Die Sonne kam ab und an durch die Wolken, aber so richtig Frühling geht noch etwas besser.
Mein Tourziel stand fest.
Die Schranke war offen, kein Wanderer oder Radfahrer zu sehen, und so bog ich in den durch Spurplatten befestigten ehemaligen Kolonnenweg ein. Ein Blick auf die Felder, ein Blick zurück: huch, ein Radfahrer verfolgt mich. Nun, also Gas und weiter ins Land hinein. Zuhause am PC hatte ich mir die Strecke eingeprägt, fuhr über den Hügel und bog links ein.
Mist - da ackerte ein Traktor emsig vor sich hin, und der Bauer taperte gerade über das Feld. Da ich hier eigentlich nicht sein dürfte, war mir nicht so wohl bei der Aktion. Aber der nahm kein Stück Notiz von mir, wie ich da langsam an ihm vorbei fuhr.
Schnell fahren ging da sowieso nicht. Überall Erdklumpen und Mistbatzen auf den Betonstreifen. So ganz abgetrocknet waren die Grünstreifen auch noch nicht. Bei nasskaltem Wetter ist das Fahren hier sicher keine Freude ...
Dann fuhr ich wiederum nach links, und stand da, wo ich hinwollte.
Damit Ellie nicht einsank, nahm ich zuerst den Handschuh als Seitenständerfixierung.
Da sich die Sonne noch nicht blicken ließ, nahm ich mir zunächst das Umfeld vor.
Info zum Grünen Band: KLICKKLICK
Das Mahnmal „Eiserner Vorhang“ steht dort, wo einst die Bahnstrecke Leipzig--Braunschweig die Grenze kreuzte: Zehn, fast sieben Meter hohe Stahlplatten; Claus Christian Wenzel war Leiter des Planungsamts in Wernigerode, als er 1995 das Kunstwerk schuf.
Der Rost soll die Vergänglichkeit aller Dinge unterstreichen. Gut gelungen, fand ich. Das einige Platten liegen, ist Absicht.
Hierzu gibt es einige wirklich gut gelungene Beschreibungen. Klickt mal hinein, das Lesen ist lohnenswert.
http://www.grenzerinnerungen.de/
Hier eine Beschreibung und Bilder von Abbenrode, wo ich unterwegs gewesen war: http://www.grenzerinnerungen.de/bilder/nach_der_wende/abbenrode
Im Blog erwähnte ich das am 13.5.2015 hier: KLICKKLICK Grenzfahrer
Chronologie der Grenzöffnung im Harz: http://www.grenzoeffnung-im-harz.de/
Dann zeigte sich die Sonne doch noch.
Und noch etwas zeigte sich. Der Regional-Express kreuzte unseren Weg. Direkt hinter dem Mahnmal lag die erneuerte Schienenstrecke.
In der Ferne lockte ein weiteres Ziel, also rödelte ich wieder auf, startete Ellie und holperte über das nasse Gras und den weichen Boden zurück auf den Weg.
Im Hintergrund das große, mehrteilige Mahnmal
Man sieht - gar so weit sind die Stahlplatten nicht auseinander. Hier stehen wir jetzt an einem ehemaligen Grenzbach.
Ich stieg ab und wanderte den kleinen Trampelpfad entlang.
Reste aus der Vergangenheit - irgend eine Funktion werden diese Betonpfähle schon gehabt haben; jetzt rotten sie am Bachlauf vor sich hin
Betonmarkierter Grenzverlauf bei Wennerode
Grenzbrücke und Bahnstrecke Harz-Elbe-Express
Was sich wohl hinter der Unterführung verbarg? Dem Geruch nach Pferde. Richtig gedacht.
Ein Stück weiter durch den Wald durch lag das Gut Wennerode. Mir kam eine Reiterin von dort in gemächlichem Tempo entgegen, während ich mich auf der schmalen Betonbrücke herumtrieb und meine Fotos für den Blog machte.
Sie hielt mit Abstand an und ich rief ihr zu, das ich nur Fotos mache und sie ruhig näher kommen könne. Das Pferd setzte sich wieder in Bewegung, ich ging an den Rand, und es stapfte schnaubend an mir vorüber.
