Ellie und ich

Ellie und ich

Freitag, 18. März 2016

17.3.2016 - Erstaunlich ereignisreiche Frühlingsrunde in die deutsche Geschichte. Und ein Überlebender von Halloween.

Anläßlich des traumhaften Frühlingswetters machte ich mittags Feierabend, und fuhr gegen 13 Uhr mit Ellie auf Tour.

Zunächst zur Tanke in Semmenstedt. Es war eine total andere Nummer, um diese Uhrzeit unterwegs zu sein. Kaum Autos unterwegs, und wenn, dann waren sie alle entspannt. Die nette Tankstellendame meinte: "Ist das nicht ein geiles Wetterchen?" und wünschte mir eine traumhafte Weiterreise.
Das fand ich schön :-).

Bei der Tanke stand ein anderer Motorradfahrer, der aber so im Gespräch war, dass er meinen kurzen Gruß nicht wahrnahm.

Mir egal. Das Wetter war ein TRAUM. Wie Seide auf nackerter Haut, so fühlte sich die Luft an. Und die ersten Insekten waren erwacht. Kleine Kleckse verzierten mein Visier. An den Bäumen die ersten zarten grünen Lichtblicke, die auf den Frühling hindeuteten!

Ich ließ mich Richtung Harz treiben. Plötzlich wurde ich hellwach: Zwei Rehe liefen kurz vor mir über die Landstraße. Ich hatte sie erst wahrgenommen, als sie die Buschdeckung verließen und im wilden Trab über den Asphalt sprangen. Man erinnert sich: es war Mittagszeit.

Uff. Glück gehabt. Mit erhöhter Aufmerksamkeit ging die Reise weiter.

Kurz vor Vienenburg bog ich links ab. Heute wollte ich mal etwas fotografieren, an dem ich schon so oft achtlos vorbei gerauscht war.




Diese Stahlplatten sind als Erinnerung an den Grenzverlauf Niedersachen/Sachsen-Anhalt aufgestellt worden. Zehn Stück gibt es davon auf meiner Hausrunde.
Das dreifache Monument sah ich nur aus der Entfernung. Der Weg dorthin war mir nicht ganz klar. Erst zuhause am PC konnte ich herausfinden, wie man dort herankommt. Weitere Fotos folgen, denn DAS ist ein Schmankerl, was mich wie magisch anzieht :-)!
 


In der Ferne begann ein Bauer damit, sein Feld zu eggen. Der Staub waberte in meine Richtung, und ich fuhr weiter.

Die Sonne strahlte, und ich war glücklich, so früh Feierabend gemacht zu haben. Was kann es schöneres geben ...

Im nächsten Ort hielt ich in einer Parkbucht. Irgendwas kratzte mich am Hals. Während ich da stand, hörte ich Kindergeschrei. Ich hatte vor einer Tagesstätte angehalten. Auch hier war ich schon zigdutzend Mal vorbei ...
Und nun entdeckte ich wieder etwas neues. Wieder ein Stück deutsche Geschichte! Wie passend standen wir in der unmittelbaren Nähe vor dem Heimat- Kultur und Museumsverein ...





Ein Denkmal für den Turnvater Jahn!

Junge junge - diese Runde wurde ja richtig geschichtsträchtig. Unbeabsichtigt!
Das liebe ich so daran, wenn ich allein unterwegs bin. Plötzlich öffnen sich neue Welten, die ich vormals nur am Rand wahr genommen hatte. Ich halte irgendwo, und dann kommt die Geschichte oder auch Menschen zu mir hin. Es ist so, als wäre Ellie eine geschlossene Eintrittskarte, deren Vorstellungen ich erst sehe, wenn ich mich drauf einlasse.

Kinder kamen an den Händen ihrer Eltern auf den Gehweg. Auch Väter waren da, und hatten ihre Mühe, die lebendigen Sprößlinge zu bändigen.

Ich startete Ellie, und war wie immer froh über ihren leisen Sound. Kein Kind erschreckte sich, sogar der räudige Dorfkater zuckte nicht einmal mit dem Schwanz, als er an uns vorüber flanierte.

Kurz vor Stapelburg sah ich aus den Augenwinkeln in einer Parkbucht eine Bewegung. Wieder Rehwild? Nein - zwei Gestalten mit einem Fahrrad, einem Anhänger, zwei Plastiktüten neben sich und reichlich angetrunken. Aha - daher also der ganze Scherbendreck, den ich dort schon häufig sah. Scheint eine beliebte Hier-sauf-ich-in-Ruhe-Ecke zu sein ...

Weiter ging die Tour. Die Sonne strahlte alles so kitschig an, und ich plante ein weiteres Kitschfoto.
Ilsenburg - am Forellenteich.





Mitten auf dem grünen Rasen. Ich Revoluzzer.

