Ich tourte nach Feierabend zunächst um die Asse, durchfuhr eine Baustelle (obwohl die Straße noch gesperrt war), und pausierte an der Eisdiele in Vienenburg. Ausser mir war noch ein zerzauster Street-Fighter-Fahrer anwesend, und etliche zivile Gäste.
Street-Fighter-Fahrer sehen irgendwie immer zerzaust und verwegen aus, oder?
Ich plünnte mich wieder an und reihte mich in den Feierabendverkehr ein, bog dann aber von der Hauptader ab in Richtung Harzvorland.
Die grobe Richtung war Bad Harzburg, wo ich aus einer Laune heraus einen Wirtschaftsweg nahm. So querte ich mehrfach die ehemalige Grenze, von Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt und zurück. Die Waldstücke schienen wie mit dem Lineal gepflanzt, die Wege und Entwässerungsgräben schnurgerade. Auch wenn keine Erinnerungstafel zu sehen war - diese Anzeichen bewiesen den ehemaligen Grenzverlauf.
Keine Menschenseele war zu sehen - kein Radfahrer, keiner auf der Hunderunde - eine schmale und gut gepflegte Straße vor uns, und ich mittenmang! Ich holte tief Luft und erholte mich langsam vom stressig gewesenen Bürotag. Unsere Abteilung zieht mal wieder um, und ich bin die Koordinatorin. Bevor ich mich total aufreibe an den Eigenarten einzelner, hatte ich beschlossen, die Situation als Comedy einzustufen. Damit lebe ich recht ordentlich. Nur manchmal reicht auch die innere Einstellung nicht aus, alles zu übertünchen ...
Licht und Luft und Aufatmen
Die Temperaturen gingen immer höher - das Sommerhoch drohte schon. Ich öffnete die Lüftungsreißverschlüsse in der Lederjacke und der Motorradhose. Schräg über mir brandete der Verkehr in die B6N-Zubringer-Schleife. Hier unten aber waren Ellie und ich für uns, und teilten uns die Gegend mit Feldhasen, Feldlärchen und anderem Getier. Eine heilende Wohltat, wie ich fand. Ellie und ich, und die Natur. Mehr mußte nicht sein! Was sich da oben abspielte, blendete ich total aus. Ich beobachtete einen fetten schwarzen Käfer, der in eiligen Angelegenheiten über die heiße Teerstraße zum frisch gemähten Grasstreifen rannte. Emsiges Kerlchen - ob ihm wohl die Füße brannten?
Nach der kleinen Pause drehte ich Ellie um, und tuckerte die kleinen Wege immer kreuz und quer durch die Felder. Links Getreide, rechts Zuckerrüben. Ein Maisfeld war auch mit dabei. Libellen flogen auf Schulterhöhe mit. Ihre Flügel schillerten in der Sonne, und ich bewunderte ihre Fähigkeit, in der Luft abrupt anzuhalten und kopfüber an den Boden zu sausen, auf der Jagd nach Insekten.
Schäfchen-Wolken, den Harz-Höhenzug vor Augen - Feldlärchen über mir, Raubvögel in den Bäumen, Libellen als kurzzeitige Tourbegleiter. Natur pur und keine Menschen.
Gebt mir eine Enduro, und ich wäre nur noch im Gelände! Für das Rad ist diese schöne Gegend ebenfalls allerbestens geeignet, nur leiderleider viel zu weit weg von mir zuhause. Hier einfach blindlings durchzufegen wäre viel zu schade.
Es ist schon erstaunlich, was ich mit der kleinen Tourenmaschine so alles bewerkstelligen kann. Schotterpisten, Graswege - all das sind eigentlich keine typischen Straßen für sie. Hier macht sich jetzt meine Fahr-Erfahrung bemerkbar. Ich weiß besser, was ich Ellie zumuten kann. Natürlich ist Schotterpiste oder aufgeweichte Feldwege fahren nicht so wirklich komfortabel. Die Reifen sind einfach falsch dafür. Aber mit Gefühl und Aufmerksamkeit bekomme ich das bislang ganz ordentlich hin.
