Ein verkleideter Frühsommertag erwartete mich, als ich an diesem zwanzigsten April nach wenigen Stunden Schlaf die Gardinen öffnete. Umpf, ist das hell da draußen ...
Wenn das Netz recht hatte - und das hatte es! - sollte es heute bis zu 20° warm werden. Sonne den ganzen Tag über ...
Ein winziges bisschen verkatert trank ich meinen Fertigcappu. Nach fester Nahrung war mir noch nicht - ich schmierte mir ein Tourenbrot und packte mich in die Moppedkleidung. Ellie stand geduldig unter dem Vordach, überall bekleckst mit fetten Fliegenleichen und gelben Flecken von den Rapskäfern. Ich puhlte mit dem Fingernagel die gröbsten Körperteile vom Scheinwerfer, kapitulierte dann aber.
Das Putzen muß bis zuhause warten - das bringt so gar nichts.
Kurze Ketten- und Reifenkontrolle: alles okay.
Während in dem großen Ferienhaus gegenüber Tische nach draußen auf den gepflasterten Vorplatz geschleppt wurden, und die Bewohner für das Osterfrühstück den Tisch deckten, sortierte ich meine Straßenkarten und die Tourentaschen. Das alte Ehepaar von Gegenüber (Einheimische) sagte freundlich "Ein frohes Osterfest und eine schöne Tour!" und ich bedankte mich artig und erfreut.
Die sind echt nett da, fand ich ... Auch das junge Pärchen zwei Türen weiter grüßte uns. So einen wohlerzogenen Hund, den sie bei sich hatten. Der kläffte nicht, der schaute nur - bzw. SIE schaute nur. Blieb da stehen, als die Leine hingelegt wurde - rührte sich keinen Meter, pinkelte nirgendwo einfach so hin ... ja, wir hatten wirklich Glück mit den anderen Mietern!
Der Mann war zur gleichen Zeit dabei, seine Maschine zu warten. Kette spannen war angesagt. Dann wurde auch dort das Marschgepäck befestigt, und kurz nach 11 Uhr tuckerten wir den schmalen Sandweg hoch zur Dorfstraße. Auf zur Fähre.
Anderer Tag - gleiche Situation: Handschuhe tüddeln ...
Geplante Route: in Richtung Brandenburg an der Havel, und umzu (wie man hier so doof sagt). Also "drumherum".
Die Anfahrt über die B1 hat mich überrascht. Bis Genthin gute Straßenverhältnisse - danach auch! In Genthin habe ich das erste Mal ein originales ostdeutsches Ampelmännchen gesehen. Fast wäre ich beim Linksabbiegen noch einer entgegenkommenden Autofahrerin reingefahren: ich war so abgelenkt, dass ich nicht beachtet hatte - der Gegenverkehr hatte auch grün! Tztztz ...
Nach Genthin folgten weitere gute Straßen - und die B1 führte durch Laubwald-Alleen hindurch. Bei uns im Landkreis ist die B1 grottenlangweilig, weil sie übers platte Land oder öde Kleinstädte führt. Hier war das anders!
Vor Brandenburg bogen wir links ab, und es ging an der Havel entlang. Ich wurde hibbelig. Wasser! Angucken!
Schnell fand ich im kleinen Ort Briest einen schönen Platz. Ich tuckerte über den tiefergelegten Bordstein auf einen gras- und sandbefleckten Parkplatz. Später dann durfte der Mann mich mal wieder rausschieben: ich hatte nur auf Schattenparken geachtet, nicht darauf, dass der Parkstreifen nach vorne abschüssig war. ER hatte sich hingegen wenige Meter weiter auf einen gepflasterten Fleck gestellt, genau in Fahrtrichtung. Grumpf ...
Hausboote im Schritt-Tempo ... gemächliches Vorankommen, Schlafplatz dabei ... mir könnte sowas gut gefallen für zwei oder drei Tage
Weiter ging die Tour. Uns begegneten nun viele andere Kumpane auf ihren Motorrädern. Diese Nebenstrecke war wunderschön. Sanfte Kurven, viel zu gucken linksseitig - einmal ging das Wasser bis an die Straße heran und ich konnte aus dem Augenwinkel das "Achtung - Biber"-Schild wahrnehmen.
Ein kleines Stück wurde die B102 befahren, dann ging es rechts ab in die Landschaft um den Pritzerber See herum. An die Seen ist schwer heranzukommen. Das meiste ist in Privatbesitz: Hotels, Angel- oder Segelvereine.
