Ellie und ich

Ellie und ich

Donnerstag, 13. Dezember 2012

15. September 2012 - Der Kampf mit den Begrenzungen - Heike auf Torfhaus



15.9.

Nach turbomäßiger Hausarbeit (brave Hausfrau, deutsche, Samstag ist Putztag) folgte Ellie-Anschmiegzeit - äh.. nein - Moppedputzzeit.

Frisch gewienert stand sie dann da, startklar in der Sonne blitzend, und so hielt mich auch die kühle Luft nicht mehr. 
Eingeplünnt ging ich vor die Tür, in langer Unterhose, langes Unterhemd mit extra Fleecekragen, lange Kniestrümpfe, Jacke und Hose mit Innenfutter - ich fühle mich wie eine Preßwurst. Und sah auch aus wie ein Michelin-Männchen.

Aber ich bereute meine Klamottenwahl später nicht!

Los ging es, erstmal Richtung Salzgitter. Da hatte ich noch 5,- Euro beim Täto offen für die Salbe. Ich stiefelte in den Laden, und zeigte mein Tattoo vor. Alles super verheilt. Dann mußte ich mich (auf der Toilette, nicht im Studio!) wieder einplünnen, was eeelend lange dauerte und Holger zu der Bemerkung brachte: "Na, reingefallen?"

Ha ha ... bei 3 kg Unterzeug anziehen dauert das nunmal etwas! Und es muß ja alles ordentlich gestopft sein.

Weiter ging der Weg, ich hatte Hunger und irgendwie war mir nach Eisdiele, Vienenburg. Also los, hin da. 

Über Liebenburg und kleinere Dörfer huschte ich mit Ellie über die Landstraßen. Es ging astrein. Ich war zwar etwas unbeweglicher durch die ganzen Klamotten (gepreßtes Körpergefühl), aber ich freute mich jetzt monstermäßig über die lange Unterwäsche. 

Es nieselte ein wenig, je dichter ich Richtung Harz kam. Der Wind war kalt, und es waren kaum andere Motorradfahrer unterwegs. Die, die ich sah, waren ähnlich Michelinmännchenmäßig  gestopft angezogen wie ich.

In Vienenburg genoß ich dann einen extragroßen Latte Macciato und eine Kugel Joghurt-Holundereis. Ich war die einzige Motobiene da am Platz.

Nachdem ich eine weitere, äußerst umständliche Pinkelpause hatte (ausplünnen, einplünnen, nochmal ausplünnen - weil sich ein Gummistraps gelöst hatte und mein Hoseninnenfutter irgendwo in der Kniekehle verharrte -undamenhaft-fluchfluch-), kam ich wieder zur Eisdiele und siehe da - auf einmal parkten vier weitere Moppeds dort. 

Ein Pärchen stand da, und grinste Ellie an. "Neu?" fragte mich die Lederbraut. "Nö - 14 Jahre alt", war meine stereotype Antwort. Großes Erstaunen auf den Gesichtern. Und Ellie grinste zurück, habe ich genau gesehen!
Ah - da geht mir jedesmal einer ab bei, wenn Ellie bewundert wird :-D.

Die Abfahrt vor den Augen der vier anderen Motorradfahrer war filmreif. Fehlte nur noch der Applaus. Ich war stolz auf mich.

Es ging dann Richtung Goslar weiter. Bisschen über die Dörfer. Und irgendwann landete ich in Goslar-Oker.
Ab und an kam die Sonne durch - der Tag machte einen erfreulicheren Eindruck als beim Losfahren. 
Hm - ich dachte mir, wenn ich schonmal da bin, dann könnte ich doch eigentlich mal versuchen, zur Okertalsperre zu fahren. Es war wenig los, kaum Motorradfahrer unterwegs. Noch weniger Autos. Es schien also eine gute Gelegenheit zu sein.

