Ellie und ich

Ellie und ich

Donnerstag, 13. Dezember 2012

2. September 2012 - Turm-Hunde, Kurvenräuber, Freundlichkeit und zu enge Handschuhe



2.9.

Sonntag, gutes Wetter angesagt – also rauf auf Ellie. Schon um 8.30 Uhr, als ich die Straßengarage abnahm, merkte ich die herbstliche Luftfrische. Uah, war echt scheißekalt !!!

Ach, wird schon okay sein – Winterfutter rein in die Jacke und die Hose, lange Kniestrümpfe, Funktionsshirts übereinander, Halstuch bis über die Nase, Winterhandschuhe …

Ja klasse – in der Theorie super.

Die Luft war SEHR frisch. Die Handschuhe, sonst in der Fahrschule maximal eine Stunde getragen, wurden mit der Zeit unerträglich, weil das Innenfutter zu unflexibel war. Ich mußte beim Kupplung- oder Bremsen-Ziehen immer gegenan greifen. Am Ende der Tour waren meine Finger so überanstrengt, dass ich die Handschuhe am liebsten in den nächsten Graben gepfeffert hätte …

Ich fuhr eine kleine Hausrunde – Volzum, Hötzum, Weferlingen, Groß Valberg und dann hoch über Klein Valberg ins Umland vor Hornburg. Die Heizgriffe kamen zum Einsatz, und trotz dickerer Kleidung: das Innenfutter war nicht wirklich warm. Da fehlt es an Funktion. Hatte ich aber schon bei der Bewertung der Jacke und der Hose nachgelesen. Nur wenn man das dann selber ausprobiert, bekommen die Kundenbewertungen auf einmal mehr Informationsgewichtung ;-).

Um 10:30 Uhr machte ich in meiner Gemeinde in Wolfenbüttel-Linden eine zweistündige Pause. GoDi Plus, jeden 1. Sonntag im Monat - mit Mittagessen. Tolle Sache. Viel moderne Musik, und viel Predigtraum für unsere Prediger "aus der zweiten ersten Reihe". Auch die Worte - modern. Nix pastoral und aufgesetzt, nein: natürlich, und nachvollziehbar. Kostbare Zeitgeschenke eben! Deshalb bin ich da ja auch so gerne. Die Gemeinde hat einfach was besonderes. Da weht "der Geist"!

Tobi, war eine geniale Predigt gewesen – Respekt. Gerade, weil es Dein „erster Auftritt“ war!

Gesättigt fuhr ich dann um 12:30 Uhr weiter. 
Das Wetter war besser, es wurde auch wärmer. Mein Weg führte mich zuerst zur freien Tanke in Halchter. Und dann weiter über Ohrum, Dorstadt, Heiningen. Richtung Harz.

In Werlaburgdorf fuhr ich einfach mal so zwei Motorradfahrern hinterher, rechts ab Richtung Altenrode. Eine unbekannte Gegend für mich. Das Gebiet östlich von Salzgitter.

Nienrode, Groß- und Klein Mahner mit schönen sanften Kurven, Alleen, Hügeln, schattigen Rastplätzen … wo ich mich dann erstmal komplett ausplünnte und das jetzt zu warme Innenfutter aus Hose und Jacke rupfte. Es wurde dann als unordentlicher Haufen an meine Soziussatteltasche geschnallt. Die Grillen zirpten, und in der Sonne waren locker 30°. Horrido, eine Freude war das mit den langen Kniestrümpfen … also bei der nächsten Tour auch noch andere Strümpfe einplanen. Alles eine Frage der Organisation. Der Herbst stellt andere Anforderungen, lernte ich bei dieser Tour! An- und Auszieh-Wetter!

Weiter ging es – ohne Plan, einfach dem Gefühl nach. Irgendwann kam Liebenburg, und ich fand den Namen „Lutter am Barenberge“ so nett – also irgendwie hin da. 

Mein Anfahrtsweg war wie der zielgerichtete Weg einer besoffenen Schnecke – aber wen juckt das!  Hinter Lutter dachte ich mir, fahr ich einfach mal an den schönen Hügeln entlang (ich wähnte mich schon im Harz, aber pustekuchen ;-).

Dann durchfuhr ich ein BERGgelände – immerhin ging die Anfahrt auf 299 Höhenmeter (Hainberg/Bockenem). Dort mitten im Wald hatte ich die Begegnung mit einem jungen Fuchs, der einfach nicht von der Straße wollte. Vielleicht hatte ihn mein Scheinwerferlicht so fasziniert? Sogar das Hupen ignorierte er. Da kein Auto hinter mir war, konnte ich mal anhalten und ihn ansprechen. „He du kleiner Fellwurm – bist du tollwutinfiziert oder warum hast du keine Angst?“
Blöde Frage, ich weiß. Der kleine Geselle war im übrigen gar nicht so klein – aber Angst hatte er immer noch nicht. Er war wirklich sehr neugierig, tapste einige Schritte rechts an den Rand, um dort aus der Entfernung zu gähnen, sich kurz mit der Vorderpfote über das Gesicht zu putzen, und dann total ohne Eile im Gebüsch zu verschwinden.

