflasterte Wirtschaftswege, die völlig legal zu befahren waren. Manchmal traf ich auf ein am Wegrand abgestelltes Fahrzeug. Dort wurde gerade ein Hund ausgeladen, oder Holzblöcke eingeladen. Wir grüßten uns verhalten - mein Kennzeichen verriet mich als Auswärtige und da wollte ich einen guten Eindruck hinterlassen.


Kreuz und quer ging die Fahrt, durch kleine Wälder hindurch. Hier mußte ich auf abgeschnittene Äste acht geben. In der Nacht mußte in dem Waldstück eine Rotte gewütet haben: am Wegrand waren meterlange Schneisen in den Boden gepflügt.


Am Feldrand, unter den arg struppigen Bäumen, hatte ein Imker seine Völker angesiedelt. Das Summen der emsigen Tierchen war nicht zu hören. Ich wollte sie nicht stören. Das Land war teilweise ziemlich gerupft - die Trockenheit forderte ihre Opfer. Der Waldboden sah ganz braun vernadelt aus. Hier reicht ein einziger Funke, und das Feuer hätte reichlich Nahrung. Demzufolge standen deutliche Hinweisschilder in den Waldschneisen. Bleibt zu hoffen, dass die vielen Zigarettenkippen keinen Schaden anrichten beim Wegwerfen.

Weiter ging meine kleine Abenteuerroute quer durch die Felder, über verrutschte Bodenplatten und vernadelte Steine, vorbei an zusammengefallenen Stallgebäuden und winzigen Schrebergartenparzellen, in denen häufig eingezäunte Hühner liefen und im Boden pickten - bis ich dann in dem Ort herauskam, den ich angeplant hatte: Letzlingen.

Hier wollte ich eine Mittagspause einlegen. Mich verwöhnen lassen. Die Speisekarte, die in einem Glaskasten hing, versprach Gutes.

Die Zufahrt zum Schloß besteht aus faustgroßen Kopfsteinen. Mir kamen Dutzende Autos entgegen, und viele junge Paare mit Kinderwagen. Hier schien eine Veranstaltung zu sein. Ich parkte Ellie dicht an einer Kehre, von wo ich auch gut wieder wegkommen würde. Ich ließ den Helm und die Jacke am Motorrad. Nur der Fotoapparat und das Handy kamen mit.

Das Schloßrestaurant war wegen einer Veranstaltung geschlossen. Was für eine Enttäuschung! Nun, es half nichts. Meine Notration mußte helfen: eine Flasche Wasser und Studentenfutter. Die markante Kirche war natürlich auch nicht zu besuchen. Dort wurde gesäubert - sie wäre erst am Nachmittag wieder frei gegeben.

So blieb es wieder einmal bei einem Fotostopp.






Zurück am Motorrad, suchte ich mir eine Route zurück. Ich war gar nicht weit entfernt von Piplockenburg. Dort wollte ich fürstlich speisen nachholen.

Ich fuhr durch Dörfer im Gardelegen-Letzlinger Forst. Diese Waldstraßen erinnerten mich von den Bäumen her an die Gegend um den Arendsee. Meterlange Schneisen durch Robinien-Wälder. Bei einem Linksabbieger rutschte mir das Hinterrad ein Stück. Rollsplitt! Was die buckeligen Straßen nicht vermochten, brachte jetzt so eine Handvoll Gestein. Uff, mir wurde ganz heiß unter dem Helm!

Ich hielt erneut an, und prüfte das Weiterkommen. So schön diese Waldstücke sind - zum Fahren sind sie wirklich nicht angenehm. Hubbelig, und teilweise mit faustgroßen Löchern mitten in der Fahrspur. Meine Handgelenke taten weh. Ich hatte genug Abenteuer. Die Straße zwischen Roxförde und Potzehne ist gut geeignet, sich den Hals zu brechen. Freundliche Zeitgenossen hatten die fiesen Hügel mitten in der Fahrbahn mit gelber Sprühfarbe gekennzeichnet. Am Anfang wußte ich mit diesen Kringeln oder Kreuzen nichts anzufangen. Zum Glück war ich langsam genug, um sehr schnell zu kapieren, was das sollte! Hier kann sich jeder Autofahrer die Achsen brechen lassen. Und den Spoiler abreißen.

Mein Eindruck der Altmark: abseits der größeren Straßen ist mit allem zu rechnen. Hier ist mit Cruisen nichts, hier dürften Enduros aber auf ihre Kosten kommen.

In Calvörde angekommen, genoß ich den glatten Asphalt aus vollem Herzen. Ohne Extrawege ging es direkt zum Lokal in Piplockenburg!



