2.9.
Sonntag, gutes
Wetter angesagt – also rauf auf Ellie. Schon um 8.30 Uhr, als ich die
Straßengarage abnahm, merkte ich die herbstliche Luftfrische. Uah, war echt
scheißekalt !!!
Ach, wird schon
okay sein – Winterfutter rein in die Jacke und die Hose, lange Kniestrümpfe,
Funktionsshirts übereinander, Halstuch bis über die Nase, Winterhandschuhe …
Ja klasse – in der
Theorie super.
Die Luft war SEHR
frisch. Die Handschuhe, sonst in der Fahrschule maximal eine Stunde getragen,
wurden mit der Zeit unerträglich, weil das Innenfutter zu unflexibel war. Ich
mußte beim Kupplung- oder Bremsen-Ziehen immer gegenan greifen. Am Ende der
Tour waren meine Finger so überanstrengt, dass ich die Handschuhe am liebsten
in den nächsten Graben gepfeffert hätte …
Ich fuhr
eine kleine Hausrunde – Volzum, Hötzum, Weferlingen, Groß Valberg und dann hoch
über Klein Valberg ins Umland vor Hornburg. Die Heizgriffe kamen zum Einsatz,
und trotz dickerer Kleidung: das Innenfutter war nicht wirklich warm. Da fehlt
es an Funktion. Hatte ich aber schon bei der Bewertung der Jacke und der Hose
nachgelesen. Nur wenn man das dann selber ausprobiert, bekommen die
Kundenbewertungen auf einmal mehr Informationsgewichtung ;-).
Um 10:30 Uhr
machte ich in meiner Gemeinde in Wolfenbüttel-Linden eine zweistündige Pause.
GoDi Plus, jeden 1. Sonntag im Monat - mit Mittagessen. Tolle Sache. Viel moderne Musik, und viel Predigtraum für unsere Prediger "aus der zweiten ersten Reihe". Auch die Worte - modern. Nix pastoral und aufgesetzt, nein: natürlich, und nachvollziehbar. Kostbare Zeitgeschenke eben! Deshalb bin ich da ja auch so gerne. Die Gemeinde hat einfach was besonderes. Da weht "der Geist"!
Tobi, war eine
geniale Predigt gewesen – Respekt. Gerade, weil es Dein „erster Auftritt“ war!
Gesättigt
fuhr ich dann um 12:30 Uhr weiter.
Das Wetter war besser, es wurde auch wärmer. Mein
Weg führte mich zuerst zur freien Tanke in Halchter. Und dann weiter über Ohrum,
Dorstadt, Heiningen. Richtung Harz.
In Werlaburgdorf fuhr ich einfach mal so zwei Motorradfahrern hinterher,
rechts ab Richtung Altenrode. Eine unbekannte Gegend für mich. Das Gebiet östlich von Salzgitter.
Nienrode, Groß-
und Klein Mahner mit schönen sanften Kurven, Alleen, Hügeln, schattigen
Rastplätzen … wo ich mich dann erstmal komplett ausplünnte und das jetzt zu warme
Innenfutter aus Hose und Jacke rupfte. Es wurde dann als unordentlicher Haufen
an meine Soziussatteltasche geschnallt. Die Grillen zirpten, und in der Sonne
waren locker 30°. Horrido, eine Freude war das mit den langen Kniestrümpfen …
also bei der nächsten Tour auch noch andere Strümpfe einplanen. Alles eine
Frage der Organisation. Der Herbst stellt andere Anforderungen, lernte ich bei
dieser Tour! An- und Auszieh-Wetter!
Weiter ging
es – ohne Plan, einfach dem Gefühl nach. Irgendwann kam Liebenburg, und ich
fand den Namen „Lutter am Barenberge“ so nett – also irgendwie hin da.
Mein
Anfahrtsweg war wie der zielgerichtete Weg einer besoffenen Schnecke – aber wen
juckt das! Hinter Lutter dachte ich mir, fahr ich einfach mal an den
schönen Hügeln entlang (ich wähnte mich schon im Harz, aber pustekuchen ;-).
Dann
durchfuhr ich ein BERGgelände – immerhin ging die Anfahrt auf 299 Höhenmeter
(Hainberg/Bockenem). Dort mitten im Wald hatte ich die Begegnung mit einem jungen Fuchs, der einfach
nicht von der Straße wollte. Vielleicht hatte ihn mein Scheinwerferlicht so
fasziniert? Sogar das Hupen ignorierte er. Da kein Auto hinter mir war, konnte
ich mal anhalten und ihn ansprechen. „He du kleiner Fellwurm – bist du
tollwutinfiziert oder warum hast du keine Angst?“
Blöde Frage, ich
weiß. Der kleine Geselle war im übrigen gar nicht so klein – aber Angst hatte
er immer noch nicht. Er war wirklich sehr neugierig, tapste einige Schritte
rechts an den Rand, um dort aus der Entfernung zu gähnen, sich kurz mit der
Vorderpfote über das Gesicht zu putzen, und dann total ohne Eile im Gebüsch zu
verschwinden.