Wir wollten noch ein wenig cruisen, und gaben dem Navi Futter. Böser Navi - böser böser Navi ... führte uns durch eine anfangs schöne Obstbaumalleenstraße, und dann leider durch ein Waldgebiet.
L911 nach Gortz durch den Wald. Lasst das bleiben, wenn euch eure Bandscheiben und Federbeine lieb und teuer sind ...
Im winzig kleinen Nest Gortz mußte ich erstmal anhalten und meine Knochen sortieren. Gortz: kein Funk-Netz! Gortz ist so klein, dass es nicht einmal eine Wiki-Seite darüber gibt ...
Typische Ostdorf-Idylle ...
A - der Ort Gortz
Wir hielten uns nach der Pause links in Richtung Päwesin. Diese L912 ist offenbar eine beliebte Motorradstraße Richtung Potsdam. Hier fuhren viele Kollegen mit entsprechenden Kennzeichen.
Bis Potsdam wollte ich nicht - ich dachte an eine ausgedehnte Mittagspause, und hatte zuhause am PC im Ort Päwesin einen Gasthof gesucht. Zwar fand ich nicht den, den ich gesucht hatte, aber hier war es noch viel viel besser!
Adresse: Kirchplatz. Bushalteplatz, Wendeplatz und guter Parkplatz am Randstreifen!
Die Speisekarte im Schaukasten sah ziemlich mager aus, aber das täuschte. Wir setzten uns in den Biergarten.
Ein echter Biergarten, mit richtigen Eisenstühlen, die kibbelten.
Mit Holztischen, die ebenfalls auf dem Kopfsteinpflaster kibbelten.
Mit Natur pur um uns herum: Maikäfer, ein kläffender Hofhund gegenüber, und irre laut singende Vögel. Das zwitscherte, trällerte und piepste aus voller Kehle um uns herum.
Von ferne dröhnten ab und an Harleyklänge an unser Ohr, während wir schattengeschützt pausierten.
Ein freundlicher und bescheidener Herr kam zu unserem Tisch und ich fragte vorsichtig nach Mittagessen. Immerhin war es schon 14 Uhr durch.
Das wäre absolut kein Problem. Der Herr zählte uns diverse Köstlichkeiten auf, und als er "Bauernfrühstück" sagte, nickte ich eifrig.
Dazu einen halben Liter alkoholfreies Radler, ginge das auch - meine weitere Anfrage.
Er überlegte kurz, wie das zu bewerkstelligen war, und nickte dann ebenfalls eifrig. Der Mann wollte auch einen Bauern killen, bestellte sich dazu aber einen großen Becher Kaffee.
Drinnen gäbe es noch eine Auswahl an selbstgebackenem Kuchen, erwähnte der Gastwirt höflich zurückhaltend, wir sollten ruhig hineinkommen und uns umschauen. Meine Augen funkelten. Ich mußte sowieso auf die Örtlichkeiten und konnte da völlig unauffällig einen Check vornehmen!
Argl - als ich drinnen war und mich umschaute, wußte ich sofort, was ich nehmen würde!
Aber zunächst kam der Pott Kaffee. Für weniger als 2,- Euro. Ich glaube, es waren 1,60 Euro für einen großen Becher.
Und dann kam das Mittagessen.
Hammer.
Klein geschnittene Kartoffeln, mit Schinken, Speck, kross gebratenen Zwiebeln und klein gewürfelten Gewürzgurken, alles in Ei eingebacken und saftig, dazu eine total leckere Gurkentaler-Beilage und zuckersüße Kirschtomaten.
Diese riesige Portion für sagenhafte 3,50 Euro.
Futtern wie bei Muttchen - denn in der Gaststube konnte ich durch eine Scheibe hindurch die Köchin bei der Arbeit sehen. Wie meine Muddi schaute die aus. Ich hatte schon beim Kuchencheck sofort Vertrauen gefaßt, und wurde nicht enttäuscht.
Kinners, ich muß sagen, ich habe gefressen ... es blieb nicht ein Krümel übrig. Das war SO lecker, wie ich es kaum glauben konnte. Normalerweise mag ich Speck, Zwiebeln und Schinken nicht so wirklich ...
Und weil ich diesen netten Gastwirt und das Lokal unterstützen wollte, kamen noch zwei (eins für mich und eins zur Gesellschaft für den Mann) unbeschreiblich fantastische Stücke Mohnkuchen dazu:
Ich futterte rein als Unterstützungszwecken, damit der nette Gastwirt ja auch weiter existieren konnte...