Ich kam irgendwann in einem verschachtelten und verschlafenen Örtchen mit hübschen Häusern, Vorgärten und Bachverläufen an. Kinder spielten am Straßenrand, und winkten hinter uns her. Keines steckte sich die Finger in die Ohren. Ellie ist leise genug.
Ein Blick auf die Karte weckte mein Interesse, ich drehte erneut und fuhr in das so genannte Eckertal. Ein kleines grünes Fleckchen, mit einigen netten Kurven. Nichts spektakuläres. Nichts für die Knieschleifer, denn der Straßenbelag ist an einigen Stellen fragwürdig.
Die Getreidefelder standen schon gut, und heute paßte auch das Fotolicht. Mir tat der Hintern weh, und ich mußte mal meine Beine ausstrecken.
Mohnblumenzeit. Fotozeit!
Bitteschön: der Blick nach vorne zeigt den Harz-Höhenzug
Dafür gehe ich gerne in die Knie: eine Mohnblumen-Motorrad-Perspektive
In einer Seitenbucht stand ein Auto, aber der Fahrer war abgängig. Ich konnte in Ruhe meine Verrenkungen für die Fotos machen.
Als es genug war, drehte ich Ellie auf der Schotterpiste mit den ausgewaschenen Fahrspuren um. Eine dunkle Reihe Waldameisen wuselte mit Turboantrieb im Staub, und ich hatte Mühe, ihre Straße nicht zu zerstören.
Der kleine Ort Eckertal war anschließend schnell durchfahren. Vor mir bemühte sich ein leuchtend gelb ge-Weste-ter Fahrschüler auf seiner Maschine durch den Ort, den Fahrlehrer im Auto hinter sich. Sie bogen nach rechts, in Richtung Ilsenburg. Ich führte Ellie nach links, und hing meinen Gedanken nach. Fahrschule ... das ist lange her und doch immer noch präsent.
So fuhr und fuhr ich. Der Abend kam, und mit ihm gefühlte Milliarden von Insekten. Obwohl ich die Lüftungslöcher im Helm geschlossen hatte, fanden immer wieder winzige Fliegen den Weg hinter das Visier.
Um halb neun Uhr war ich vor der Garage, und müde gefahren war ich jetzt auch. Ellie wurde abgestellt, um das Fliegen säubern würde ich mich am nächsten Tag kümmern.
Eine heiße Dusche folgte, dann noch ein wenig Chillen auf der Couch - und der Tag war mal wieder zuende. Der längste Tag im Jahr. Ab morgen würde es wieder Richtung Winter gehen. Würde es täglich später hell und früher dunkel. Ich hasse das.
Die Saison in Deutschland ist - was die Helligkeit angeht - eindeutig zu kurz bemessen. Deshalb leide ich im Sommer auch an permanentem Schlafentzug: spät zuhause ankommen nach der Tour, und morgens wieder mit den frühen Vögeln aufstehen. Irgendwann hilft auch Kaffee nicht mehr ;-).
Fazit:
Sommersonnenwende. Nutzt die Zeit. Hetzt nicht, sondern genießt. Nicht grün-grün-grau, sondern auch mal anhalten und umgucken.
Ich muss immer wieder lachen, wir benutzen die gleichen Ausdrücke!
AntwortenLöschenAch, was für eine schöne Sommersonnenwendefeierabendtour! Bei mir war das Wetter gestern so gar nicht danach. Ich bin zwischen zwei Regengebieten durchmanövriert und am Ende doch noch auf nasser Strasse nach Hause gekommen.
Hihi ;-). Sowas kommt von sowas. Manchmal lese ich Wortgebilde, und übernehme die unbewußt. Svenja hat da z.B. recht häufig Beeinflussung, unterbewußte!
AntwortenLöschenDas Wort "aufgeraucht" kannte ich vorher nur in Verbindung mit Tabak - eine andere Bedeutung erschloß sich mir nicht. Woher auch - ich hatte ja vormals so gar keine Ahnung von der Welt der Zwei-Drei-und-Tausendtakter gehabt ...