Krass, echt. So dicht hatte ich ein Wildtier noch nie erlebt – außer flach und zweidimensional und absolut tot auf dem Asphalt …

Bockenem lag vor mir, reizte mich aber nicht. Außer mir waren wenig Motorradfahrer unterwegs. Einmal war ich dann irgendwann unfreiwillig an der Spitze eines Motorradcorsos – tolles Gefühl ! Ich fuhr dann aber rechts ran und ließ die Gruppe überholen. Viele bedankten sich per Handzeichen. Auch nicht selbstverständlich !
Deshalb umso erfreulicher für mich :-).
Einmal war ich mit neu erwachter Tapferkeit in einer Kurve, lag schon recht ordentlich schräg für mein Empfinden, da wurde ich von einem anderen Motorradfahrer jaulend überholt (er selber wirklich zur Hälfte mit dem Oberkörper im Gegenverkehr, in der nicht einsehbaren Kurve). Ich zuckte zusammen, und da war meine schöne Kurvenlinie natürlich hinüber. Gesehen hatte ich ihn nicht, der war ganz plötzlich an mir dran.

Mag sein, dass der Typ die Strecke wie seine Boxershorts kennt – aber muß sowas sein? Ich war nicht zu langsam, und zu übersehen war ich auch nicht. Aber vielleicht hat schon allein meine EXISTENZ auf „seiner Straße“ eine persönliche Störung in seinem Gehirn (wenn er denn noch eines hatte) verursacht …?

Auf einer Anhöhe hinter Schlewecke sah ich rechts über meiner Schulter einen Burgturm aus den Bäumen ragen, und das wollte ich unbedingt untersuchen. Ich fuhr den Hinweisen nach, und irgendwann schien der Weg zuende. Nur eine schmale und seeehr holperige Straße führte steil bergan.

Naja, da ich nicht so wirklich Bock darauf hatte, bei der Wärme mit den klobigen Motorradstiefeln loszuwandern (logischer Grund, den jeder Moppedfahrer nachvollziehen kann!), tuckerte ich also mit 20 km/h hoch zur Burg.

Die Burg liegt auf dem Wohldenberg - daher auch der Name Burg Wohldenberg - und hat eine interessante Geschichte! 
Die dortige katholische Gemeinde betreibt am Sonntag ein Café, was jeden Sonntag von 14 bis 17 Uhr geöffnet hat. 
Während ich da also im Burginnenhof zwischen den Bänken flanierte, wurde ich zeitweise verstohlen von den überwiegend älteren Besuchern angestaunt. Meine Leuchtweste war nun nicht wirklich zu übersehen, wenn ich da auf dem Gelände herum schlenderte ;-). Ich war die einzige Besucherin mit motorisiertem Zweirad …

 Die Gebäude werden derzeit restauriert - trotzdem lohnt sich der Besuch auf der Burg!

Ein Ehepaar mit einem extrem fetten Dackel (gibt’s die eigentlich auch in schlank ???) sprach mich an, als ich den Burgturm bestaunte. 

„Der Turm ist 32 Meter hoch, und von da oben ist mal der Hund unserer Nachbarn runtergefallen – und hatte nur einen Milzriß – und nach dem Gesundwerden lebte der noch acht Jahre – ist das zu glauben???“

 Der Turm des gefallenen Hundes

Äh – okay, danke für diese Story :-D.

Die beiden waren dann noch ganz niedlich und informativ. Und zeigten höfliches Interesse am Motorradfahren, wenn ich ihnen davon mal etwas vorgeschwärmt hatte.


 Im Park - oberhalb der Bank ist der Aussichtspunkt zu sehen (Mauer)

Auf dem Aussichtspunkt vom Burgberg hinunter in das Tal, Richtung Sauberge und Harplage (die Hügel heißen so!)  sprach mich ein jüngerer Mountainbiker an.
„Na, wie fährt sich denn die schöne, rote Kawa ER5 Twister so?“

Es erübrigte sich ja, zu fragen, woher er denn wissen würde, dass ich die Fahrerin war …

Er fährt selber eine Kawa, und ist wie ich auch am liebsten allein unterwegs. Die „Gebückten“ geben ihm nichts, er mag es zwar auch gern etwas rasanter, aber eben nicht im Gruppendruck. Gab mir viele gute Insidertipps (wobei ich von „Günters Kurve“ schon bei Facebook gehört hatte!) und wir fachsimpelten ein wenig über Kardan, Kette und Kaffee. Normale Benzingespräche also ;-).

Trotzdem ein kontrastreiches Gesprächsangebot – von gefallenen Nachbarshunden über KetteKardanKaffee hin zu herbstlichen Straßenbedingungen, Helmfrisuren (ja echt!),  und Mountainbike.