Ich muß dazu sagen, dass ich den Harz nicht als Motorradreiz im Blut hatte. Ich mag Kurven fahren nicht besonders. Und außerdem ist das Gebiet dort so stark befahren mit Motorrädern, dass ich noch zusätzlich in Streß komme - wegen der Angst, als Verkehrshindernis bedrängt zu werden. Für mich war also bis zum heutigen Tag der Harz ein no-go gewesen, und man hätte mich da nie freiwillig hinbekommen.

Nun - heute tuckerte ich also gemütlich los, weiter durch Oker durch. Der kleine Kreisel ist ja man was lächerlich ... naja, Stadtplanung ist nicht immer logisch nachvollziehbar ... und dann ging es wirklich hoch - Nationalpark Harz ... das erste Mal auf zwei Rädern ...

Nun ist mir das Okertal nicht unbekannt. Ich bin da jahrelang durchgefahren, ich hatte ja mal 10 Jahre sozusagen in Clausthal gelebt ... und bin wirklich regelmäßig da durch - aber eben mit dem Auto! Mit dem Motorrad ist das etwas ganz anderes ...

Bei Romkerhalle stand eine Motorradfahrerin aus Hildesheim am Rand und fotografierte. Ich brauchte sowieso 'ne Mut-Pause und hielt an.

Fragte sie, ob sie ein Foto von sich und ihrer Maschine möchte. Sie strahlte - ja gerne wollte sie das. Wir fotografierten uns also gegenseitig.

 Beweisfoto: Heike im Harz; hier: kurz vor Romkerhalle, Nachlaufbecken

Ich fragte sie, wo sie denn noch hin will. Sie wollte nach Torfhaus rauf. Klar - Hildesheimer Kennzeichen, und was lag näher als "nach Torfhaus" zu huschen.

Hui - nein, das wäre mir zuviel heute, antwortete ich, ich wolle nur noch bis zur Okertalsperre.

Da machte sie große Augen: "Ist DAS hier nicht die Talsperre?" Ich lachte. "Nein, das ist kurz bei Romkerhalle, das ist nur so eine Art Rückhaltesperre, aber nicht Okertal!"
Sie hatte sich schon gewundert, dass die berühmte Talsperre SO klein sein sollte. Wir einigten uns, dass wir jetzt zusammen zur Okertalsperre fahren wollten. Ich dachte mir nämlich: wenn sie mir den Rücken frei hält, dann kann ich nach vorne in Ruhe vorfahren. Das würde ich sicherlich auch noch schaffen.

Ich fuhr also vorneweg, sie mit ihrer weißen Kawa ER6 hinterher. Jaha - auch eine Kawasaki, moderner ausgestattet, und größer aussehend.

Dann fuhren wir also auf den Parkplatz an der Okertalsperre. 
 


Ellie im Harz - Okertalsperre; mit Zufallswegbegleitung aus Hildesheim; Ellie is irgendwie aussagekräftiger, gelle? Naja, weiß sieht man auch nicht sooo gut wie rot!
Trotzdem is Ellie hübscher ... :-)

Genialer Blick in die Landschaft - da ganz hinten war dann wieder Flachland!


An der Talsperre gesellten sich noch eine Handvoll Motorradfahrer aus Schleswig-Holstein zu uns. Auch hier wieder gegenseitiges Fotografieren.

 Ich an der Okerstaumauer; hinter mir ging es 62 Meter in die Tiefe - urgs...

Die Jungs von hinten 

Sie konnten sogar mit meinem Ichtys-Fisch-Symbol auf meiner Leuchtkutte etwas anfangen. Ich berichtete kurz über den ACM (Arbeitskreis Christliche Motorradfahrer) und die alljährliche Demo in Salzgitter, und einer von ihnen schrieb sich die Infos auf. Vielleicht sieht man sich ja nächstes Jahr in Salzgitter bei der Demo - so Gott will und die Blechlinge uns lassen?

Auch sie wollten weiter nach Torfhaus, genau wie die Studentin aus Hildesheim. Keiner meiner Mitstreiter hatte einen Schimmer, WO Torfhaus eigentlich war. Ein Wanderer erzählte uns, die Brücke bei Altenau (der einfachste Weg) wäre auch gesperrt, wir würden sowieso über Clausthal-Zellerfeld fahren müssen, und dann wieder zurück nach Altenau und DANN hoch nach Braunlage, Sonnenberg und Torfhaus.

