Tag 6 vom Urlaub
Der Umfall-Unfall ist 3 Tage her. Gestern mußte ich auch noch zum Zahnarzt. Beim Aufschlag hatte ich mir wohl so doll auf die Zähne gebissen, das ein bröseliger selbiger am Rand gespalten war. Der Zahnarzt zog das Stück aus dem blutenden Zahnfleisch raus, und reparierte die Ruine so gut es ging.
Ich kann, wenn, dann ganz toll unfallig sein - da hat jeder Doc was von ... :-/ ... da meine Frage nach den 10,- Euro Praxisgebühr nur mit ungläubigem Staunen beantwortet wurde, merkte ich, das ich doch schon länger mit "normalen Krankheiten" nicht beim Arzt gewesen war.
Immerhin !
Ich mußte nun aus mehreren Gründen wieder neu fahren. Der Fuß war einigermaßen belastbar, aber der Kopf noch im Schock.
Das Wetter war gut, und so machte ich mich gegen meine Ängste auf den Weg.
Zunächst fuhr ich zu Fritz, meinem Schrauber.
Ich hatte das neue Blinkerglas im Tankrucksack, und vielleicht wüßte er ja auch eine Lösung für den verbogenen Stoßfänger.
Ich bekam meinen Tröstekaffee, klönte mit Seppel (einem Tourkumpel), und als ich mal auf der Toilette war, reparierte Fritz ohne viel Tamtam auch den Stoßfänger.
Meine Frage, wie er das geschafft hatte, beantwortete er mit "Glaub mir, du willst das nicht wissen!" und gab mir noch einen Kaffee. Sein "Meinungsverstärker" lehnte noch an der Wand - aber da Fritz nicht erst seit gestern Schrauber ist, und noch viele hundert andere Maschinen mit weitaus größeren Schäden am Wickel hat, vertraute ich ihm und seinem Handwerk!
Was soll's auch - der Stoßfänger war wieder gerade, die Schrauben saßen da, wo sie sollten - nichts stieß mehr an den Benzinhahn wie vorher - und die vom Sturz abgeschrabbelte schwarze Lackfarbe pinsel ich bei Gelegenheit mit dem schwarzen Lackstift wieder wie neu an!
Gegen 11 Uhr fuhr ich mit der neu gestylten Ellie vom Hof.
Es war trotzdem nicht leicht. Mein Tempo pendelte sich zwischen 60 und 80 km/h ein. Ich "spielte Rollerfahrer", winkte die Ungeduldigen vorbei, und fuhr ansonsten die einsamsten Wege, die ich kannte.
In Vienenburg machte ich bei Penny halt. Ein kleiner Snackeinkauf, weil ich auch noch nichts richtiges gegessen hatte: Putensandwich mit jeder Menge Mayo, Ei und Salat. Genau das richtige für den Energiehaushalt!
Zur Eisdiele hatte ich keine Lust: zuviele Zuschauer, zuviel wackelige Straße. Mein Kopf war noch im Schockmodus vom Sturz.
So fuhr ich also nach der kleinen Pause zurück Richtung Lüttgenrode/Osterwiek, und bog in die Streuobst-Allee Richtung Abbenrode ein.
Eine weitere kleine Pause - Pippi mit Brockenblick, weiter vorne die B6 mit lauter rasenden Verrückten, ich selber am Chillen unter Obstbäumen in flirrender Frühlingswärme. Ich zog das Jackeninnenfutter raus - und eröffnete somit die Sommersaison ;-).
Ich liebe Kirschbäume im Frühling !
Wunderschön hier - und alle brettern einfach nur vorbei ... arme Unwissende ...
Die Pause tat auch seelisch sehr gut. Ich horchte auf die Vogelstimmen, die Bienen und fühlte mich endlich wohl. Der alte Motorrad-Freiheits-Zauber kam langsam wieder ...
Gemütlich im Tuckermodus fuhr ich nach Stötterlingen. Die dortige Kirschbaumallee lockte mich - ich wollte ein Foto!
Ellie an der abschüssigen Straße abzustellen erwies sich aber als schweißtreibende Herausforderung. Ständig rutschte der Seitenständer weg. Ich hätte Ellie ins Gras fahren können, aber da war sie wieder: die Angst vor dem Umkippen.
Ich kam nicht an den Fotoapparat heran - er lag ungünstig deponiert in der Soziustasche. Also schob und drehte ich solange am Lenker, bis Ellie fast ganz ruhig stand. In Zeitlupentempo hob ich mein rechtes Bein über die Rückbank. Bloß nirgends anstoßen, sonst wäre Ellie nach vorne gerollt (so dachte ich mir zumindest - da der erste Gang drin war, wäre sicherlich nicht wirklich was passiert - oder doch? Arglll). Ellie schräg auf die Straße zu stellen, auf die Idee war ich nicht gekommen ... sie sollte doch in einer Linie mit dem Asphaltweg sein (ich bin echt total irre ...).