Die Kaffeefrauen waren zum Knutschen nett und freundlich, und die Örtlichkeit war nicht einfach nur ein WC – das war ein komplettes Badezimmer nebst Badewanne, Fön und Duftseife.

Die Ehrenamtlichen dort geben sich richtig Mühe. Der Kuchen sah lecker aus, aber da ich noch so satt vom Mittagessen war und weiter wollte, hob ich mir das für ein anderes Mal auf!

Weiter ging es über Sillium, Richtung Holle. Ich kam über eine kleine Holzbrücke, unter der die Innerste floß. Wasser – gut! Mir war warm, ich hatte schwitzige Hände, und wollte noch eine Pause einlegen.

 Wunderschön war es hier - kühl, und das Wasser ebenfalls kühl - und klar

Im nachhinein erfuhr ich, dass dort ein Abfahrplatz der Ruderer bzw. Paddler ist. Gesehen habe ich dort aber „nur“ Reiter. Schöne, aber nervöse Pferde, und sehr freundliche Reiter, die es supernett fanden, dass ich meine Maschine nicht eher startete, als bis sie vorbei waren.
Später sah ich sie noch einmal wieder, als sie an anderer Stelle über die Straße gingen. Sie winkten fröhlich und wünschten „Gute Heimreise!“.

Solche Begegnungen finde ich immer schön. Ein wenig Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse von anderen Verkehrsteilnehmern ist keine Anstrengung. Ich habe selber mal geritten, und was ein nervöses Pferd anstellen kann in seiner Kraft … leider gibt es auch immer wieder Bescheuerte, die den Hahn des Motorrads extra aufreißen, wenn sie an einem Pferd mit Reiter vorbei rauschen … so ein Verhalten ist mir absolut unverständlich.

Ohne großen Plan ging es dann Richtung Salzgitter. Ich kam am Schloß Oelber vorbei – sehr schön, muß ich unbedingt mal hin – und dann über Lichtenberge runter nach SZ-Lichtenberg. Was für eine Aussicht da oben – auf das gesamte Gebiet. Grandios!

Alles so dicht vor meiner Haustür und in all den Jahren, wo ich hier wohne, nie gesehen, nie besucht. Ellie öffnet mir eine Welt, die ich nicht mit dem Flugzeug erfahren muß!

 Die ungefähre Route - plus minus etlicher Umwege ;-)


Nach ungefähr 8 Stunden war ich dann wieder zuhause. Die Handschuhe habe ich gleich weggelegt, und werde sie vielleicht an jemanden verschenken, der noch kleinere Hände hat als ich. 

Bei POLO in Braunschweig kaufte ich mir einen Tag später neue, Thermohandschuhe in neongelb. Eigentlich wollte ich das Modell in rot, aber die neongelben paßten einfach besser. Das muß man wirklich ausprobieren!
Gelbe Weste, gelbe Handschuhe – paßt doch ;-)

Fazit: eine knapp 150 km Tour über Hügel, Berge, quer durch das nähere Umland mit vielen Facetten. Angefangen bei Eiseskälte, bis hin zu „gekochten Füßen“. 
Im Herbst regieren andere Maßstäbe.
Manche Begegnung war nicht so schön gewesen, wie ich es gern gehabt hätte. Aber da die Welt nun mal kein Ponyhof ist, werde ich auch aus den weniger angenehmen Erlebnissen etwas mitnehmen.

Ich kann es nicht jedem recht machen, und das brauche ich auch nicht. Toleranz und gegenseitige Rücksichtnahme mögen heutzutage weniger im Vordergrund stehen – das ist für mich KEIN Grund, es nicht weiterhin so zu praktizieren.

Das blöde Gefühl, was beim Handzeichen „read between the lines“ oder auch „Mittelfinger zeigen“ aufkommt, was mancher vorzeigt (hab ich erlebt, aber der Typ hat nicht kapiert, dass ich ihn vorbeigewunken habe, und gedacht, ich würde ihm selbigen Mittelfinger zeigen – ich sag's ja, blöde steiffutterige Handschuhe !!!!)  wird ausgelöscht durch fröhliches Winken von Kindern, die sich „im Auftrag der Mutter“ dafür bedanken, dass ich sie vorbei gewunken habe. Weil ich eben langsamer BIN als so mancher Geländewagen mit drei Buchstaben. Die ich ja sonst echt gefressen habe (Potenzbomber!).

Selbige Mutter hatte dann an der nächsten roten Ampel extra die Scheibe runtergedreht, gelacht und gesagt: „Nun sind wir wieder auf der gleichen Höhe – das habe ich nun von meiner Eile – Sie haben das viel besser gelöst als ich eben!“

Solche Erlebnisse zählen für mich. Sie sind selten geworden – na und? Deshalb SIND sie ja so wertvoll.

In diesem Sinne – euch allen einen weiteren schönen herbstlich besonnten Motorradtag!
 

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