Die Jungs guckten etwas kariert, und auch die Studentin runzelte die Stirn. Einhellige Meinung: "...das is' ja nun n büschen ramdösig, das Gegurke, wenn keiner einen Plan davon hat?"

Es fuhren zwar ab und an kleine Kolonnen von anderen Motorradfahrern RUNTER, raus aus dem Harz, aber das half nun auch nicht weiter.

Und da ich die Einzige war, die den Weg kannte (ich mußte vormals ja auch so großkotzig von meiner ehemaligen Wochenend-Wohnweise in Clausthal erzählen ...) kam dann von irgendwem der Vorschlag, ICH könnte doch den "Guide" machen.

Ich beichtete dann aber fairerweise, dass ich meinen Führerschein erst 2 Monate hätte. Und ich noch nie nie nie im Harz gefahren bin. Und Schiß hätte vor den Kurven ... und und und ...
Aber aus DER Nummer kam ich nicht mehr raus. Och, damit könnten alle leben, meinten sie lachend. Sie würden dann halt vorfahren, und an den Kreuzungen auf mich warten.

Nun denn - Heike schwingt sich also tapfer auf Ellie, scheißt sich sinnbildlich schonmal vorsorglich in die Büx, und fährt also los - in Richtung Torfhaus.

Bis Clausthal lief es prima - die Jungs und die Studentin überholten mich regelmäßig, und wenn sie nicht weiterwußten, warteten sie auf mich. War 'ne tolle aber auch stressige Erfahrung für mich. Straßen waren okay, Kurven gut fahrbar für mich, und ich faßte Mut.
Durch Clausthal durch, wieder weiter durch zahlreiche Kurven, bei Altenau kurz Verwirrung wegen der Richtung der Weiterfahrt, bei Sonnenberg nochmal Rätselraten - aber wir kamen alle heil, gesund und durchgefroren gegen 16:30 Uhr tatsächlich ohne Blessuren auf dem Parkplatz bei Torfhaus an.

Von Sonnenberg hoch wurde es mit jeder Kurve kälter, und einmal machte ich aus Nervosität den blöden Fehler - ich bremste mit der Vorderradbremse in der Kurve. War blöd, merkte ich gleich, ich konnte Ellie aber wieder einfangen und ab da fuhr ich lieber etwas sinniger.

Mit relativer gespielter Gelassenheit fuhr ich also dann auf den recht leeren großen Torfhaus-Motorrad-Parkplatz. Ich parkte Ellie bescheiden ganz am Rand, stellte den Motor aus, kickte den Seitenständer runter und holte erstmal tief Luft.

Aber dann wallte die Freude in mir hoch!

Ich zog mir den Helm ab und jubelte los: 
"Ich hab's tatsächlich geschaaaaaaaaaaaaaafft!

Die Jungs lachten. 
Mir war das aber egal und überhaupt nicht peinlich! 
Ich bekam dann Schulterklopfen und eine Lakritzschnecke als Bonus.

 Beweisfoto 2: Ellie und ich - der Ritterschlag - Torfhaus ! Zwei Monate nach meinem Führerschein!

Ich hatte ihnen ja bei der Okertalsperre schon berichtet, wieviel Horror ich vor Torfhaus und den Kurven im Harz allgemein hatte. Was genau dieser Tripp für mich bedeutet hatte, wußte aber nur Gott, eine sehr gute und langjährige Freundin und mein bester Moppedkumpel in Hamburg, dem ich später von diesem Tripp berichtete.
Das war nicht einfach nur eine Tour gewesen - das war ein Kämpfen gegen alles, was mich vormals gefesselt hatte: bedrückende Fahrangst, selbst auferlegter Streß, nicht gut genug zu sein für den Motorradharz, und sehr viel seelische Angst (mein Ex wohnte da im Harz, und ich hatte nicht viel schöne Erinnerungen und hatte den Harz in den letzten 10 Jahren erfolgreich gemieden).