Ich sah wohl unheimlich aus in meiner Kluft. Und gehörte da nicht regulär hin.
Pferde sind Fluchttiere, und da ich selber mal geritten hatte, war ich immer vorsichtig ihnen gegenüber. Sie neigen zu Reaktionen, die dem Menschen echt weh tun können, wenn man sich falsch verhält.
Die Zwei schritten in Zeitlupe durch den Tunnel und auf den Kolonnenweg. Ich ließ mir viel Zeit, bis ich zu Ellie zurückging.
Reiterin und Roß gaben dann eine Galoppeinlage am Wegrand, und ich zäumte mich auch wieder auf.
Das tapfere rote Stahlroß hatte geduldig auf die Reiterin gewartet
Einige Meter weiter lockte noch so ein Stahlblech, und das wollte ich ebenfalls noch mitnehmen. Monument Nr. 3 auf dieser Tour.
Als ich mich auf Ellie setzen wollte, kam eine weitere Reiterin durch die Unterführung. Ich machte einen langen Hals am Stahlmonument vorbei, weil ich abschätzen wollte, wie schnell sie ist. Sie, das Pferd und der Hund guckten zurück, ebenfalls mit langen Hälsen. Ich mußte lachen, startete Ellie und tuckerte mit Minimalgeschwindigkeit in entgegengesetzter Richtung von dannen.
Soweit ich es sehen konnte, zuckte das Pferd nicht einmal mit den Ohren, und der Hund gähnte gelangweilt, während er auf das "Voran!"-Komando wartete.
Diese Kolonnenwege dort sind bevölkerter als ich gedacht hatte - aber niemand nahm Anstoß an uns, und so sammelte ich auch noch die dritte Stahlplatte ein. Hier war es zivilisationsstill, nur ein Raubvogel kreiste über uns und gab ab und an heisere Töne von sich.
In der Ferne trainierte die erste Reiterin vor der grandiosen Kulisse des Harzes. Schnell zoomte ich sie zu mir heran.
Dieser Ausflug war spannender gewesen, als ich vermutet hatte.
Zum Abschluß gab es noch ein Bild.
Ich war noch fit, das Wetter wurde immer besser, und so fuhr ich noch nach Ilsenburg zum tanken, und später zum Kaffee zur Schwiegerfamilie. Nach vier Stücken Kuchen war mein Magen auch zufrieden, und gegen 17 Uhr ging es nach Hause.
Die Dörfer waren nahezu wie leergefegt, nur im Speckgürtel von Wolfenbüttel wurde es wieder etwas verkehrsreicher.
Eine eindrucksvolle Tour war das gewesen. Morgen hatte ich Pause - eine Freundin und ich wollten Brunchen und mit vollem Ranzen fahre ich nicht gerne. Außerdem hatte ich doch mehr Muskelkater als erwartet bekommen von den letzten zwei Ausflügen.
Fazit:
170 Kilometer mehr, viel deutsch-deutsche Geschichte, interessante Begegnungen und nun überall ein sanfter grüner Schimmer auf dem Land.
Der Frühlingsanfang scheint tatsächlich ein Anfang zu sein.
Wird auch Zeit. Ich will endlich Grün sehen!
Nachtrag: Von einem, der auszog, die ehemalige Grenze mit 1 PS zu erleben.
Grenzerinnerungen - Grenzreiter
Martin Stellberger und "Flamenco"




Es ist doch interessant, wie diese Grenze uns heute noch in Wallung versetzt und wir nach Relikten suchen. Wenn ich mit jungen Kollegen spreche, dann wissen die häufig gar nicht, was ich meine, wenn wir darüber reden. Aber die haben es auch nicht erlebt, die haben nicht die Meldungen im Radio gehört, wenn ein Fluchtversuch gescheitert war, oder die haben nicht an der Grenze gestanden und mit Schauder hinübergeblickt, in das Land, das so nah und doch so fern war.
AntwortenLöschenIch habe wieder unheimlich interessiert Deine Erlebnisse gelesen!