Handgeröstete Mandelstücke, butterweicher Vanillepudding und auf der Zunge zergehende zarte Mohnkörnchen ... ein TRAUM für den Gaumen
Was mich am meisten begeisterte, war die bescheidene, um uns bemühte und gastfreundliche Art und Weise des Herrn, der uns bediente. Es hätte noch andere Gerichte gegeben - Eis, oder Currywurst ... die kleine bescheidene Straßenkarte täuscht wirklich.
Solltet ihr jemals dort sein, kehrt ruhig ein. Der Biergarten liegt rustikal, aber doch idyllisch. Und der kläffende Hund aus dem Nachbargarten hat auch schnell wieder aufgehört. Aus einem Fenster im Nachbarhaus schaute eine Giraffe auf uns, aber die war harmlos und sagte keinen Piep!
Päwesin, Kirchplatz - Zur Bauernstube
Als wir am 20.4.2014 dort waren, waren wir restlos begeistert und zufrieden von den Preisen und den Portionen. Klare Einkehr-Empfehlung!
Irgendwann mußten wir wieder aufbrechen. Ich werde diesen gemütlichen Flecken aber nie vergessen. Ich hoffe sehr, dass die noch lange weiter bestehen dort...
Wir fuhren jetzt zurück auf der L912 - in Richtung Seenplatte. Aber wir kamen nicht ran. All überall: Privatbesitz. Vielleicht gab es Möglichkeiten, aber wir fanden sie als Auswärtige leider nicht ...
Der Navi bekam den Befehl, Plauer Hof anzusteuern. Wir umfuhren Brandenburg ein wenig, kamen auf die B1, und nach Brandenburg folgten wir einer hubbeligen Straße. Am Ende lotste der Navi uns nach rechts, und dann zeigte der Pfeil auf einen staubigen Feldweg.
Konnte das richtig sein?
Der Mann tuckerte in einer imposanten Staubwolke vorneweg. Der Weg machte einen Knick und schien im Niemandsland zu verschwinden, aber nein - das Ziel war erreicht!
Auch hier: Privatbesitz. Von einem Bootsverein.
Betreten war nur Anliegern erlaubt.
Nun - wir hatten ein Anliegen - Heike wollte Wasser (lassen) gucken!
Wir zogen unsere warmen Handschuhe aus, klippten die Helme in die Sicherheitsschlösser, schlossen ab und schnappten uns die Wertsachen. So gerüstet stapften der Mann und ich auf das Gelände, was gleichzeitig auch ein Campingplatz (für Anlieger und Bootsleute) war.
Ich war begeistert und dachte sofort an die Ostsee. Der Plauer See (Brandenburg) war riesig - und hatte Wellengang! Privat können die da, in Brandenburg ...
Schiff ahoi!
Ich war total happy. Wasser gucken UND Wind, Wellengang UND das ganze mit dem Mopped erfahren ... was für ein Abenteuer.
Die Bootstypen guckten uns von Zeit zu Zeit skeptisch von sicherer Entfernung aus an - sicher hatten die lange keine echten Weltreisenden mehr gesehen, das wird's gewesen sein.
Der Mann und ich saßen da mit dem Rücken zur Feuerstelle, guckten auf das Meer, und hingen unseren Gedanken nach.
Schön wäre jetzt zelten gewesen, war eine Idee von mir - aber irgendwann kam ein Moment der Windstille, und dann kamen die Mücken. Und Mücken können die da in Brandenburg auch - und zwar dreimal so groß wie bei uns.
Der Rückweg wartete auf uns. Also beluden wir unsere Moppeds wieder. Zuvor verschwand ich noch kurz im Grünen - das Ruderclubhaus mit Örtlichkeiten war nur mit Anlieger-Schlüssel zu öffnen und den hatte ich dann doch nicht.
Wir tuckerten den staubigen Sandweg hoch zurück zur Zivilisation auf der B1, bogen aber kurz darauf nach links runter ins Industriegebiet Kirchmöser ab.
Ein weiterer Stopp am Wasser, auf dem Gelände des Eisenbahner Segelclubs. Hier war alles geschlossen, und so gab es nur einen Augen- und Fotostopp.
Das gesamte Gelände dort in Kirchmöser wurde durch Eisenbahn-Technik beherrscht. Mechanik, Gleisbaubetriebshallen und diverse Exponate standen auf dem riesigen Gelände herum. Das sahen wir dann allerdings erst, als wir durchfuhren auf dem Weg zurück.