Ich startete mit der Altmärker Hochzeitssuppe, um mich dann durch den hausgemachten Schweinebraten mit Sommergemüse und Salzkartoffeln zum Cappucino durchzufuttern. Der Schweinebraten war daumendick geschnitten, und ich bekam zwei ordentlich große Stücke. Hier ist der Low Fett Wahnsinn noch nicht angekommen - der Braten war gemasert und hatte eine anständige weiße Kruste am Rand. Die Bratensoße kam in einer Extraschale. Das gefiel mir gut. Der Braten war ansonsten mit Gemüse und Kartoffeln gemeinsam auf einem großen Suppenteller serviert worden. Sehr interessante, aber durchaus praktische Zusammenstellung.

Als ich gerade fertig war mit dem Essen, kam eine ältere Dame an meinen Tisch. Ob mir das schöne rote Motorrad gehören würde? Alarmiert antwortete ich mit ja. Hatte sie mich etwa mit dem Auto beim Einparken touchiert? Nein, ich konnte mich entspannen. Sie wollte mir nur erzählen, das sie selber jahrelang mit ihrer MZ durch die Lande gefahren war. Weil man auf den Trabbi ja so lange warten mußte. Das Gespräch zog sich noch ein wenig, dann wünschte sie mir freundlich eine gute gelingende Fahrt und immer gesundes Heimkommen.

Als ich gezahlt hatte (alles zusammen für zwanzig Euro: Suppe, Mittagessen, Cappucino, Cola) und wieder zu Ellie ging, schauten mir einige Anwesende hinterher. Hier kommen sonst nicht viele Auswärtige "aus dem Westen" vorbei. Der Ort ist recht abgelegen, durch Events wie das Gänseessen oder das Matjesfest kommen doch von Zeit zu Zeit wahre Heerscharen dort hin. Außerdem werden Kremserfahrten angeboten. Das Essen ist wirklich erstklassig, der Service mal zurückhaltend, mal engagiert - aber immer nett und zugänglich. Sie bieten auch Zimmer an, denn wenn die Kranichzüge über den Landkreis gehen, folgen die Birdies. Auf den Feuchtwiesen hinter dem Lokal rasten die Vögel. Und die Beobachter - wie Svenja so schön schrieb, natürliche Symbioten - folgen den Vögeln.

Gesättigt und erholt trat ich den Rückweg an.



 
Kurz vor dem mir lieben Ort Klinze drückte die Blase. Und was entdecke ich da versteckt im Gebüsch?

 


Ein alter steinerner Weghinweis. Kaum zu entziffern. Die Straße führte einige Meter davor an ihm vorbei.



Wieder etwas Neues erkundet. Hier bin ich schon mehrfach vorbei gereist. Es war wohl jetzt die Zeit, dass ich es entdecken durfte.

Ein Schlenker mußte noch sein! Die schwarzen Linien ...





Anfangs noch ein Sand- und Schotterweg, kam irgendwann das Asphaltstück. Ich kam diesmal von Westen nach Seggerde heran. Wenn ich hier anhalte, dann sehe ich das Schild "Durchfahrt nicht gewünscht". Von der anderen Seite, wo ich herkam, war da keines gewesen. Oder es lag irgendwo überwuchert im Gebüsch, so genau habe ich dort nicht nachgeforscht.

Es ging über Flechtingen weiter. Das Gartencafé, wo der Zettfahrer und ich vor einigen Tagen gewesen waren, war wieder gut gefüllt. Das Wetter paßte auch, der böige Wind war abgeflaut und die Temperaturen wieder gestiegen. Perfektes Ausflugswetter!

Kreuz und quer durch kleine Nebenwege - hier jetzt mit ausgezeichneter Qualität - fuhr ich bis zur Bundeslandgrenze, querte sie unterhalb von Oebisfelde. Im Einfluggebiet nervten jetzt wieder wie gewohnt die WOB-Kennzeichler. Eilig eilig irgendwohin. Sie konnten es nicht abwarten, hinter mir vorzubrechen und mit brüllendem V8 an mir vorbei zu ziehen. Arme Seelen.

Am späten Nachmittag war ich wieder Zuhause vor der Garage.

Fazit:
Ich hatte erneut das Gebiet Flechtinger Höhenzug / Gardelegener Forst / Drömling besucht. Und trotzdem Neues entdecken können. Abenteuerliche Strecken, gutes Essen, historische Flecken und Gebäude, den Atem des Grenzgebietes erhaschen - genau meins.

Die Altmarkstrecke fand ich schön. Ursprünglich. Charakteristisch. Die Straßen könnten besser sein, wenn man abseits der 71 oder der 188 fährt. Die Schönheit der Gegend erschließt sich demjenigen, der vorurteilsfrei darauf zufährt. Das Letzlinger Jagdschloß bietet Gastronomie und Hotelbetrieb.
Die Schloßkirche Letzlingen ist sicher auch einen Besuch wert, wenn sie denn geöffnet ist. So konnte ich sie leider nur über Wiki kennenlernen.

Ich werde wiederkommen. 





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