Ein Passant kam vorbei, grinste und meinte: "Aber schwimmen will sie noch nicht, oder?" und zeigte auf Ellie.

Ich tu mich ja immer etwas schwer damit, mit dem Motorrad die Straße zu verlassen und wie andere einfach so in der Botanik zu parken. Insofern war ich heimlich erleichtert, das mich keiner anmeckerte "Verlassen Sie sofort die grüne Auslegeware!".

Ist im Westen durchaus üblich. Ständig. Das so von Svenja betitelte "Hausmeister-Gen" ist dort von Geburt an in den Leuten verankert.

Ich schaute noch ein wenig planlos in die Gegend. Den Enten auf dem Teich war meine Anwesenheit egal, sie wurden einige Meter weiter nudelsatt gefüttert. Hier standen noch keine Schilder "Bitte die Enten nicht füttern". Insofern bekamen sie hier ihr Mahl ab.

Einige mühevolle Hin- und Herschieberei später und ich bugsierte Ellie wieder auf den regulären Weg.
Wohin jetzt? In die nahe Stadt wollte ich nicht. Also irgendwie querfeldein, an der B6N vorbei, an Thyssen Krupp längs und über Kolonnenwege.

Ich kam in Drübeck mitten im Ort wieder zum Vorschein. War jetzt so nicht geplant, aber auch mal ganz interessant. Okay, also doch nach Wernigerode. Da hatte ich noch ein Foto offen.

Ich verfuhr mich wieder einmal in dem Tunnel, indem ich in die falsche Richtung abbog. Ich folgte der Straße durch das Industrieviertel, und dann ging es doch wieder mitten ins Zentrum. Mit beginnendem Feierabendverkehr stockte die Fahrt. Endlich hatte ich die richtige Richtung herausgefunden, quälte mich durch einige Kreisel und war heraus aus der wuseligen Stimmung.

Es ging Richtung Blankenburg. Ich bog wieder dort ab, wo ich schon einmal war (hier zu finden: KLICK). Und suchte den dritten Hinkelstein.
Er war mitten in einer Wiese.
Da merkte ich auch, das ich doch mehr Routine hatte, als ich mir bewußt war. Ich holperte über das Gestrüpp, spielte mit der Kupplung und dem Gas und brachte Ellie perfekt gepunktet zum Stehen.

Direkt neben uns brauste der Verkehr der Harzautobahn.



Geschafft! Enduro-Einlage ohne nennenswerte Probleme gemeistert!


Es war schon eine ganz eigene Stimmung dort. Einerseits dieser Stein - Jahrtausende alt. Andererseits die B6N, der Geräuschpegel der vorbei jagenden Autos - und vor dem Stein Ellie, erneut eines der Werke aus der Neuzeit. Urzeit und Moderne in direkter Nachbarschaft.
Der Stein wird noch da sein, wenn wir alle längst Staub sind, und Ellie in den Boden gerostet ist.
Ich sinnierte Merkwürdiges in meinen Helm an diesem Nachmittag.

 

Ich machte mich wieder auf den Rückweg. Das Herauswinden aus dem Gebüsch war etwas tricky.
War etwas tricky ist ziemlich tief gestapelt. Es lag dort einiges an Astwerk, die Räder drehten auch mal durch, aber ich konnte Ellie gut durch den Dschungel steuern. Ich glaube, mit einer Enduro wäre kein einziger Busch, kein Feldweg und kein Grenzverlauf sicher vor mir!

Der Grenzkolonnenweg war mächtig eingedreckt. Ich bemühte mich, die gröbsten Erdklumpen zu umfahren. Es roch scharf nach Jauche. Alles deutete darauf hin, dass das Wetter umschlagen sollte: wenn der Bauer jaucht, ist Regen im Busch.

Weiter ging die Fahrt, nach Derenburg. Hier schaute ich mir im Vorbeifahren ein nettes kleines Bistro an, welches direkt an der Straße lag. Leider gibt es dort keine Parkplätze. Vielleicht das nächste Mal direkt auf den Gehweg ...

So allmählich merkte ich die Tour in den Knochen. Mir fehlte einfach die Übung. Es sollte also wieder Richtung Heimat gehen.

Und dann sah ich etwas aus den Augenwinkeln. Konnte es nicht glauben. Überlegte einige Meter, und drehte dann noch einmal zurück.

Zwischen Derenburg und Heudeber, kurz hinter der Abzweigung nach Danstedt

Der Letzte seiner Art, März 2016.
Ellie im Zwiegespräch mit einem Hokkaido. Wäre der nicht so groß gewesen, und ich mit dem Auto da, hätte ich ihn eingeladen. Er sah so einsam und verloren aus. Der Überlebende von Halloween.

Grinsend fuhr ich weiter. Das ist mal wieder so typisch für meine Touren - solche Erlebnisse passieren mir ständig!
Das Astwerk, welches da unter Ellie zu sehen ist, wird gleich noch einmal erwähnt ...