Zum Anhalten hatte ich nicht die Meinung, Eisenbahnen interessieren mich nur soweit, als das sie Mittel zum Zweck für Motorradfahrer bzw. -Reisende sind.
Weiter ging es über Land, auf der L93 durch Orte mit klangvollen Namen wie Wenzlow (schöne Kurvenstrecke von Kirchmöser bis hierher), Ziesar und Tucheim. Bevor wir wieder die B1 kreuzten und somit kurz vor unserem Urlaubsort ankamen, entdeckte ich noch ein wunderliches Bauwerk.
Leider habe ich den Namen des Ortes nicht aufgeschrieben ... aber er war klein, und die Straße war gut.
Die Ziegel leuchteten rot im Abendlicht. Wir hatten es knapp vor halb sieben abends ...
Weiter ging die Route, gemächlich über die kleinen Straßen, über die B1 und dann zu einem Ort namens Parey.
Dort sollte es eine Schleuse geben.
Route: KLICK - 52 Kilometer
Ich bog in den Weg ein, und es erwartete einen wieder einmal eine typische Kriegs-Krisengebietstraße.
Ich wollte kein Weichei sein und holte tief Luft, bevor ich Gas gab. Tapfer hoppelte ich um die Krater herum, und schaute nach einiger Zeit in den Rückspiegel. Huch - der Mann war verschwunden!
Also wendete ich Ellie und traf ihn nach gefühlten 200 Kilometern an einer Biegung wieder. Nein, er wolle diesen Weg nicht fahren und ich war erleichtert - nein, ich wollte die doofe Schleuse auch nicht sehen!
Kennste eine, kennste alle - und so einen Weg dahin braucht keiner freiwillig ... auf Google Satellit hat das ganz anders ausgesehen, erklärte ich noch kleinlaut!
Das letzte Stückchen von Derben nach Ferchland zur Fähre mit 3 Kilometern hatte dann auch noch eine miese Fahrbahndecke. Auf der Fähre angekommen, merkte ich den Tag so langsam in den Knochen.
Ich muß die Strecke noch ausrechnen, aber geschätzt waren es heute um die 200 Kilometer. Gestartet gegen 11 Uhr, Ankunft 20 Uhr. Es war ein langer Tag gewesen, aber was hatten wir alles erlebt und gesehen!
Müde verstaute ich später schon einen Teil des Gepäcks in den Koffern - morgen war Abreisetag. Das bedeutete: Moppeds verladen, nichts im Apartment liegen lassen, noch bezahlen gehen und alles ohne Hektik ausklingen lassen.
Fazit am Abend, als der Mann und ich noch bis zum Dunkelwerden vor dem Apartment saßen: schön war es. Nichts spektakuläres, aber viel Unbekanntes. Und Gemütliches. Und Freundliches.
Mein erster längerer Motorradurlaub. In fremder Umgebung! Total fremder! Das würde mir zuhause sicherlich langweilig vorkommen, mit meinen Hausrunden (und so war es dann auch!).
Gegen 23 Uhr kippte ich leicht nach hinten an die Hauswand - Schlafmodus!
Gute Nacht, Welt. Gute Nacht, Grieben.












Nun, leider nützt es dem Mann wenig, wenn er strategisch günstiger parkt, als du ... :)
AntwortenLöschenDA hast Du auch wieder recht, Funny ;-)!
LöschenIst das schön dort, bei so viel Wasser denk' ich dann immer: Wenn ich den See seh', brauch' ich kein Meer mehr. Ich bin ja auch so ein Wassergucker und kann dem Spiel der Wellen stundenlang zuschauen und -hören.
AntwortenLöschenDeine Fotos sind wirklich wunderschön und natürlich habe ich ein Lieblingsbild heraus gepickt: #4 (Wasser & Wolken, meine Lieblingskombination).
200 km sind eine gute Strecke, wenn man noch Sehenswürdigkeiten am Wegesrand mit nehmen will. Es kommt ja auch nicht auf die Entfernung an.
Stimmt, Sonja. Abwechslung kann es überall geben. Natürlich ist es vom Motorrad aus nicht "mal eben so" anzusteuern - das kann man wirklich nur mit dem Fahrrad. Aber auch so konnten wir ja einiges entdecken. Ich würde Landgasthöfen z.B. immer den Vorzug geben vor den Häusern "mit an einem Bett von Kresse-Gedöns". Ehrliche Hausmannskost der Region - dazu dann vielleicht noch der Klönschnack mit einem Einheimischen. SO verstoffwechsel ich zumindest am ehesten meine Urlaubsregionen.
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