Ja, die einen wollen alles platt gemacht haben - damit sie ihre Erinnerungen endlich auch begraben können. Die anderen möchten die Relikte erhalten, damit sich die nachfolgende Generation bewußt macht: wir waren mal lange Zeit geteilt. Und getrennt. Und es gab Tote. Und viel viel Elend durch Bespitzelung, Überwachung, Kasernierung etc.
AntwortenLöschenAber auch viele schöne Erinnerungen.
Insofern sind diese Grenz-erFahrungs-Touren von mir zwiespältig erfühlt. Ich bin erst drei Jahre nach dem Mauerbau geboren, hatte es damals nur mit der Schulklasse erlebt. Als ich aber vor einiger Zeit die Stammbaum-Linie meiner Mutter verfolgte und mitbekam, dass sie allesamt aus Thüringen stammen (bis hin zur Urururgroßelternschaft aufgeschrieben), und ich einfach mal ein wenig Heimatergründung vornehmen wollte - da war ich dann mittendrin in einer Geschichte, die zu unserer Familie gehörte.
Die zwar schon vergangen ist, aber eben kein Hollywood-Streifen.
Nach solchen Touren brauche ich immer viel Zeit, um das Gesehene nachzuforschen, und dann zu verarbeiten. Ich möchte eben kein sensationslüsterner Grenztourist sein.
Mit der Familie geht mir das ähnlich wie Dir. Allerdings wusste ich schon früh wenigstens grob, wo meine Familie herstammt. Ich bin zwar eine norddeutsche Mischung, aber aus ganz Norddeutschland. Von Dorsten bis Stralsund und von Oslo (hüstel, nicht mehr ganz Norddeutschland) bis Wettin. Ein paar von den Orten, wo meine Vorfahren herkommen habe ich schon besucht, ich war ja im Sommer in Wettin und Neutz, in Schleswig Holstein, Gladebeck und Sievershausen. Und ich war schon mal vor Jahren in Halberstadt, wo mein Großvater mütterlicherseits herstammte und in Stralsund. Aber da gab es auch noch Leute in Waren / Müritz und in Pommern, nahe der heutigen polnischen Grenze. Das sind so Orte, die noch auf der Liste stehen. Man könnte jetzt sagen, Minya, du hast keine Kinder, warum willst du denn da hin? Du bist doch eh die letzte, die von diesen Dingen weiß. Aber ich möchte es halt gerne gesehen haben. Ich möchte dort gewesen sein einfach.
LöschenHast Du auch vor, diese Orte, wo Deine Vorfahren herkamen, zu besuchen?
Mich nehmen diese Fahrten in die ehemalige DDR auch immer besonders mit, und es ist auch immer noch ein ganz besonderes Gefühl, wenn ich diese ehemalige Grenze überfahre. Auch wenn man häufig heute nicht mehr auf einen Blick sieht, wo man sich jetzt befindet. Aber ich finde auch, es gibt dort so viel zu entdecken, zu finden, zu sehen- da muss man einfach gewesen sein. Mit Sensationslust hat das auch bei mir nichts zu tun. Es ist einfach simples Interesse. Und auch das Verlangen das alles zu verstehen, zu begreifen.
Ja, ich werde auf jeden Fall nach Mühlhausen/Thüringen fahren und schauen, ob sich noch etwas findet dort. Könnte zwar schwierig bis unmöglich sein, weil meine Urgroßmutter dort schon 1870 verstarb, und die Gräber nicht so lange erhalten sind. Aber versuchen bzw. den Ort überhaupt einmal anschauen, das geht. Einmal bin ich kurz durchgefahren, als der Zettfahrer und ich in der Gegend eine Feier hatten. So ein Besuch wird also erneut vertieft. Mir ist wichtig, es gesehen zu haben. Ich kann mein Wissen zwar auch nicht vererben, aber für meine innere Ruhe ist das Besuchen wichtig. Das ist schwer zu erklären, was mich da treibt. Es ist wie ein sehr altes Puzzle, wo noch Teile fehlen, auch wenn sie vielleicht kaum noch zu erkennen sind, weil sie so vergilbt sind.
AntwortenLöschenÜbrigens urlauben wir Ostern ganz dicht bei Wettin. Auf Gut Trebitz. Ich wollte auch mal Klooo ...schwitz anschauen. So wie Svenja :-)!!!