Ich passierte den kleinen Ort Zilly - im Abendlicht sieht die Wasserburg wirklich märchenhaft aus. Die Traktorendichte nahm zu.

Es ging weiter, durch Osterwiek, durch Stötterlingen und die ganzen kleinen Dörfer. Ich war ziemlich groggy jetzt. Eine kleine Pause mußte sein.

Oberhalb Seinstedt. Beine vertreten und Selfies machen!



 
Hier oben war eine herrliche Stille. Ich stapfte dort lange herum, dehnte und streckte meine knirschenden Gelenke, und genoß diese Abendstunde. Ein Müsliriegel gab mir verbrauchte Energie zurück. Seit dem Mittag hatte ich nichts mehr gehabt. Wo ich vormals ständig angehalten hatte und mehr pausierte als fuhr, hatte ich nunmehr die Unruhe im Blut und wollte nicht rasten, sondern immer nur fahren. Pausieren oder Einkehren kostet Zeit. Das ist im Sommer okay, aber jetzt, wo es früh kalt und dunkel wird, lass ich das bleiben.

So wie andere Fahrer, die ihre schweineteuren Maschinen fünfzehn Kilometer weit in den Elm kutschieren, sich dort am Tetzelstein hinstellen und  ihr Gemächt "ihre Kraft" protzig darstellen, dann Kaffee und Kuchen einschlingen, und zuhause bei Muddi von der "geilen Fahrtour" berichten - nein, so eine Welt war und wird niemals die meine sein.
Ich bin zwar nicht schnell unterwegs, ich habe keine besonderen Fahrkünste - aber ich bin ausdauernd. Und genügsam. Und neugierig, immer noch!
Eine Stulle auf die Hand, ein staubiger Straßenrand mit Blick auf die Landschaft, ein Schluck aus der Wasserpulle, und meine Welt ist in Ordnung. 

Die letzten Kilometer nach Hause zogen sich für mich.  Fünf Stunden draußen, viel gesehen, erlebt und genossen - das muß verarbeitet werden. Ich war um 18 Uhr zuhause, pünktlich zum Abendgeläut.

In der Garage konnte ich dann heraus finden, warum Ellie die letzten Kilometer so seltsam kratzende Töne von sich gegeben hatte:


Ich schleppte unterwärts Astwerk vom Hinkelstein mit!

Bis auf den Fahrstaub war aber kein weiteres Hindernis zu entdecken.

Die vierpfotige Bande erwartete mich schon sehnsüchtig. Elena hatte mir heute mittag so sehnsüchtig nachgeschaut, als ich sie nicht in den Flur lassen wollte, das kleine Freigänger-Schweini. Jetzt mußte sie geweckt werden. Verschlafen registrierte sie meine Ankunft, war aber später so gnädig und kam von allein in die Küche, zum Leckerchen abholen.
Ich selbst lag um kurz vor 21 Uhr in der Koje, und bin glaube ich sofort eingeratzt. Verdienter Schlaf! Heute morgen tun mir meine Gräten ziemlich heftig weh.

Fazit:
Ungefähr 150 Kilometer getourt. 5 Stunden unterwegs. Ich kreuzkaputt, und Muskelkater in den Handgelenken, im Schulter-Nackenbereich und den Unterschenkeln.
Das ist immer so am Anfang der Fahrsaison.
Um die Mittagszeit herum ohne den Feierabendwahnsinn ist die Straße unter der Woche ein Traum. 



Grober Überblick. Die vielen Punkte sind nicht die Haltepunkte. So ganz bin ich mit dem Motoplaner nicht zufrieden, weil da ständig Straßen angepeilt werden, die ich nicht wollte. U.a. nimmt das Programm keine Einbahnstraßen und seltenst die Kolonnenwege, weil die eben nicht "offiziell" sind.

  

Heute morgen sah das Wetter übrigens so aus:

   
Also gestern alles richtig gemacht! 

2 Kommentare:

  1. Ich seh Dich schon doch noch irgendwann bei einer Enduro landen...
    Mir geht es auch so, jetzt, wo das Fahren als solches nicht mehr die Aufmerksamkeit braucht, da sehe ich noch viel mehr als vorher. Ich muss mich aber noch mehr zum Anhalten zwingen, damit ich mir die Dinge auch anschauen kann.
    Wenn ich Deinen Blick aus dem Autofenster heute morgen richtig deute, dann hatten die Bauern recht behalten. Gut, daß Du gestern noch gefahren bist und so auch den richtigen Riecher hattest!

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  2. Da hast Du einen wunderschönen Tag erwischt, Heike. Alles richtig gemacht. Die Knochen spürt man tatsächlich bei den ersten Ausritten im Jahr, aber mit jeder Fahrt wird's besser (also fleißig weiter machen).

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