Vielleicht sollte ich doch lieber Trike fahren !!! Ein Rad mehr!
Schweißgebadet machte ich mein Foto - Blogger haben eine Vollmeise!
Dann packte ich den Fotoapparat in den Tankrucksack. Weitaus sinnvoller!
Selten war ein Foto so schwierig gewesen wie dieses hier ...
Bei der Weiterfahrt machte ich dann keine Star-Alüren mehr. Ich fuhr einfach! In Bühne (vor Osterwiek) fuhr ich Richtung Fallsteinklippen, und warf von der Straße aus im Tuckermodus einen Blick auf die Adonisröschen - eine Anemonenart, die jedes Jahr Tausende von Naturbewunderern anlockt ...
Blümchen - mit Bienchen (Foto vom letzten Wanderausflug Mai 2011)
Am Stobenberg vorbei ging es von Hoppenstedt nach Rhoden, und dann Richtung Osterode am Fallstein. Ein herrlicher Weitblick in die Landschaft - links der Große Bruch, rechts der Große Fallstein. Die blühenden Obstbäume (Birne und Kirsche) und der Weißdorn an den Hängen waren wie Schneetupfer in der frühlingsgrünen Landschaft. Herrlich für das Auge! Die Straße nach Veltheim war rückenunfreundlich. Aber dank meines gemütlichen Tempos einigermaßen zu bewältigen. In Veltheim gegenüber der Kirche eine weitere Rast im Schatten.
Hier gibt es schon lange kein Kaugummi mehr ...
Ich bog dann nach links ab, und hielt diesesmal am Grenzdenkmal Hessendamm an. Hier wieder die Zitterpartie: wo stelle ich Ellie am günstigsten ab?
Diese Angst nervte mich - aber ich bemühte mich, mit mir selber Geduld zu zeigen ... der Unfall ... sowas dauert halt, bis man das verarbeitet hat ...
Ihr seht - Ellie steht gut, und trotzdem war da wieder diese Angst, hinzufallen, und nicht wieder hochzukommen. Wäre kein Thema gewesen - Autos und Motorräder gab es an dem Tag genug, die hätten helfen können ... und ich hatte zur Vorsicht gleich noch drei neue Blinkergläser auf Vorrat eingekauft!
Der Tag war lang gewesen. Nicht an Kilometern, aber an verarbeiteten Ängsten. Ich fuhr ein Stück die B79 lang, über Rocklum und Semmenstedt nach Remlingen. Altvertraute Strecke rechts nach Klein Vahlberg. Der Brocken lag im Frühjahrsdunst, die Landschaft am Nachmittag wie mit einem Weichzeichner gearbeitet ... wunderschön.
Und trotzdem hatte ich nicht wirklich die "alte Zauberfreude" im Herzen. Ich will nicht sagen, dass ich die Tour einfach so abriß, aber es fühlte sich nicht mehr so besonders an ... Alltag beim Touren? Neue Erfahrung. Werde ich mit umgehen lernen!
Nach dieser ereignis- und bilderreichen Tour fuhr ich dann wieder Richtung Heimat. Bei Cremlingen ging es auf die B1 und dann über die Dörfer noch nach Uhry bei Wolfsburg. Weiße Sande angucken, wo ich letztes Jahr durch Zufall vorbei gekommen war!
Ein Foto mit Symbolcharakter ...
Dort auf dem Parkplatz setzte ich mich auf einen großen Findling und schaute noch eine lange Zeit einfach so in die Gegend. Im Hintergrund rauschte die A2 vor sich hin - und ich guckte in den Himmel und in die Landschaft. Auch meine Gedanken rauschten herum: war Motorrad fahren überhaupt noch etwas für mich? Meine Gräten werden nicht jünger, auch wenn mein inneres Ich bei "knapp über 25" stehengeblieben war. Meine Kraft ist auch nicht mehr so toll - dank des Softsports (walken) hatte ich mich zwar etwas verbessert, aber für Extremsituationen reicht die nicht mehr wirklich ausreichend.
Und wenn ich jetzt den Motorsport aufgebe - würde ich damit auch das Drumherum verlieren? Ich liebte diese Touren, und die Erlebnisse mit den Menschen, die mir da begegneten! Beziehungsweise begegnet waren - mhm ... ...
Alles in allem schwere Brocken, die mir da im Magen lagen und mich beutelten ...
Irgendwie paßte dieses Foto zur momentanen seelischen Stimmung bei mir - wolkig, aber das Licht kommt doch noch durch ...
Die Tour ... da die Kopie so undeutlich ist, hier mal in unschöner aber lesbarer Originalgröße:
Fazit: Der erste Mai ist nachhängend. Eine Erfahrung mehr für diese neue Saison.




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