Krass, echt. So
dicht hatte ich ein Wildtier noch nie erlebt – außer flach und zweidimensional
und absolut tot auf dem Asphalt …
Bockenem lag
vor mir, reizte mich aber nicht. Außer mir waren wenig Motorradfahrer
unterwegs. Einmal war ich dann irgendwann unfreiwillig an der Spitze eines Motorradcorsos – tolles Gefühl !
Ich fuhr dann aber rechts ran und ließ die Gruppe überholen. Viele bedankten sich
per Handzeichen. Auch nicht selbstverständlich !
Deshalb umso erfreulicher für mich :-).
Einmal war ich mit
neu erwachter Tapferkeit in einer Kurve, lag schon recht ordentlich schräg für mein Empfinden, da
wurde ich von einem anderen Motorradfahrer jaulend überholt (er selber wirklich
zur Hälfte mit dem Oberkörper im Gegenverkehr, in der nicht einsehbaren Kurve).
Ich zuckte zusammen, und da war meine schöne Kurvenlinie natürlich hinüber.
Gesehen hatte ich ihn nicht, der war ganz plötzlich an mir dran.
Mag sein,
dass der Typ die Strecke wie seine Boxershorts kennt – aber muß sowas sein? Ich
war nicht zu langsam, und zu übersehen war ich auch nicht. Aber vielleicht hat
schon allein meine EXISTENZ auf „seiner Straße“ eine persönliche Störung in seinem
Gehirn (wenn er denn noch eines hatte) verursacht …?
Auf einer
Anhöhe hinter Schlewecke sah ich rechts über meiner Schulter einen Burgturm aus
den Bäumen ragen, und das wollte ich unbedingt untersuchen. Ich fuhr den
Hinweisen nach, und irgendwann schien der Weg zuende. Nur eine schmale und seeehr
holperige Straße führte steil bergan.
Naja, da ich nicht
so wirklich Bock darauf hatte, bei der Wärme mit den klobigen Motorradstiefeln
loszuwandern (logischer Grund, den jeder Moppedfahrer nachvollziehen kann!), tuckerte ich also mit 20 km/h hoch zur Burg.
Die Burg liegt auf
dem Wohldenberg - daher auch der Name Burg Wohldenberg - und hat eine interessante Geschichte!
Die dortige katholische
Gemeinde betreibt am Sonntag ein Café, was jeden Sonntag von 14 bis 17 Uhr
geöffnet hat.
Während ich da also im Burginnenhof zwischen den Bänken flanierte, wurde ich zeitweise verstohlen von den überwiegend älteren
Besuchern angestaunt. Meine Leuchtweste war nun nicht wirklich zu übersehen,
wenn ich da auf dem Gelände herum schlenderte ;-). Ich war die einzige
Besucherin mit motorisiertem Zweirad …
Die Gebäude werden derzeit restauriert - trotzdem lohnt sich der Besuch auf der Burg!
Ein Ehepaar
mit einem extrem fetten Dackel (gibt’s die eigentlich auch in schlank ???)
sprach mich an, als ich den Burgturm bestaunte.
„Der Turm ist 32 Meter hoch,
und von da oben ist mal der Hund unserer Nachbarn runtergefallen – und hatte
nur einen Milzriß – und nach dem Gesundwerden lebte der noch acht Jahre – ist
das zu glauben???“
Der Turm des gefallenen Hundes
Äh – okay, danke
für diese Story :-D.
Die beiden waren
dann noch ganz niedlich und informativ. Und zeigten höfliches Interesse am Motorradfahren, wenn ich ihnen davon mal etwas vorgeschwärmt hatte.
Im Park - oberhalb der Bank ist der Aussichtspunkt zu sehen (Mauer)
Auf dem Aussichtspunkt vom Burgberg
hinunter in das Tal, Richtung Sauberge und Harplage (die Hügel heißen so!)
sprach mich ein jüngerer Mountainbiker an.
„Na, wie fährt
sich denn die schöne, rote Kawa ER5 Twister so?“
Es erübrigte sich
ja, zu fragen, woher er denn wissen würde, dass ich die Fahrerin war …
Er fährt selber
eine Kawa, und ist wie ich auch am liebsten allein unterwegs. Die „Gebückten“
geben ihm nichts, er mag es zwar auch gern etwas rasanter, aber eben nicht im
Gruppendruck. Gab mir viele gute Insidertipps (wobei ich von „Günters Kurve“
schon bei Facebook gehört hatte!) und wir fachsimpelten ein wenig über Kardan,
Kette und Kaffee. Normale Benzingespräche also ;-).
Trotzdem ein
kontrastreiches Gesprächsangebot – von gefallenen Nachbarshunden über
KetteKardanKaffee hin zu herbstlichen Straßenbedingungen, Helmfrisuren (ja
echt!), und Mountainbike.