Die Studentin und ich gingen dann in die Bavaria Alm, aufwärmen, Essen bestellen. 

Wir setzten uns raus und guckten die Leute an. Einige gingen die Reihen der abgestellten Motorräder ab und schauten sie an. Es ist jetzt keine Angabe, aber ... bei Ellie blieben viele stehen, zeigten auf den Motor, ihre Karossiere und gestikulierten und guckten auch in-die-Knie-gehend in ihren Motorraum rein. 

Das berüchtigte "Angst-Nippel-Gucken" mag auch dabei gewesen sein - also das Kontrollieren, wie weit runter der Fahrer in den Kurven gekommen ist, was man am Streifen am Reifen kurz über der Felge sehen kann (und bei mir war da noch sehr viel Platz zur Felge) - aber das bekam ich ja nicht mit!

 Das schönste Motorrad von allen - Ellie !

Grins Grins - da saß ich nun, blaugefroren und immer noch am Nachbibbern von der Fahrt, mit der Frage im Kopf: wie zum Geier komm ich hier wieder RUNTER gefahren, ausm Harz raus, ohne große Blessuren? - und diese Zaungäste taten mir dann doch so gut, dass ich mir selber den Ruck gab: 'Hey, du hast es hier rauf geschafft, runter geht es mit Sicherheit noch viel besser'.

Die Jungs aus Schleswig guckten auch Bikes an, rauchten noch eine, futterten die Schnecken auf, und fuhren dann wieder ab. Sie wollten heute noch zurück nach Hamburg und hatten deshalb nicht so die Ruhe.

Ich genoß meine heiße Leberknödelsuppe. Ich hatte bis da nichts richtiges gegessen, und war vielleicht auch deshalb total kalt innerlich.

Um 17.30 Uhr fuhren wir Mädels dann zurück (wir waren übrigens eine seltene Spezies da - es waren kaum FahrerINNEN anwesend).

Die Studentin fuhr vor mir los, wünschte mir dann noch den Bikergruß, und ab da war ich allein auf mich gestellt.

Ich fuhr nicht die gleiche Strecke zurück, sondern über Bad Harzburg. Das war auch eine gute Entscheidung. Ich suchte mir einen Reisebus, hängte mich an den dran, und da auf der Strecke eh die meiste Zeit 60 vorgeschrieben war, wurde die Rückfahrt von Torfhaus nach Bad Harzburg eine echte Erholung.

Es waren jetzt viele Rückreiser unterwegs, aber da ich ja rechts fuhr, behinderte ich weder Blechlinge noch Motorradfahrer. Und ich setzte mich so auch nicht selber unter Druck, in der Angst, ein Verkehrshindernis zu sein.

In Bad Harzburg nahm ich die ganzen Blitzer an der Straße das erste Mal richtig wahr. Wie gut, das ich so ein braves Mädchen bin - bei mir blitzte nix ;-).

Schnell noch getankt, und dann ein Stück auf der B6 Richtung Vienenburg-Süd. Nach der langen Tour auch noch Bundesstraße mit 100 km/h fahren - ui ui.
Aber auch DAS schaffte ich heute!
Vienenburg-Süd fuhr ich runter (die Abfahrt kannte ich, weil dort gleich die Eisdiele ist), und dann ging es über Lüttgenrode Richtung Hornburg, Wolfenbüttel, und dann war ich auch bald zuhause.

Alles in allem an die 270 km gemacht. Morgens um 11 Uhr los, und um 18.30 Uhr war ich zuhause. Die lange Unterwäsche hatte noch bis 17.30 Uhr gereicht, danach war ich dann wirklich motorradkalt von außen und innen.

Fazit: Manchmal kommt es anders, als man denkt. So schnell brauch ich das nicht noch einmal. Aber wer weiß, welcher Wind morgen weht? Und wohin er mich schubst?
;-)

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