Die
Kaffeefrauen waren zum Knutschen nett und freundlich, und die Örtlichkeit war
nicht einfach nur ein WC – das war ein komplettes Badezimmer nebst Badewanne,
Fön und Duftseife.
Die Ehrenamtlichen dort geben sich richtig Mühe. Der Kuchen
sah lecker aus, aber da ich noch so satt vom Mittagessen war und weiter wollte,
hob ich mir das für ein anderes Mal auf!
Weiter ging
es über Sillium, Richtung Holle. Ich kam über eine kleine Holzbrücke, unter der
die Innerste floß. Wasser – gut! Mir war warm, ich hatte schwitzige Hände, und
wollte noch eine Pause einlegen.
Wunderschön war es hier - kühl, und das Wasser ebenfalls kühl - und klar
Im nachhinein
erfuhr ich, dass dort ein Abfahrplatz der Ruderer bzw. Paddler ist. Gesehen
habe ich dort aber „nur“ Reiter. Schöne, aber nervöse Pferde, und sehr
freundliche Reiter, die es supernett fanden, dass ich meine Maschine nicht eher
startete, als bis sie vorbei waren.
Später sah ich sie
noch einmal wieder, als sie an anderer Stelle über die Straße gingen. Sie
winkten fröhlich und wünschten „Gute Heimreise!“.
Solche Begegnungen
finde ich immer schön. Ein wenig Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse von anderen
Verkehrsteilnehmern ist keine Anstrengung. Ich habe selber mal geritten, und
was ein nervöses Pferd anstellen kann in seiner Kraft … leider gibt es auch
immer wieder Bescheuerte, die den Hahn des Motorrads extra aufreißen, wenn sie
an einem Pferd mit Reiter vorbei rauschen … so ein Verhalten ist mir
absolut unverständlich.
Ohne großen
Plan ging es dann Richtung Salzgitter. Ich kam am Schloß Oelber vorbei – sehr
schön, muß ich unbedingt mal hin – und dann über Lichtenberge runter nach
SZ-Lichtenberg. Was für eine Aussicht da oben – auf das gesamte Gebiet. Grandios!
Alles so dicht vor
meiner Haustür und in all den Jahren, wo ich hier wohne, nie gesehen, nie
besucht. Ellie öffnet mir eine Welt, die ich nicht mit dem Flugzeug erfahren
muß!
Die ungefähre Route - plus minus etlicher Umwege ;-)
Nach
ungefähr 8 Stunden war ich dann wieder zuhause. Die Handschuhe habe ich
gleich weggelegt, und werde sie vielleicht an jemanden verschenken, der noch kleinere
Hände hat als ich.
Bei POLO in Braunschweig kaufte ich mir einen Tag später
neue, Thermohandschuhe in neongelb. Eigentlich wollte ich das Modell in rot, aber die neongelben
paßten einfach besser. Das muß man wirklich ausprobieren!
Gelbe Weste, gelbe
Handschuhe – paßt doch ;-)
Fazit: eine
knapp 150 km Tour über Hügel, Berge, quer durch das nähere Umland mit vielen
Facetten. Angefangen bei Eiseskälte, bis hin zu „gekochten Füßen“.
Im Herbst
regieren andere Maßstäbe.
Manche
Begegnung war nicht so schön gewesen, wie ich es gern gehabt hätte. Aber da die
Welt nun mal kein Ponyhof ist, werde ich auch aus den weniger angenehmen
Erlebnissen etwas mitnehmen.
Ich kann es nicht
jedem recht machen, und das brauche ich auch nicht. Toleranz und gegenseitige
Rücksichtnahme mögen heutzutage weniger im Vordergrund stehen – das ist für
mich KEIN Grund, es nicht weiterhin so zu praktizieren.
Das blöde Gefühl,
was beim Handzeichen „read between the lines“ oder auch „Mittelfinger zeigen“
aufkommt, was mancher vorzeigt (hab ich erlebt, aber der Typ hat nicht kapiert,
dass ich ihn vorbeigewunken habe, und gedacht, ich würde ihm selbigen
Mittelfinger zeigen – ich sag's ja, blöde steiffutterige Handschuhe !!!!) wird
ausgelöscht durch fröhliches Winken von Kindern, die sich „im Auftrag der
Mutter“ dafür bedanken, dass ich sie vorbei gewunken habe. Weil ich eben
langsamer BIN als so mancher Geländewagen mit drei Buchstaben. Die ich ja sonst echt gefressen habe (Potenzbomber!).
Selbige Mutter
hatte dann an der nächsten roten Ampel extra die Scheibe runtergedreht, gelacht und
gesagt: „Nun sind wir wieder auf der gleichen Höhe – das habe ich nun von
meiner Eile – Sie haben das viel besser gelöst als ich eben!“
Solche Erlebnisse
zählen für mich. Sie sind selten geworden – na und? Deshalb SIND sie ja so
wertvoll.
In diesem Sinne –
euch allen einen weiteren schönen herbstlich besonnten Motorradtag!
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